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Gesundheit in Gefahr

erschienen in Klar, Ausgabe 33,

Weite Wege zum Arzt, lange Wartezeiten und Personalmangel in Krankenhäusern: In vielen Regionen krankt die Gesundheitsversorgung.

Verstörende Szenen voriges Jahr in Gera in Thüringen: Als dort eine neue Augenarztpraxis öffnet, drängeln sich ab 5 Uhr in der Früh hunderte Menschen vor dem Gebäude, um einen Termin zu bekommen. Ähnliche Bilder in der sächsischen Kreisstadt Döbeln: Nachdem dort ein Ärztehaus eröffnet hatte, bildete sich eine 200 Meter lange Schlange.

Trotzdem gibt es Unterversorgung offiziell nicht. Kein Wunder: Unterversorgung wird in Sachsen, Thüringen und anderswo in Deutschland anhand formaler Kriterien definiert. Mit der Praxis haben diese wenig zu tun.

Vielerorts erleben Menschen hautnah den Gegensatz zwischen Planung und Realität. Bernd Spolwig aus Cunnersdorf in Sachsen ist einer von ihnen. Vor einem Jahr schloss die Praxis in seinem Heimatort. Der 49-Jährige hatte noch Glück: Ein Hausarzt im sechs Kilometer entfernten Kamenz übernahm ihn und die anderen Patienten. Spolwig kann dessen Praxis mit dem Pkw erreichen. Wie das die älteren Dorfbewohnerinnen und -bewohner schaffen, weiß er nicht.

Insbesondere in ländlichen Regionen finden Ärztinnen und Ärzte keine Nachfolge für ihre Praxen. In Zukunft dürfte das Problem noch größer werden. Für Sachsen beispielsweise schlägt eine neue Studie Alarm: In den kommenden elf Jahren wird für 70 Prozent aller Hausarztpraxen eine Nachfolge gesucht, zudem wird ein verschärfter Mangel an Fachärzten für altersbedingte Krankheiten prognostiziert.

Ans Alter mag Bernd Spolwig gar nicht denken, denn schon jetzt werden gewöhnliche Erkrankungen zum Problem. Für Fachärzte muss er oft 50 Kilometer weit nach Dresden reisen. Zudem wartet er extrem lange auf Termine. Derzeit plagen ihn heftige Schmerzen in der Schulter. Einen MRT-Termin hat er aber erst in mehr als drei Monaten bekommen. Auf einen Augenarzttermin hat er schon einmal sechs Monate gewartet. Auch das ist kein spezifisch sächsisches Problem: Kürzlich schockte ein Test der Zeitung FAZ die Republik. Bei 120 Fachärztinnen und -ärzten bundesweit testete diese die Terminvergabe. Das Ergebnis: In 40 Prozent der Anfragen gab es keinen Termin oder einen, der mehr als vier Wochen in der Zukunft lag. Das Ergebnis verschlimmerte sich sogar, wenn gesetzlich Versicherte nach Terminen fragten.

Doch Probleme gibt es nicht nur im Bereich der ambulanten Versorgung, sondern auch in den Krankenhäusern. Dort herrscht Personalmangel. Bundesweit wurden in den letzten Jahren zehntausende Stellen gestrichen. Allein an deutschen Krankenhäusern fehlen laut der Gewerkschaft ver.di 162 000 Stellen, darunter 70 000 Pflegekräfte. Diese Probleme kennt die examinierte Krankenschwester Susanne Schaper aus Chemnitz zur Genüge.

„Die Situation ist düster“, sagt Schaper. Das Personal leide unter extremer Arbeitsverdichtung, die Tätigkeit sei körperlich extrem belastend und der Lohn niedrig. „Und das alles bei chronischer personeller Unterbesetzung.“ Bundesweit gibt es keine gesetzliche Regelung, welche die Anzahl der Pflegekräfte, etwa in Relation zu den Betten oder Patienten, regelt. Ein Ausweg aus dem Dilemma: Eine Mindestpersonalbemessung für Pflegekräfte in Krankenhäusern.

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