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Griechische Tragödie

erschienen in Clara, Ausgabe 19,

Griechenland bekam als erstes europäisches Land die Folgen der Euro-Krise
zu spüren. Nun leidet die Bevölkerung unter den Rettungsprogrammen.

Athen. „Diebe, Diebe!“, schallt es aus tausenden von Kehlen. Eine der regelmäßig stattfindenden Demonstrationen zieht in der griechischen Hauptstadt am Parlament vorbei. Für die Mehrheit der Bevölkerung sitzen hier die Verantwortlichen für die Krise, die das Land an den Rand des Bankrotts gebracht hat.


Christina Tsiamas ist eine von ihnen. Die 44-Jährige lebt mit ihrem Mann in Kifissia, einem Stadtteil Athens. Sie arbeitet als Angestellte einer Firma für Weiterbildung, die dem Arbeitsministerium untersteht. „Wir sind wütend, und diese Wut müssen wir auf die Straße tragen“, sagt sie. „Aber nicht gewalttätig, sondern friedlich.“ Die militanten Auseinandersetzungen mit der Polizei, die in Griechenland bei Massendemonstrationen häufig vorkommen, lehnt sie ab.


Die Wut von Frau Tsiamas richtet sich gegen die sozialdemokratische Regierung, die seit April vergangenen Jahres zahlreiche Sozialkürzungen beschlossen hat. Zuvor hatten Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit Griechenlands herabgestuft, daraufhin stiegen die Zinsen für neue Kredite, dem Land drohte der Bankrott. Um eine Staatspleite abzuwenden, gewährten schließlich die Europäische Union und der Internationale Währungsfonds Kredite in Höhe von insgesamt 110 Milliarden Euro. Im Gegenzug verlangten sie von der griechischen Regierung weitreichende Sparmaßnahmen.


Niedrigere Löhne, höhere Steuern


Die Regierung senkte die Staatsausgaben. Sie strich die Renten zusammen, kürzte die Löhne und verkauft öffentliche Unternehmen. Gleichzeitig erhöhte sie die Steuern für die Mehrheit der Bevölkerung. Diese Politik traf als Erstes die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Ihnen kürzte die Regierung die Gehälter um rund zehn Prozent. „Früher habe ich rund 20.000 Euro netto im Jahr bekommen. Jetzt bleiben mir nur noch etwas mehr als 17.000 Euro“, rechnet Christina Tsiamas vor.


Die Pläne der Regierung, auch in der privaten Wirtschaft Weihnachts-, Oster- und Urlaubsgeld komplett zu streichen, scheiterten bisher am Widerstand der Gewerkschaften und des Einzelhandelsverbands. Schon heute ächzt die griechische Wirtschaft unter der Erhöhung der Mehrwertsteuer von 19 auf 23 Prozent, unter höheren Steuern für Alkohol, Tabak und Benzin. Zehntausende kleiner Betriebe mussten bereits schließen. Die Arbeitslosigkeit ist um ein Drittel gestiegen und lag im Januar 2011 bei 14,8 Prozent. Die Inflationsrate betrug fünf Prozent.


„Fast jede Familie im ganzen Land ist von den Kürzungen betroffen“, berichtet Grigoris Maros, ein 21-jähriger Student der Automatisierungstechnik an einer Fachhochschule in der Nähe von Athen. Zusammen mit seinem Bruder lebt er bei den Eltern. Seinem Vater, einem Angestellten der städtischen Verkehrsbetriebe, wurden die Bezüge gekürzt. Seine Mutter Vicki hat ihre Stelle als Sekretärin in einer Zahnarztpraxis verloren. Der Job der 46-Jährigen wird fortan von der medizinischen Assistentin miterledigt. Grigoris Maros selbst hat ein Semester eingebüßt, weil er in der Prüfungsperiode Geld verdienen musste.


„Nichts ist mehr planbar“


Wie viele junge Menschen in Griechenland träumt Grigoris Maros davon, nach Deutschland oder England auszuwandern. „In meiner Heimat finde ich nach dem Studium wohl keine Arbeit. Es wird immer schlechter“, sagt er. Auch das aktuelle Semester wird er wohl wieder verlieren. Mehrere Wochen lang hatten Dozenten das Institut besetzt, weil sie keinen Lohn erhielten. Auch weil Streiks den öffentlichen Personennahverkehr lahmlegten, fielen viele Lehrveranstaltungen aus. In der Zeit, in der er nicht studieren kann, würde er zumindest gerne Geld verdienen. Doch selbst im sonst florierenden Ostergeschäft sind keine Jobs zu bekommen.


Während bei Grigoris Maros Fernweh und Abenteuerlust die Unsicherheit überwiegen, breitet sich in der griechischen Bevölkerung Pessimismus aus. Laut einer Anfang März 2011 veröffentlichten Umfrage erwarten vier von fünf Befragten, dass sich die eigene und die allgemeine wirtschaftliche Lage verschlechtern werden.


„Nichts ist mehr planbar“, sagt Christina Tsiamas. Bisher habe sie als öffentlich Angestellte damit rechnen können, ihre Stelle bis zur Pensionierung zu behalten. „Heute haben wir alle das Gefühl, man wartet nur auf den geeigneten Moment, um uns rauszuschmeißen“, erzählt sie. Eigentlich wollte sie sich ein Eigenheim kaufen. Ob sie an diesem Plan festhalten wird, ist nun ungewiss. „Besonders schockiert mich, dass Freunde angesichts der unsicheren Zukunft ihren Wunsch nach Kindern aufgeben.“

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