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»Euer Kühlschrank ist aber ganz schön leer.«

erschienen in Clara, Ausgabe 6,

Ein Leben in Hamburg mit Hartz IV und vier Kindern: Monika H. managt den Alltag ihrer Familie und versucht, ihren Kindern zu bieten, was irgend möglich ist.

Zur Begrüßung versteckt sie sich hinter Mamas Beinen. Zwischen den Knien lugt ihr Kopf hervor, die blonden Haare sind zerzaust, sie blinzelt herüber, schaut schnell wieder weg und bleibt stumm. Die Tüte mit den Gummibärchen nimmt sie, ganz vorsichtig und schaut sie sich erst einmal genau an. Marie* lächelt. Dann muss Mama die Tüte aufreißen. Es gibt Kinder, die stopfen sich jetzt ein Gummibärchen nach dem anderen in den Mund. Nicht so Marie. Sie nimmt genau zwei Gummibärchen und kaut bedächtig. Die Tüte lässt sie auf dem Tisch liegen. Der Rest bleibt für später.
Marie ist viereinhalb Jahre alt. Sie ist Monika H.s* jüngste Tochter. Dann gibt es da noch Leo*, der ist neun, und außerdem die Zwillinge Anna* und Oliver*, beide sieben. Monika H. hat sich vom Vater der vier getrennt. Seit gut drei Jahren lebt sie allein mit ihren Kindern. Seit gut drei Jahren leben sie alle fünf von Hartz IV in Hamburg.
Hamburg ist eine reiche Stadt. Die 36 reichsten Hamburger besitzen laut ›Manager Magazin‹ fast 50 Milliarden Euro. Das ist mehr Geld, als die Stadt selbst besitzt. Der Senat summiert den Wert des öffentlichen Eigentums auf 45 Milliarden Euro. Monika H. kommt monatlich auf 2012 Euro. Jedes Kind wird mit 208 Euro veranschlagt. »Rund 500 Euro bleiben mir jeden Monat fürs Essen und für Kleidung«, sagt Monika. Der Rest geht drauf für Miete, Strom, Wasser und Gas, Versicherungen, Telefon, die Kita-Gebühren, das Mittagessen im Hort, Fahrgeld, den Sportverein, Hustensaft oder Nasentropfen und ganz selten ein Besuch im Kino.

Süßigkeiten nur freitags und nur vom Discounter

Monikas Alltag ist komplett durchorganisiert. »Süßigkeiten gibt’s bei uns immer nur freitags«, erzählt Monika. »Dann gebe ich den Kindern einen Corny mit - die gibt’s im Zehnerpack, das Stück zu zwanzig Cent.« Monika H. hat gelernt zu rechnen. Sie weiß, wo es Günstiges zu kaufen gibt. Monika hat gelernt, ihren Alltag mit vier Kindern und mit Hartz IV zu organisieren. »Manchmal komme ich mir vor wie eine Allround-Managerin«, sagt sie und lacht. Ihr rundes glattes Gesicht strahlt kurz auf. »Ich habe Tages-, Wochen- und sogar Jahrespläne«, erzählt sie und kommt in Schwung. Wenn sie einmal loslegt, kann sie kaum noch aufhören zu erzählen. Sie kommt von Hölzchen auf Stöckchen, schweift ab, mäandert durch ihr Leben. »Zu Wochenbeginn mach ich mit meiner Mutter immer ein Briefing, was in der kommenden Woche so ansteht.« Ohne die Mutter hätte sie sich nicht vom Vater der Kinder getrennt.

Mit der Geburt der
Zwillinge war »Land unter«

Monika hat früher mal Englisch und später Psychologie studiert. Abgeschlossen hat sie kein Studium. Als sie schwanger wurde, ging sie arbeiten. Erst in einem Betten-discounter, dann in einem Supermarkt, zum Schluss in einem Bioladen. Mit der Geburt der Zwillinge »war dann Land unter.« Monika hörte auf zu arbeiten. »Ich bin damals immer wieder zum Jugendamt gerannt, um Hilfe zu bekommen, aber nichts.« Seit sie mit ihren Kindern allein lebt, hilft Monikas Mutter, wo sie kann. Sie ist Leiterin einer Kita. »Unter der Woche kommt sie nach der Arbeit zu uns und hilft mir beim Abendprogramm«, erzählt Monika. »Im Grunde ist meine Mutter die
sozialpädagogische Familienhilfe, die ich von den Behörden nie bekommen habe.«
Marie kommt herein und zeigt ihren neuen Drachen. Den hat sie gerade mit Papa zusammengebaut. Winnie Puh der Bär sitzt auf dem gespannten Plastik. »Den hab ich eben noch bei Schlecker für drei Euro gefunden«, kommentiert Monika. Heute will Marie mit ihrem Vater Drachen steigen lassen. »Seit unserer Trennung kümmert sich mein Mann fast mehr um die Kleine als vorher«, meint Monika. Wenn Marie gefragt wird, was sie sich am meisten im Leben wünscht, dann sagt sie, »dass wir eine Familie sind und Mama und Papa wieder zusammenkommen«. Aber das geht nicht mehr. Vierjährige Mädchen verstehen die Gründe von Erwachsenen nicht so gut. Deshalb können sie sich so was wünschen. Marie und ihre Geschwister leben in einem kleinen Haus mit einem kleinen Garten. Das ist untypisch für Hartz-IV-Empfänger und funktioniert nur, weil Freunde das Häuschen an Monika vermieten. Die fünf leben in fünf Zimmern. »Wohnzimmer, Küche, Bad und dann hat jedes meiner Kinder noch ein kleines eigenes Zimmer«, beschreibt Monika. Sie selbst schläft auf einer Matratze in Olivers Zimmer.

Kinder sind ein
Armutsrisiko

Für Kinder und Jugendliche ist in Deutschland das Risiko groß, in Armut zu leben.
15 Prozent der Kinder unter 15 Jahren wachsen so auf. Die meisten dieser Kinder leben bei alleinerziehenden Müttern. Die Zahl der Kinder in Deutschland, die von Sozialhilfe leben, lag 2003 bei 1,08 Millionen. Drei Jahre später waren es nach
Angaben des Kinderschutzbundes bereits 2,6 Millionen. Eines von sechs in Deutschland lebenden Kindern unter 18 Jahren wächst in Armut auf. Das ist die höchste Kinderarmut in der Geschichte Deutschlands bei niedrigster Kinderzahl. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef wächst die Armut von Kindern in Deutschland stärker als in den meisten anderen Industrieländern. Dabei sind starke regionale Unterschiede festzustellen. So sind nach Forschungen der Ruhr-Uni Bochum im reichen Bayern nur 6,6 Prozent der Kinder arm, in Berlin hingegen sind es
30,7 Prozent und im reichen Hamburg immerhin 20,8 Prozent.

Die Stadt, die vom ehemaligen SPD-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi als »Unternehmen Hamburg« bezeichnet wurde, orientiert sich seit Jahren an den Erfordernissen des Weltmarktes. Investiert wird in die Hafenerweiterung in Altenwerder, in das Airbuswerk bei Finkenwerder, in die Hafencity. Sozialen Einrichtungen wird das Geld gekürzt. In der Kita kostet das Mittagessen neuerdings zusätzlich 13 Euro pro Monat. Der CDU-Senat hat Gebühren in Höhe von 27 Euro für die Vorschule eingeführt. Die Lernmittelfreiheit wurde abgeschafft. Und öffentliche Verkehrsmittel sind teuer geworden, seit der Senat das Sozialticket für 15,50 Euro abgeschafft hat.
In Hamburg lebt man nach dem Motto: »Wer hat, dem wird gegeben«, sagt Norman Paech. Der ehemalige Professor an der inzwischen geschlossenen HWP und heutige Bundestagsabgeordnete der LINKEN meint: »Den Besuchern der geplanten Elbphilharmonie wird zum Beispiel ein über 16 Millionen teurer Flanierweg durch die Hafencity spendiert. Für Jugendzentren, Schulspeisungen oder Sozialtickets hingegen ist kein Geld da, und die jetzige Regie-rungsmannschaft hält es nicht einmal für nötig, darüber wenigstens ein bedauerndes Wort zu verlieren.«

Armut ist verdeckt
und wird versteckt

Wer in einer so reichen Stadt arm ist, will nicht, dass man das merkt. »Ich passe auf, dass meine Kinder nicht auffallen«, sagt Monika. »Sie sollen immer ordentlich und adrett aussehen.« Kleidung kauft sie häufig im Secondhand-Laden. »Markenklamotten spielen bei den Kindern Gott sei Dank noch keine große Rolle«, meint Monika. Aber trotzdem. Die drei Großen finden es schon cooler, wenn das Schweißband für den Sport einen »Wilde-Kerle«-Aufdruck hat.
Marie kommt von draußen rein, die Wangen rot vom Wind. Der Drachen fliegt super. »Mama, komm mit, komm mal gucken!« ruft sie und versucht, Monikas Hand zu fassen zu kriegen. Die dicke helle Winterjacke plustert sich um ihre dünnen Schultern. Aber Monika hat noch keine Zeit. Sie erzählt noch. Von Schule und Kita. Von der Hausarbeit, für die sie nur die Stunden am Vormittag hat. Davon, dass sie Hort- und Kitaplätze für ihre Kinder nur bekommen hat, weil sie beim Amt dringenden pädagogischen Bedarf angemeldet hat. Davon, dass der Hortplatz für den Ältesten, Leo, ihr zu teuer ist. 36 Euro würde es kosten, wenn er nach der Schule zum Mittagessen in den Hort geht und bis vier bleibt. Leo isst deshalb zu Hause. Und Monika passt auf, dass er seine Hausaufgaben macht.

Bisher gab es erst einen Urlaub mit der Familie

Marie gibt auf und rennt wieder raus zum Papa. Winnie Puh nimmt sie mit. Ihre Schwester Anna macht heute einen Ausflug mit dem Hort in die Stadt. Aus dem Vorort nach Hamburg. Die beiden Jungs durften mit Oma und Opa in den Urlaub fahren. Es sind Herbstferien. Als Familie sind sie nur einmal alle zusammen weggewesen. Das war vor vier Jahren, als Marie noch ganz klein und die Familie noch zu sechst war.
»Urlaub kann ich mir nicht mehr leisten«, meint Monika. Ihr Leben kreist um die vier Kinder und deren Bedürfnisse. Die beiden Jungs zum Beispiel haben Probleme in der Schule. Oliver hat eine Rechtschreibschwäche. Leo ist ein Träumer und kann sich schlecht konzentrieren. Bei den Schularbeiten versucht Monika zu helfen, wo sie kann. Drei der Kinder haben außerdem motorische Störungen und gehen zur Ergotherapie. Nachmittags ist das, an unter-schiedlichen Tagen, und immer muss Monika mit dem Bus zur Praxis und später wieder zurück.
Die Termine wollen aufeinander abgestimmt sein. Die Kinder müssen hingebracht und abgeholt werden. Und diejenigen, die zu Hause bleiben, will sie nicht alleine lassen. All das kostet Zeit und Geld. Oft springt da der Opa ein und spielt den Abholdienst. Monika will ihren Kindern Anregungen bieten. Die Gitarre war ein Geschenk. Und beim Sportverein versucht sie, eine Ermäßigung zu bekommen. »Dann könnte ich da auch noch Pilates machen«, wünscht sie sich. Denn dieses Körpertraining tut ihr gut, das hat sie bei einer Probestunde gemerkt. Monika lacht bei der Erinnerung und ihre Augen glänzen. »Es wäre schön, endlich mal wieder etwas nur für mich zu tun.«

Hamburg ist die Stadt mit den größten Gegensätzen

Jedes vierte Kind lebt in Hamburg von staatlicher Hilfe. In der »wachsenden
Stadt« - so das Motto des Senats - wächst auch die Armut. Die emeritierte Pädagogikprofessorin Ursel Becher, die 2005 eine Studie über Kinderarmut in Hamburg herausbrachte, spricht von einer »Infantilisierung der Armut«. »Durch Hartz IV«, so Becher, »hat sich die Zahl armer und benachteiligter Kinder und Jugendlicher noch erhöht. Sie »verirren« sich nur selten oder eher nie auf die Flaniermeilen rund um die Alster, auf den Rathausplatz oder ähnlich exponierte Orte. Dafür begegnen wir ihnen in Quartieren des Sozialen Wohnungsbaus.« Seit Einführung der Hartz-Reformen stieg die Zahl der Kinder, die von Sozialhilfe leben, von 56.328 im Frühjahr 2005 auf 65.070 im Frühjahr 2007. Hamburg ist die wohl am stärksten polarisierte Großstadt in Deutschland. »Für Familien, die arm sind, wird in Hamburg deutlich sichtbar, was es bedeutet, wenn man nicht arm ist«, schreibt Pädagogin Becher. »Ihnen wird vorgeführt, was sie sich nicht leisten können.«
»Als Lehrerin kann ich tagtäglich beobachten, dass in Hamburg die Kinderarmut ansteigt«, sagt auch Dora Heyenn, die Spitzenkandidatin der LINKEN bei der nächsten Hamburger Bürgerschaftswahl im kommenden Februar. »Hartz IV«, davon ist Heyenn überzeugt, »ist gesetzlich verordnete Armut!« Sie will daran et-was
ändern. Denn: »Eine reiche Stadt wie Hamburg darf nicht länger Hauptstadt der Kinderarmut sein.«

Ins Kino darf immer
nur ein Kind mitgehen

Manchmal, wenn es hart auf hart kommt, sagt Monika, »dann leih ich mir am Ende des Monats nochmal fünf Euro von der Nachbarin«. Zum Beispiel als der Mitmachzirkus an die Schule kam. Die Zwillinge und Leo wollten natürlich mitmachen, als sie eine Woche lang lernen konnten, wie es ist, ein Artist oder Clown zu sein. Zehn Euro kostete das pro Kind. Hinzu kamen die Zirkusvorstellungen am Abend. Für Monika war klar: »Natürlich müssen wir uns meine Kinder im Zirkus angucken.« Am Ende kostet die Zirkuswoche sie 90 Euro. »Das war wirklich hart.« Ins Kino geht Monika manchmal auch mit ihren Kindern. »Allerdings nehme ich immer nur eins der Kinder mit. Kultur gibt es bei uns nur abwechselnd.«
Nacheinander wird auch gebadet. Am Badetag gibt es einmal Wasser für alle. Nur Leo bekommt wegen seiner Haut ab und zu mal ein eigenes Salzbad. Während die Oma am Abend das Waschritual beaufsichtigt, kocht Monika das Abendessen. Danach ist dann Zapfenstreich. »Wenn die Zwillinge bis zur Sandmännchenzeit im Schlafanzug sind und die Zähne geputzt haben, dürfen sie noch bis halb acht Kika gucken«, erzählt Monika. Dann geht’s ab ins Bett.

Hartz-IV-Regelsätze
für Kinder müssen
erhöht werden

Marie kommt von draußen herein. Sie sieht ganz durchgefroren aus und schmiegt sich an ihre Mama. Der Drachen mit Winnie Puh ist ganz hoch geflogen. Marie gibt ihrer Mutter einen schmatzenden Kuss.
Monika hat gleich Zeit für ihre Tochter und wird dem Drachen zugucken, wie er fliegt. Doch vorher muss sie schnell noch was loswerden: »Meinen Stolz habe ich schon oft heruntergeschluckt.« Zum Beispiel, wenn sich ihre Kinder mit anderen verabreden und sie den Eltern erklärt: »Leute, ich hab kein Auto und insgesamt vier Kinder. Ihr müsst mein Kind zu uns zurückbringen.« Kinder kommen oft zu ihr zu Besuch. Und manchmal übernachten sie auch. »Da passiert es dann schon mal, dass ein Kind am Ende des Monats in unseren Kühlschrank guckt und total erstaunt sagt: ›Meine Güte, euer Kühlschrank ist aber ganz schön leer.‹«
Was wünscht sich eine Mutter wie Monika vom Leben? »Ich möchte irgendwann wieder den Einstieg ins Berufsleben schaffen«, sagt sie. Vorgenommen hat sie es sich für die Zeit, wenn Marie acht ist. Bis dahin bleibt sie erst einmal Familienmanagerin.
Erleichtert würde ihr diese Aufgabe, wenn sie etwas mehr Geld hätte. Ein »Betreuungsgeld«, wie es Fami-lienministerin Ursula von der Leyen für Mütter einführen will, die zu Hause bleiben, ist das letzte, was sie will. Sinnvoller wäre es - und das fordert DIE LINKE - die Hartz-IV-Regelsätze für Kinder auf ein angemessenes Maß zu erhöhen. Erhöht werden müsste natürlich auch der Kinderzuschlag für Eltern mit geringem Einkommen. Dieser Kinderzuschlag sollte ergänzend zum Kindergeld Heranwachsenden ein Existenzminimum in Höhe von 420 Euro garantieren. Beides wären immerhin erste Schritte auf dem Weg zu einer bedarfsorientierten Kindergrundsicherung.
Cora Floh

*Namen von der Redaktion geändert

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