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Feministin trifft den Nerv

erschienen in Clara, Ausgabe 8,

Jutta Kühl begegnet dem Vorbehalt, dass Feministinnen nerven, seit Jahren offen und bietet statt Streit

Gespräche an. Die Referentin für feministische Politik der Fraktion DIE LINKE gibt dabei keine Position auf. Sie will mit Argumenten überzeugen und stellt sich einer schwierigen Aufgabe, die viel Geduld braucht.

Sie kommt wie immer mit dem Fahrrad. Die Wangen der 34-Jährigen sind noch vom Fahrtwind gerötet, als sie nach der dampfenden Kaffeetasse greift. »So, es kann losgehen«, sagt sie in klarem Norddeutsch. Diesem einfachen Satz folgt ein interessantes Gespräch. Das Thema, so alt wie die Menschheit und so neu ge-dacht und erforscht wie nie: Frauen und Männer in ihren Geschlechterperspektiven.

Frauen sind anders, Männer auch - was gibt es da noch zu erforschen, fragt frau sich, die glaubt, gleichberechtigt ihr Geschlecht selbst am besten zu kennen. Jutta Kühl macht es Spaß, schlagfertig den Ball über die Bande der Geschlechterpolitik zu spielen. Sie erzählt von Meinungsumfragen, die die Europäische Kommission regelmäßig durchführt und die ein verblüffendes Bild ergeben hätten.
»In Deutschland und Lettland denken die wenigsten Menschen, dass Diskriminierung aufgrund des weib-lichen Geschlechts in ihrem Land verbreitet ist. Hierzulande sieht das nur ungefähr jede oder jeder Fünfte als Problem an«, sagt Jutta Kühl, wohl wissend, dass sie einen Treffer bei ihrem Gegenüber landet. Sie lächelt und bestätigt: Es gebe tatsächlich neben gefühlten Außentemperaturen auch eine Diskriminierung, die Frauen nicht spüren oder spüren wollen.

Phänomen »Gefühlte Diskriminierung«

Während durchschnittlich 40 Prozent der EU-Bevölkerung solche Erniedrigungen wahrnehmen, sind es in Deutschland viel weniger. Solche Ergebnisse sind spannend und reizen die Referentin für feministische Politik. »Es tut linker Politik gut, genauer hinzusehen, denn gefühlte Diskriminierung ergibt keinen Sinn - die Realität sieht anders aus«. Zum Beweis, führt Jutta Kühl die Lohndiskriminierung an. »Bei uns liegt das durchschnittliche Einkommen von Frauen mindestens 22 Prozent unter dem von Männern. Das heißt nichts anderes, als dass der »Frauen-Euro« in Deutschland nur 78 Cent wert ist.«

Diese Lohnschere wird - im Gegensatz zu den meisten EU-Staaten - in Deutschland sogar wieder größer, weil hierzulande prekäre Beschäftigung und Lohndumping Frauen noch stärker treffen. Zugegeben, einige Frauen spielen jetzt in der ersten Liga: im Bundeskanzleramt, in den Medien, zum Teil in der Forschung und Wirtschaft. Sie schauen auf beachtliche Karrieren, sie sind Vorbilder. Aber sie sitzen, bis auf wenige handverlesene Ausnahmen, nicht an den Hebeln der Macht. Und wenn doch, fügen sie sich in die von Männern geschaffenen und dominierten Machtstrukturen prächtig ein. Diese Gesellschaft ist weit von einer gerechten Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen entfernt. Der Neoliberalismus der 90er Jahre hat die Situation für die meisten Frauen noch weiter verschlechtert.
Quer zu allen Strukturen
Sie arbeitet in einem »Querschnittsbereich«. In allen Politikfeldern und Themenbereichen die Geschlechterverhältnisse mitzudenken ist ihre Aufgabe.
Sie empfindet es als Privileg, das Frauenplenum, in dem alle weiblichen Abgeordneten der LINKEN organisiert sind, zu koordinieren. Hier arbeitet sie direkt und sehr eng mit Kirsten Tackmann, der frauenpolitischen Sprecherin der Fraktion, zusammen. In keiner anderen Fraktion des Bundestages gibt es diesen Vorzug, dass Frauen ein Vetorecht haben und im Bewusstsein, eigene Ansprüche durchzusetzen, agieren können. Ist deshalb schon die Welt in Ordnung? Natürlich nicht.

Auf dem Tisch vor ihr liegt die aktuelle Ausgabe des »Querblick«. Mit dem Infoblatt für feministische Politik und Geschlechtergerechtigkeit, das sie zusammen mit ihrem Kollegen Frank Schwarz betreut, will sie auch Männer erreichen. Es gehe nicht darum, eine Politik gegen Männer zu machen, sagt sie. Im Gegenteil: Es geht ihr vor allem darum, die Gesellschaft für Frauen und Männer gleichermaßen gerechter zu machen. Dass feministische Politik nicht von sozialer Gerechtigkeit zu trennen sei, ist ihre Überzeugung. »Die politischen Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, kann ich nur bei den LINKEN umsetzen«, sagt sie und dass sie den Alltag in der Linksfraktion spannend findet, »auch wenn es hier nicht immer spannungs-frei zugeht«. Deshalb schult sie den Blick quer über alle Bereiche in der Fraktion.

Politik neu justieren

Jutta Kühl ist sich bewusst, dass sie sich für ein Arbeitsgebiet entschieden hat, in dem sie auch bei den LINKEN nicht nur Freunde gewinnt. »Ich möchte an den Geschlechterverhältnissen etwas ändern«, sagt sie in voller Überzeugung, dass dies auch im Bereich des Möglichen liegt. »Wir müssen Politik neu justieren«, denn es könne nicht um isolierte Frauenpolitik als Alibi gehen. Dieser Ansatz braucht viel Geduld. Ihr »dip-lomatisches Wesen« sei eine ihrer Stärken. Stimmt, sie nimmt es gelassen, wenn Kolleginnen aus den neuen Bundesländern mitunter Feminismus mit spitzem Mund in Anführungsstriche setzen. »Ich profitiere heute vom Engagement der Feministinnen vergangener Generationen«, sagt sie, die in Bremen, ihrer Heimatstadt, und in Marburg Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt öffentliches Recht studiert hat. Großes Wissen, ausgeprägte Analysefähigkeiten und Durchsetzungsvermögen, nichts davon wurde ihr geschenkt. Alles hat sie sich hart erarbeitet. Anfangs hätte sie mit Parteien überhaupt nichts am Hut gehabt. Politisch engagierte sie sich im parteiunabhängigen Jugendverband JungdemokratInnen/Junge Linke.
Der erste Golfkrieg veränderte ihr Bewusstsein ebenso wie ein halbjähriges Praktikum im Sozialpolitischen Fraueninstitut in Buenos Aires, Agentinien, das sie nutzte, um für ihre Diplomarbeit zu recherchieren.

Sie habe dort erlebt, wie Frauen, die als apolitisch galten, ihren politischen Forderungen Aus- und Nach-druck verliehen. Sie erzählt von den inzwischen weltbekannt gewordenen Müttern der Plaza del Mayo in Buenos Aires. Seit 25 Jahren ziehen diese Frauen schweigend über den Platz und fordern Aufklärung über das Schicksal ihrer »verschwundenen« Kinder und Enkel. Es habe sie tief beeindruckt, wie diese Frauen ihre politischen Forderungen durchsetzen konnten. Zugleich führten die Erlebnisse in Lateinamerika sie zu einem Thema, das sie auch nach dem Diplom nicht mehr loslassen sollte. Sie arbeitet äußerst zielstrebig weiter in der Frauenpolitik. Über ein Mentoring-Programm der europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft e.V. kam sie zu Petra Bläss, der damaligen PDS-Vizepräsidentin des Bundestages. 2003 wird sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin des GenderKompetenzZentrums an der Humboldt-Universität zu Berlin und berät die Bundesministerien zur Umsetzung von Gender Mainstreaming. Sie publiziert zu Themen, die nur wenige in Zusammenhang mit der Frauenforschung bringen, zum Beispiel: die feministische Kritik an aktuellen Sicherheitsfragen. Sie analysiert Erkenntnisse zu Lebenserwartungen von Männern und Frauen und kommt gemeinsam mit Kollegen zu neuen Erkenntnissen: Männer sterben nicht eher als Frauen, wenn sie unter gleichen Bedingungen leben. Sie wehrt sich gegen Pauschalurteile und erklärt auch heute immer wieder ihr Arbeitsprinzip: »Wir müssen Geschlechterverhältnisse neu denken.« Dass sie damit auch ganz praktische Dinge verbindet, verblüfft manchmal Freunde und Kolleginnen. Sie hätte auch eine passable Handwerkerin abgeben können. Möbel vom Flohmarkt selbst restaurieren - das kann sie auch.

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