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Gleichstellung ist mehr als Quote

Von Yvonne Ploetz, erschienen in Clara, Ausgabe 29,

Eine gerechte Gesellschaft muss Frauen und Männern gleiche Verwirklichungs- und Teilhabechancen einräumen. Wer dabei auf Freiwilligkeit setzt, will keine wirkliche Gleichstellung, sagt Yvonne Ploetz.

 

Mitte April 2013 liegt im Deutschen Bundestag der Hauch einer Chance in der Luft. Einen Augenblick lang. Etliche CDU-Frauen hatten angekündigt, dem Bundesratsantrag zur Einführung einer gesetzlichen Frauenquote in großen Unternehmen zuzustimmen. Laut Antrag – der vom Hamburger Senat im Bundesrat initiiert worden war – sollte diese Quote 20 Prozent betragen, und die Umsetzung hätte Zeit bis zum Jahr 2018. Also kein Riesenschritt, kein Meilenstein, schon gar nicht im europäischen Vergleich, aber immerhin ein erster Fußabdruck. Eine echte Quote in Vorständen und Aufsichtsräten – so DIE LINKE – sähe ohnehin anders aus, sie müsse 50 Prozent betragen.

Ursula von der Leyen, CDU-Arbeitsministerin, lehnte sich im Vorfeld der Bundestagsdebatte weit aus dem Fenster. Am Tag der Entscheidung selbst war dann kein Wort von ihr zu hören. Die geplante Rede zur Frauenquote ließ sie absagen. Und am Ende stimmten von der Leyen, die CDU-Fraktion, aber auch der kleine gelbe Regierungspartner gegen den Antrag. Die Frauen dort beugten sich dem Machtkalkül ihrer Fraktionen, votierten damit nicht nur gegen sich selbst, sondern gegen alle Frauen, die als Mitentscheiderinnen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur und Bildung die Balance in der Gesellschaft verändern könnten.

DIE LINKE hat dem eingereichten Quotenkompromiss zugestimmt, wohl wissend, dass es nicht nur um gut verdienende Managerinnen geht, sondern um den berühmten Fuß in der Tür. Letztlich geht es um viel mehr – um Geschlechtergerechtigkeit, um Mitbestimmung, um die Aufhebung von klar fixierten männlichen und weiblichen sozialen Rollen.

Es ist erstaunlich, denn obwohl in den letzten Jahren Frauen Männer bildungspolitisch nicht nur eingeholt, sondern überholt haben, sind sie im Berufs- und Familienleben nach wie vor benachteiligt beziehungsweise überdimensional belastet. 52 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung sind Frauen. Sie verdienen bei gleicher Qualifikation durchschnittlich 22 Prozent weniger als Männer. Auch bilden Frauen mit 65 Prozent die größte Gruppe im Niedriglohnbereich. Und obwohl vor über zehn Jahren die Spitzenverbände der Wirtschaft und die Bundesregierung – damals noch unter Kanzler Gerhard Schröder, der Familien- und Gleichstellungspolitik als „Gedöns“ disqualifizierte – vereinbart hatten, die Karrierechancen für Frauen zu verbessern, stagniert das Verhältnis seit dem Jahr 2006 auf gleich niedrigem Niveau. Es bleibt bei Vorzeigefrauen. Im Jahr 2012 waren nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung lediglich vier Prozent der Vorstandsposten der Top-200-Unternehmen mit Frauen besetzt.

Für DIE LINKE sind Quoten und damit klare Vorgaben unausweichlich. Allein schon deshalb, weil so auch tradierte Rollenbilder von Frauen und Männern im Alltag weitaus schneller aufbrechen würden. Wenn Frauen berufstätig sind, bleibt das auf Dauer nicht ohne Wirkung für die Arbeitsteilung in den eigenen vier Wänden. Doch wie auch immer Familien, Frauen und Männer sich privat einigen, wer vorrangig das Haushaltseinkommen verdienen und wer die sogenannten Kümmerarbeiten leisten soll, um Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, braucht es vor allem eins: politische Weichenstellungen. Dazu zählen ausreichende Betreuungsangebote für Kinder ab dem ersten Lebensjahr, Ganztagsschulen, die Chance auf flexible Arbeitszeitgestaltung, das Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit und eine sozialversicherungspflichtige und existenzsichernde Entlohnung. Vor allem und besonders für Frauen.

Gute Löhne schützen Frauen vor Altersarmut

Eine aktuelle Forsa-Studie belegt, dass nach wie vor Frauen zugunsten der Familie auf eigene berufliche Karrieremöglichkeiten verzichten. Das Modell „Der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau Teilzeit und kümmert sich vorrangig um Haushalt und Kinder“ funktioniert bei 40 Prozent der Paare. Mit spürbaren Spätfolgen für die Frauen. Denn ein geringer Verdienst bedeutet im Alter auch eine geringe Rente und heißt für viele Frauen eine lebenslange ökonomische Abhängigkeit vom Partner. DIE LINKE hat das vor gut einem halben Jahr nach einer Großen Anfrage bei der Bundesregierung zur Alterssicherung und Altersarmut von Frauen in Deutschland erneut bestätigt bekommen. Schon jetzt haben zwei von drei Frauen eine Altersrente unterhalb der Grundsicherung. Frauen, die im Jahr 2011 erstmals Rente bezogen, erhalten im Schnitt 520 Euro.

DIE LINKE hat darum nie aufgehört, in Debatten und mit Anträgen im Bundestag bessere Löhne für Frauen, die Abschaffung von Minijobs, die Einschränkung des Niedriglohnsektors, den Aufbau eigenständiger Rentenansprüche, den bedarfsgerechten Ausbau der Kinderbetreuung und die besondere Unterstützung von Alleinerziehenden anzumahnen und einzuklagen (siehe Kasten). Fairness, Teilen, Umverteilen – das ist der Weg für mehr Gerechtigkeit und Gleichheit zwischen den Geschlechtern. Hinzu kommt ein Nachdenken über zusätzliche Arbeit, die Frauen leisten, die ihnen aber kaum gesellschaftlich und finanziell Anerkennung bringt. Dazu zählen Ehrenämter, Pflegezeiten für Angehörige und Kinderbetreuungszeiten.

Es gäbe einen geraden Weg für mehr Gleichstellung. Man müsste nur konsequent Politik dafür machen: für Frauenrechte, für eine andere Kultur im Umgang miteinander. Für DIE LINKE bedeutet das, immer und immer wieder unangenehme Fragen zu stellen und den Regierungsverantwortlichen auf die Füße zu treten. Das haben wir in der jetzigen Wahlperiode getan, im Parlament, aber auch mit vielen Aktionen außerhalb des Bundestags. Wir glauben an eine faire Gesellschaft, an ein Miteinander von Menschen, die sich nicht fürchten müssen vor Gewalt, Armut oder Ausgrenzung. Wir glauben an eine Gesellschaft, in der Teilhabe für jede und jeden selbstverständlich ist.

Yvonne Ploetz ist frauenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE

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