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Frauen wertvoll in Europa?

erschienen in Lotta, Ausgabe 6,

Seit 1957 ist der Grundsatz „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ in den Europäischen Verträgen verankert. Aber immer noch erzählt der Alltag Geschichten von Ungleichheit.

Der 21. März ist in Deutschland Equal Pay Day. Der Tag markiert den Zeitraum, den Frauen über das Jahresende hinaus länger arbeiten müssten, um das durchschnittliche Jahreseinkommen von Männern zu erarbeiten. Also fast drei Monate länger. Im Durchschnitt verdienen Frauen inner- halb der Europäischen Union 16,2 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Deutschland liegt mit 22,2 Prozent auf dem drittletzten Platz. Die Gründe für Lohnungleichheit sind vielfältig und nicht selten auf stereotype Geschlechterrollen und auf Arbeitsmarktsegregation – auf die Unterteilung in männliche und weibliche Bereiche und Hierarchieebenen – zurückzuführen. Die bekanntesten Ursachen sind so alt wie die Forderung nach Lohngleichheit: Männliche Kollegen werden immer noch höher eingestuft, Frauen erreichen seltener Führungspositionen, sie unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit häufiger und länger, verrichten mehr unbezahlte Arbeit im Haushalt, für Kinder, für alte oder zu pflegende Angehörige.

Anfang der 1990er Jahre, in der Nachwendezeit, habe ich darüber hinaus noch die bewusste Dequalifizierung von Frauen aus dem Osten erlebt, die Entwertung ihrer Berufserfahrung und die Entwürdigung ihrer Arbeitsfähigkeit. Mit ihrer – aus westdeutscher und politisch männlicher Sicht – „unnatürlichen Erwerbsneigung“ wurden sie sogar für die hohe Arbeitslosigkeit mitverantwortlich gemacht.

Heute, 25 Jahre später, gelten Frauen als unentbehrlich für den Arbeitsmarkt, in allen Branchen und auf allen Ebenen. Was fehlt, ist die entsprechende Wertschätzung, neue Denkmuster, auch der Mut zu mehr Gleichstellung in allen Lebensbereichen. Entgeltgleichheit allein löst das Problem nicht. Sie lässt sich nicht unabhängig von anderen Gleichstellungsbestrebungen wie sichere und bezahlte Mutterschutz- und Elternzeitregelungen, Quoten für Entscheidungspositionen oder reproduktive Gesundheitsrechte erreichen.

Die Abgeordneten der Fraktion DIE LINKE im Europaparlament gingen fraktionsübergreifend viele große und kleine Schritte. Ein Meilenstein war die Forderung, die Mindestdauer des Mutterschutzes auf 20 Wochen bei voller Bezahlung zu erhöhen. Leider wird die Revision der Mutterschutzrichtlinie, die bereits im Jahr 2008 begonnen hatte, nach wie vor im Rat der Europäischen Union von den nationalen Regierungen blockiert. Überhaupt sind die aktuellen Blockaden von konservativer Seite gegen Gleichstellungsbemühungen äußerst beunruhigend. Ob in Spanien, Frankreich oder im Europaparlament, die reaktionären und rechtspopulistischen Bemühungen werden das künftige Europaparlament vor eine Zerreißprobe stellen (siehe auch Seite 28). Dabei geht es darum, auf welcher Grundlage wir in Europa Politik gestalten und welche Bedeutung wir Gleichstellung, Antidiskriminierung und der Verteidigung individueller Menschenrechte beimessen.

Im Jahr 2008 fand in Deutschland der erste Equal Pay Day statt. Die drei Monate mehr, die Frauen arbeiten müssten für ein ähnliches Jahresein- kommen wie Männer, sind seitdem nahe- zu konstant geblieben. Darum brauchen wir auch keine Herdprämien oder den weiteren Ausbau von Zuverdienstmodellen für Frauen. Was wir brauchen für ein soziales, friedliches und demokratisches Europa, sind verbindliche Gleichstellungsregeln, und DIE LINKE wird nicht aufhören, im Europäischen Parlament dafür zu streiten.

Gabi Zimmer ist Vorsitzende der Konföderalen Fraktion der Vereinten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke

 

Damenwahl für Europa

Gabi Zimmer ist Spitzenkandidatin für DIE LINKE bei der Europawahl im Mai 2014.

Jahrgang 1955, verheiratet, zwei Kinder, zu Hause in Thüringen, sie studierte Theoretische und Angewandte Sprachwissenschaften an der Universität Leipzig. Von Oktober 1990 bis 2004 war sie Mitglied der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag. Ihre Arbeitsschwerpunkte: Geschlechterdemokratie und Sozial- und Beschäftigungspolitik.

Seit 2004 ist Gabi Zimmer Abgeordnete im Europaparlament. Sie ist die Vorsitzende der Fraktion Vereinte Europäische Linke/Nordische Grüne Linke (GUE/NGL). Ihr Spezialgebiet: Frauenrechte und Gleichstellungspolitik. Im Ausschuss für Beschäftigung und Soziales brachte sie Stellungnahmen über die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Gleichstellung von Männern und Frauen ein sowie die Forderung „Gleiches Entgelt für gleiche oder gleichwertige Arbeit“.

 

Mehr unter www.gabi-zimmer.de

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