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Einigkeit macht stark

erschienen in Clara, Ausgabe 5,

Die andere Sicht

Die deutsche Gewerkschaftsbewegung hat aus der Geschichte schmerzhaft gelernt. Nach dem Ende des Faschismus wurde das Organisationsmodell politischer Richtungsgewerkschaften verworfen. In der Weimarer Republik tummelten sich noch über 130 Gewerkschaften. Die gewerkschaftliche Konkurrenz ging zu Lasten der tarif- und gesellschaftspoli-tischen Durchsetzungsfähigkeit. Weltanschauliche Gegensätze wogen schwerer als taktische Gemeinsamkeiten. Die ständigen Konflikte zwischen christlichen, sozialdemokratischen und kommunistischen Gewerkschaften erschwerten eine einheitliche Interessenvertretung. Die geschwächte gewerkschaftliche Kampfkraft erleichterte den Aufstieg des Nationalsozialismus.

Vor dem Hintergrund dieser bitteren Erfahrungen entstand das Organisationsprinzip der Einheitsgewerkschaft. Es fußt auf der Einsicht, dass die wirtschafts- und sozialpolitischen Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht nach politischer Orientierung voneinander abweichen. Dies erfordert die Bereitschaft zu Toleranz und Disziplin. Wenn es gelingt, unterschiedliche Auffassungen im Vorfeld auszugleichen, dann profitieren alle. Politisch einflussreiche Gewerkschaften brauchen eine einheitliche Interessenvertretung. Der offene Konflikt schwächt die gesamte Bewegung. Zweifelsohne war Einigkeit in der Blütezeit des Rheinischen Kapitalismus leichter herzustellen, als dies heute der Fall ist. Die großen Industriekathedralen - Automobilindustrie, Stahl, Bergbau, Chemie - waren einfacher zu organisieren. Der Ausbau des Sozialstaates war ein verbindendes politisches Projekt. Hohes Wirtschaftswachstum und niedrige Arbeitslosigkeit stärkten die gewerkschaftliche Handlungsfähigkeit.

Diese Bedingungen haben sich grundlegend verändert. Seit Anfang der 70er Jahre geht das Wachstum zurück. Die Arbeitslosigkeit ist kontinuierlich gestiegen. Die traditionellen industriellen Großbetriebe schrumpfen. Der wachsende klein- und mittelständisch geprägte Dienstleistungssektor ist eine gewerkschaftliche Minderheitensituation. Die Globa-lisierung hat die Kräfteverhältnisse zwischen Arbeit und Kapital verschoben. Die Reallöhne kommen seit Mitte der 90er Jahre nicht mehr vom Fleck. Zwischen und innerhalb der Branchen steigen die Lohnunterschiede. Während die Beschäftigten der Exportwirtschaft auf der Sonnenseite leben, darben all jene, die am Topf der Binnenwirtschaft hän-gen. Die Lücke zwischen den Spitzengehältern von Softwareentwicklern und Maschinenbauingenieuren einerseits und den Armutslöhnen von Postzustellern und Gebäudereinigern andererseits ist riesig. Gleichzeitig weichen die Lebens-stile der abhängig Beschäftigten immer stärker voneinander ab. Zudem verschärften sich die politischen und weltan-schaulichen Konflikte in Reaktion auf Agenda 2010 und Hartz IV.

Kurzum: Es ist heute schwieriger geworden, das einigende Band der gemeinsamen wirtschafts- und sozialpolitischen Interessen neu zu schmieden. Die Positionen der großen Industriegewerkschaften reiben sich in zentralen Politikfeldern. In einer sich immer stärker ausdifferenzierenden Arbeitswelt gewinnen berufsständische Spartengewerkschaften - GdL, Cockpit, Marburger Bund - wieder an Einfluss. Sie verstoßen gegen den Solidaritätsgedanken und durchlö-chern den Flächentarifvertrag.

Diesem Erosionsprozess kann durch eine stärkere tarifpolitische Berücksichtigung aller Berufsgruppen entgegengewirkt werden. Verschiedene Tätigkeiten müssen gemäß Verantwortung, Arbeitszeit und Qualifikation unterschiedlich bewertet werden. Die Gehälter von Lokführern und jungen Medizinern sind unter die Räder gekommen. Hier gilt es, Tarifverträge weiterzuentwickeln. Gewerkschaftsfreie Zonen sind eine große organisationspolitische Herausforderung. Unabhängig von unterschiedlichen politischen Auffassungen gibt es weiterhin ein gemeinsames gewerkschaftliches Interesse an steigenden Einkommen, Vollbeschäftigung, Tarifverträgen, »guter Arbeit« und umfassender sozialer Si-cherheit. Auf dieser Grundlage sollte die Einheit gestärkt werden.

Dierk Hirschel, Jahrgang 1970, gelernter Tischler, Studium der politischen Ökonomie in Hamburg und Bremen, Pro-motion, seit 2003 Chefökonom des DGB

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