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„Fürsorge und Pflege lassen sich nicht rationalisieren“

Von Katja Kipping, erschienen in Klar, Ausgabe 38,

Mit der Kampagne „Das muss drin sein.“ will DIE LINKE darauf hinwirken, dass in den Bereichen Erziehung, Gesundheit und Pflege mehr Personal eingestellt wird, erläutert Katja Kipping.

DIE LINKE beklagt, dass es in Kitas, Kliniken und Pflegeheimen an Personal mangelt. Wie hoch ist der Bedarf?

Katja Kipping: Überall wird deutlich mehr Personal benötigt, als gegenwärtig vorhanden ist. Allein in Krankenhäusern und Kliniken fehlen rund 100 000 Pflegekräfte. Dort herrschen teils unhaltbare Zustände: So ist in Nachtschichten mancherorts eine einzige Krankenpflegerin für 30 Patientinnen und Patienten zuständig.


Was sind die Folgen?


Die Pflegekräfte sind überlastet. Das gefährdet die Sicherheit der Patientinnen und Patienten und die Gesundheit der Pflegekräfte. In deutschen Krankenhäusern herrscht ein regelrechter Pflegenotstand.


Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen diesen Zuständen und der zunehmenden Privatisierung von Krankenhäusern?


Die dramatische Unterfinanzierung der öffentlichen Krankenhäuser führt dazu, dass ein extremer Kostendruck besteht. Dieser Druck wird auf das Personal abgewälzt. Immer weniger Ärztinnen und Pfleger müssen in immer weniger Zeit immer mehr Arbeit leisten. Mittlerweile wird sogar die Zeit bemessen, die eine Krankenpflegerin am Bett des Patienten verbringen darf. Doch Fürsorge und Pflege lassen sich nicht rationalisieren.


Wie schätzen Sie den Kitabereich ein?


Bei den Erzieherinnen fehlen laut der Gewerkschaft ver.di bundesweit etwa 120 000 zusätzliche Stellen, um sicherzustellen, dass eine Erzieherin maximal drei Kinder unter drei Jahren gleichzeitig betreut.


Auch im Bereich der Altenpflege wird immer wieder von Personalmangel gesprochen.


In der Altenpflege gibt es zwei Probleme. Erstens, es mangelt an Personal. Das liegt auch daran, dass – zweitens – die Bezahlung viel zu niedrig ist. Pflegekräfte im Altenpflegeheim verdienen zum Beispiel rund 30 Prozent weniger als in einem Krankenhaus. Hinzu kommt, dass die Bezahlung in Ost und West sehr unterschiedlich ist: Eine Altenpflegerin in Baden-Württemberg verdient fast 1.000 Euro mehr als ihre Kollegin in Sachsen-Anhalt.


Betroffen von Personalmangel und schlechter Bezahlung sind vor allem Frauen.


Es ist ein gesellschaftliches Problem, dass vor allem Berufe, in denen mehrheitlich Frauen tätig sind, weniger wert scheinen. Warum verdient jemand, dem wir unser Geld anvertrauen, mehr, als die Person, der wir unsere Kinder oder unsere pflegebedürftigen Eltern anvertrauen?


DIE LINKE hat die von Ihnen geschilderten Zustände zum Schwerpunkt der Kampagne „Das muss drin sein.“ gemacht. Was ist das Ziel der Kampagne?


Mit dieser Kampagne soll das Thema soziale Sicherheit stärker ins Zentrum rücken. Mehr Personal in Pflege, Bildung und Erziehung – das ist eine der Forderungen. Aber es geht auch um die Aufwertung von Pflege- und Erziehungsarbeit insgesamt.


Was unternimmt DIE LINKE im Parlament, um für mehr Personal zu sorgen?


Dort untermauern wir die Kampagne durch Anträge und Anfragen. So hat DIE LINKE beantragt, die Krankenhausfinanzierung auf solide Füße zu stellen, indem die diagnoseorientierten Fallpauschalen abgeschafft werden. Dadurch würde eine der zentralen Ursachen für die Personalmisere an Krankenhäusern beseitigt. DIE LINKE hat zudem eine gesetzliche Regelung für eine bedarfsgerechte Personalbemessung an Krankenhäusern gefordert.


Was ist das?


Es geht darum, mit einem bundesweit verbindlichen Verfahren zu regeln, wie die Stellenpläne der Krankenhäuser zu berechnen sind. Das Ziel ist eine qualitativ hochwertige Pflege und Versorgung für alle.


Interview: Ewald Riemer


Katja Kipping ist sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE und Vorsitzende der Partei DIE LINKE

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