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Fürs Geldverdienen sind die Frauen zuständig

erschienen in Clara, Ausgabe 15,

 immer mehr Frauen leben in der Rolle der Familienernährerin. Meist unfreiwillig und zu katastrophalen Bedingungen.

Das Modell ist in Westdeutschland der Klassiker: Die Mutter sorgt für Haushalt und Kinder, der Vater geht arbeiten. Als Familienernährer erwirtschaft er den Lebensunterhalt der Familie. Wenn die Kinder größer sind, verdient seine Ehefrau vielleicht etwas hinzu. Oder sie versorgt die pflegebedürftigen Eltern- bzw. Schwiegereltern. Bürgerlicher Traum seit Jahrhunderten und seit 20 Jahren auch wieder Realität im vereinten Deutschland.

Persönliche Abhängigkeitsverhältnisse, Armut der Frauen nach Scheidung oder im Alter gehören zu den üblichen Folgeerscheinungen dieses Lebensmodells. Der traditionellen Arbeitsteilung zu entkommen, war und ist in den westdeutschen Bundesländern nicht leicht. Egal ob Ehegattensplitting, Mini-Jobs oder die Bedarfsgemeinschaften bei Hartz IV, das Leitbild der Ernährerehe durchzieht alle Bereiche der bundesdeutschen Gesetzgebung. Fehlende öffentliche Kinderbetreuung und die anhaltende Lohndiskriminierung von Frauen verfestigen die Geschlechterrollen. Gerade für typische Frauenberufe, wie etwa im Einzelhandel, werden Niedriglöhne bezahlt, von denen niemand leben kann. Die Anreize des bundesdeutschen Steuer- und Sozialsystems haben die oft zitierte Erwerbsneigung ostdeutscher Frauen nicht eindämmen können. Doch auch dort haben die hohe Arbeitslosigkeit, die Ausweitung prekärer Beschäftigung und die Ausdünnung des Angebots an Kinderbetreuung ihre Spuren hinterlassen.

Dabei möchten immer mehr Frauen und Männer andere Rollenmodelle leben. Nach einer Umfrage von Sinus Sociovision 2007 wünscht sich ein Drittel der Befragten eine gleichberechtigte Partnerschaft. Männer und Frauen sollten gleichermaßen erwerbstätig sein können und sich die Sorge um Haushalt und Kinder teilen. Nur noch etwa die Hälfte aller Befragten zieht eine traditionelle Rollenverteilung vor. Und dann gibt es noch einige wenige, die einen kompletten Rollentausch erwägen. Zwei Prozent der Befragten wünschen sich eine Umkehrung der traditionellen Verhältnisse.

Frauen immer mehr Ernährerin der Familie

Für viele Menschen ist diese Situation ungewollt bereits Alltag. Die Familienernährerin ist stark im Kommen. Dr. Christina Klenner vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung und Prof. Ute Klammer von der Universität Duisburg-Essen haben herausgefunden, dass 2007 in fast jedem fünften Haushalt eine Frau den Hauptteil des Einkommens für sich, ihre Kinder und/oder ihren Partner erwirtschaftete. Reine Single- oder Rentnerhaushalte haben sie dabei nicht mitgezählt. Ein echter Rollentausch findet jedoch fast nie statt. Die meisten Frauen kümmern sich zusätzlich um Haushalt und Kinder, besonders dort, wo keine Ganztagsbetreuung für Kinder angeboten wird.

Diese Familienernährerinnen sind vermutlich nur die Spitze eines Eisberges. Zum einen stammen die ausgewerteten Daten aus der Zeit vor dem Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise. Seitdem haben zahlreiche Menschen ihre Arbeitsplätze verloren. Besonders in der Industrie beschäftigte Männer sind betroffen. Zum anderen erfassten die Forscherinnen nur jene Frauen, die mehr als 60 Prozent des Familieneinkommens erarbeiteten. Unberücksichtigt blieben damit alle Frauen, die ein so geringes Einkommen erzielen, dass dieses die Grundsicherung ihres erwerbslosen Partners nur unwesentlich übersteigt.

Meist unfreiwillig und zu Niedriglöhnen

Die zunehmende Zahl weiblicher Hauptverdiener lässt sich in keiner Weise auf den beruflichen Aufstieg von Frauen und auf bessere Löhne zurückführen. Im Gegenteil: ungeplant und ohne ausreichendes Einkommen – diese beiden Aspekte sind bezeichnend für die Situation der meisten Betroffenen. »Frauen werden zu Familienernährerinnen häufig unfreiwillig, entweder als Partnerinnen von prekär beschäftigten oder arbeitslosen Männern oder als allein Erziehende« fassen Klenner und Klammer ihre Forschungsergebnisse zusammen.
Die Ursachen sind in Ost und West jedoch unterschiedlich. In den neuen Bundesländern ist der Jobverlust des Mannes ausschlaggebend. 42 Prozent der Partner von Familienernährerinnen sind erwerbslos. In den alten Bundesländern ist dagegen sein niedriges Einkommen der Hauptgrund. Fast die Hälfte der Partner von Familienernährerinnen arbeitet Vollzeit. Trotzdem trägt ihre Partnerin mehr zum Haushaltseinkommen bei. Dabei verdienen sie selbst nicht genug. Meist haben die Frauen ein geringes bis mittleres Einkommensniveau. Ungefähr die Hälfte schloss eine Ausbildung ab und arbeitet als Facharbeiterin. Viele von ihnen sind in Dienstleistungsberufen wie der Pflege beschäftigt, meistens in Teilzeit. Die Folgen sind unübersehbar: Fast 40 Prozent dieser Familien leben am Rande der Armutsgrenze.

Lange wurden Frauen im Erwerbsleben benachteiligt, weil sie bestenfalls als Zuverdienerinnen gesehen wurden. Da diese Benachteiligung sich nun auch auf ihre Partner und Kinder auswirkt, ist die Politik jetzt doppelt gefordert. Es ist höchste Zeit, die einseitige Förderung des männlichen Ernährermodells endlich aus unserem Rechtssystem zu verbannen. Dessen negative Folgen werden aus frauen-, aber auch aus sozialpolitischer Sicht seit langem kritisiert. Jetzt betreffen sie zunehmend auch Männer.

Die Politik ist doppelt gefordert

Ohne materielle Voraussetzungen für eine Alternative wird aber lediglich der Erwerbsdruck auf Frauen weiter erhöht. Und das unter denkbar schlechten Umständen. Das Recht auf individuelle Existenzsicherung gehört daher genauso zwingend auf die Tagesordnung: Menschen dürfen nicht mehr zu Arbeit gezwungen werden, von der sie nicht leben können. Flächendeckende gesetzliche Mindestlöhne, gleiche Bezahlung für Zeitarbeit und die Aufwertung traditioneller Frauenberufe sind überfällige Reformschritte. Genauso der Ausbau öffentlicher Betreuungsangebote für Kinder und pflegebedürftige Angehörige. DIE LINKE. im Bundestag will zudem mit Hilfe eines Konjunkturprogramms und eines Zukunftsfonds für den industriellen Umbau zukunftsorientierte Arbeitsplätze sichern und neue schaffen. Dafür müssen Produktion und Produkte auf moderne, sozialökologische Bedürfnisse ausgerichtet, Investitionen in Gesundheit, Bildung, Infrastruktur ausgeweitet und öffentliches Personal eingestellt werden. So könnten zwei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Doch all das wird Makulatur bleiben ohne Arbeitszeitverkürzung und eine echte Umverteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern. Die Diskussion über eine Neu- und Umbewertung von Arbeit in die gesellschaftliche Debatte zu bringen, ist daher Aufgabe für linke Politik.

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