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Gleichstellung macht noch keinen Feminismus

erschienen in Lotta, Ausgabe 11,

DIE LINKE streitet für einen linken sozialistischen Feminismus. Was will er? Warum brauchen wir ihn?

Die Forderungen der feministischen Aktivistin Laurie Penny, die mit ihrem jüngsten Buch „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ erneut von sich reden machte, haben bei ihrer LeserInnenschaft großen Anklang gefunden. Penny vertritt einen Feminismus, der über eine Gleichstellungspolitik mit den üblichen Quoten und Entgeltgleichheitsforderungen hinausgeht und nichts Geringeres als einen radikalen Systemwechsel fordert. Einen Wandel, der sich nicht in der Formel „He for she“ erschöpft – wie von der Schauspielerin Emma Watson und der UN gefordert – sondern der wirklich an die Wurzel des Übels will: Eine radikale Kritik am Patriarchat und am Kapitalismus, die beide oft Hand in Hand gehen. Die Zeit ist reif für einen neuen, radikalen, linken Feminismus!

Wir haben die Quote, das Elterngeld und die jährliche Mahnung „gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit“ am Equal Pay Day. Aber das reicht nicht. Es reicht nicht, eine Quote von 30 Prozent Frauenanteil in den Führungsetagen zu haben. Es reicht nicht, dass mittlerweile die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als wichtig angesehen wird oder die „Pille danach“ endlich rezeptfrei in den Apotheken abgegeben wird. Wir freuen uns über diese Errungenschaften. Sie sind hart erkämpft. Aber sie reichen nicht. Sie sind am Ende nur Ausdruck einer Politik, die Frauen den Männern gleichstellen will. Das Idealbild eines linken Feminismus ist aber nicht der Mann. Frauen sollen nicht als halbfertige Kopien des Mannes verstanden werden. Um es deutlich zu sagen: Die erreichten gleichstellungspolitischen Maßnahmen sind richtig und wichtig, aber sie gehen über den Gleichstellungsgedanken eben auch nicht hinaus.

Wenn wir über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sprechen, reden wir aus der Perspektive, aus der heraus Frauen alles schaffen: Kinderbetreuung, Haushalt, Job. Wir sprechen nicht davon, ob der Mann das auch alles schafft. Denn automatisch wird immer noch davon ausgegangen, dass die Frau „natürlicherweise“ für Kinderbetreuung und Haushalt zuständig ist. Wir fragen auch nicht, ob ein Vollzeitjob für das Leben überhaupt sinnvoll ist. Geschweige denn, warum der Mann – statt über 40 Stunden in der Woche zu arbeiten – nicht bei seinen kleinen Kindern zu Hause bleibt oder in Teilzeit arbeitet. Und wir fragen zu selten, ob ein gelingendes Leben nicht mehr ist, als das Jonglieren zwischen arbeiten in Vollzeit, Haushalt, Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen. Der Slogan „Die Arbeitszeit muss sich mehr um das Leben drehen und das Leben weniger um die Arbeit“ wäre für solch ein Nachdenken ein guter Anfang.

Dass gleichstellungspolitische Forderungen allein nicht ausreichen, zeigt auch die Quote für Frauen in Führungspositionen. In jedem Unternehmen, das mitbestimmungspflichtig und börsennotiert ist, gilt seit Mai dieses Jahres eine Dreißig-Prozent-Quote zur Gleichstellung von Frauen und Männern in den oberen Strukturen. Unternehmen, die entweder börsennotiert oder mitbestimmungspflichtig sind, sind an keine feste Quote gebunden, sondern dürfen sich eine selbstgewählte Zielquote setzen. Das ist Gleichstellungspolitik par excellence: nicht ganz falsch, aber eben auch nicht weltverändernd. Wirklich gerecht wäre eine Quote, die die tatsächlichen Verhältnisse widerspiegelt. Also eine Quote von 50 Prozent, auch um dem strukturellen Sexismus in der Gesellschaft, in Wirtschaft und Politik entgegenzutreten. Nur so lassen sich Strukturen aufweichen, durch die Frauen immer noch an die gläserne Decke stoßen. Es geht aber nicht nur um Aufstiegschancen, um Karriere, sondern auch um die Wahl von Berufen. Um die Wahl von sogenannten typischen Frauen- und Männerberufen. Warum werden Frauen selten Kfz-Mechatronikerinnen und Männer ebenso selten Kitaerzieher oder Pfleger? Ursachen liegen in den Betriebs- und Branchenkulturen und in der öffentlichen Präsentation der Berufsbilder: Es gibt kaum Vorbilder und Berufsfelder werden Auszubildenden von Berufsberaterinnen und Beratern in der Regel „geschlechterpassend“ präsentiert. Die Zeit ist also reif für einen anderen Blick, für einen Wandel für die und in der Arbeitswelt.

Wir verstehen einen linken Feminismus als Weg und Ziel, hin zu einem schönen Leben. Denn linker Feminismus hinterfragt bestehende Herrschaftssysteme, kämpft entschlossen gegen Sexismus, Rassismus, Heteronormativität und Klassismus, also gegen die Abwertung von Menschen allein aufgrund ihrer sozialen Stellung und Herkunft. Feminismus, wie wir ihn verstehen, öffnet Räume für eine Vielfalt der Lebens-, Liebes-, Arbeits- und Zeitkonzepte. Er lässt Platz für ehrenamtliches Engagement, für Spiel und Spaß und Muße. Linker Feminismus ermöglicht emanzi - patorische Konzepte von Familie in nicht normierten Rollenmustern. Und er will den mündigen, emanzipierten Menschen, der sich frei von Zwängen entfalten kann.

Der Satz von Peter Weiss gilt immer noch: „Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen.“ Der Feminismus, für den wir kämpfen, ist der Stachel im Fleisch des Establishments. Er steht für die Freiheit von Frauen, für die Freiheit aller Geschlechter!

Jana Hoffmann ist Referentin für feministische Politik der Fraktion DIE LINKE