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Heute klamm, morgen arm

erschienen in Clara, Ausgabe 23,

Vor fünf Jahren beschloss die schwarz-rote Koalition die Rente mit 67. Im Januar 2012 trat das Gesetz in Kraft. Was heißt das für die Generation der jetzt 30-Jährigen? 

»Hilfe«, sagt Elisabeth, »noch 36 Jahre arbeiten.« Elisabeth Schwardt ist 31 Jahre alt, gelernte Erzieherin, danach studierte sie Sozialpädagogik. Ihr Anfangsgehalt in einer Reha-Klinik betrug ganze 1.000 Euro, nach der Einarbeitungszeit 1.500 Euro brutto bei einer 40-Stunden-Woche mit Schicht- und Wochenendarbeit. »Damit überlebt man irgendwie! Mehr aber ist nicht drin.«

Den 34-jährigen Lars Hultzsch traf es noch härter. Er lernte einen Beruf, der immer noch in die Zeit passt: Mediengestalter für digitale und Printmedien. Sein Ausbildungsbetrieb übernahm ihn am Ende der Lehrzeit allerdings nicht. Und so wurde der frisch gebackene Mediengestalter das, was man einen Solo-Selbstständigen nennt. Also Alleinunternehmer, arbeiten auf eigenes Risiko, Aufträge ranschaffen, sich selbst versichern. Er war unter anderem Marketingleiter, brillierte in der Werbung, seine Arbeitswoche hatte sieben Tage, dazu der ständige Termindruck – ein Teufelskreis mit chronischer Unterbezahlung. Sein Traumjob wurde am Ende zum Trauma.

Frauenarbeit – Teilzeitarbeit

Eine aktuelle Studie der Freien Universität Berlin belegt, dass Minijobs, Niedriglöhne, befristete Arbeitsverhältnisse, Zeitarbeit der Anfang für Armut im Alter sind. Wer gering entlohnt wird, hat kaum die Chance, ausreichend Rentenansprüche oberhalb der Grundsicherung im Alter aufzubauen. Die beträgt momentan 684 Euro. Um diese bescheidene Rente zu erreichen, wäre bereits jetzt ein Stundenlohn von gut 9,50 Euro nötig – und 45 Arbeitsjahre. Das erreicht keine Frisörin, kein Leiharbeiter und niemand, der gezwungen wird, Teilzeit zu arbeiten.

Das Problem sind nicht nur geringe Löhne, sondern die Phasen prekärer Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, die sich als Brüche in der Arbeitsbiografie von immer mehr Menschen auf die Rentenerwartung niederschlagen. Frauen trifft es besonders hart. Sie arbeiten häufig im schlecht bezahlten Dienstleistungs- und Gesundheitssektor. Im Jahr 2009 war fast die Hälfte aller Neueinstellungen befristet – jede zweite Berufseinsteigerin bekam nur eine Arbeitschance auf Zeit. Auch stieg die Zahl der weiblichen Solo-Selbstständigen, ebenfalls in der Regel im Dienstleistungsbereich. Ihr Einkommen reicht oftmals nicht für eine armutsvermeidende Alterssicherung.

Die Aussichten sind trübe: »Die Altersarmut wird sich in den nächsten Jahren dramatisch verschlimmern«, warnt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Nach Schätzungen des Verbands wird sich der Anteil der über 65-Jährigen, die wegen zu geringer Rentenansprüche auf Grundsicherung angewiesen sind, bereits bis zum Jahr 2025 von heute 2,5 Prozent auf 10 Prozent vervierfachen.

Die Zukunft macht Angst

Elisabeth Schwardt besitzt gleich zwei Berufsabschlüsse. Beide im sozialen Bereich. Ein Arbeitsfeld, in dem häufig nur Beschäftigungen zwischen 20 und 30 Stunden angeboten werden. Da bleibt am Ende wieder wenig im Portemonnaie. Einst hatte Elisabeth Schwardt gelernt, studiert, Praktika gemacht, um berufliche Perspektiven zu haben. Und nebenbei hatte sie immer ihren Lebensunterhalt verdient. Auch während des Studiums. Es reichte damals gerade so zum Überleben. Viel besser ist es heute immer noch nicht. Trotz bester Abschlüsse.

Lars Hultzsch ist gescheitert mit seiner beruflichen Eigenständigkeit. Mittlerweile ist er verheiratet, hat eine kleine Tochter. Bevor er in der Schublade Hartz IV landete, hat er alles versucht. Er war Zeitarbeiter, nahm jeden Gelegenheitsjob an, verdingte sich beim Wachschutz auf Messen, jobbte bei Catering-Firmen. Seine Familie davon ernähren konnte er zu keiner Zeit. Das jüngste Angebot aus seinem Jobcenter hieß in diesen Tagen erneut: Beschäftigung auf 400-Euro-Basis. Also wieder keine sozialversicherungspflichtige Arbeit und damit wieder keine Chance auf eine armutsvermeidende Rente. 

Mit Blick auf das Alter und eine gerechte Rente meint Lars Hultzsch, er gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich für seine Generation das bedingungslose Grundeinkommen durchsetze. Es sind ja noch über 30 Jahre Zeit. Da könnte die Politik etwas ändern. Doch darauf allein baut Lars Hultzsch nicht: Er ist längst Aktivist bei Occupy und anderen sozialen Netzwerken. Gesellschaftliche Teilhabe ist eben mehr als Erwerbsarbeit. Wenn dieser Gedanke zu Ende gedacht wird, dann müsste auch »niemand mehr mit einer Rente auf Hartz-IV-Niveau abgespeist werden«.

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