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Eine kleine bessere Welt

erschienen in Clara, Ausgabe 20,

Portugal feierte Ende April den 37. Jahrestag der »Nelkenrevolution«. Ende Mai schlüpfte das Land unter den europäischen Rettungsschirm, und die im Juni neu gewählte konservative sozialdemokratische Regierung bürdet den Portugiesen weitere Sparpakete auf. Eine linke Kommunalpolitikerin setzt Hoffnung und Gemeinschaft dagegen.

 

Ein kräftiger Regenguss hat die Mittagshitze in der Alfama gedämpft. Jetzt fließen Wasserströme die Straßen entlang. Zufrieden schauen die kleinen Händler den Rinnsalen nach, dankbar für jede Kühlung. Ältere Frauen mit Regenschirmen halten auf einen kleinen Schwatz an. Hier in der maurischen Altstadt Lissabons kennen sich die Leute, sie sind miteinander vertraut. Die enge Bebauung fördert diese Intimität seit Jahrhunderten. Es sind meist ältere Menschen, die nicht weg wollen aus ihren kleinen feuchten Häusern, und junge Leute, die nicht weg können, weil sie keine Arbeit haben, weil sie arm sind. Männer um die zwanzig sitzen schon vormittags mit Bier und Zigarette oder einem Joint auf den Treppenstufen der Häuser. Junge Mütter versorgen ihre quengelnden Kinder mit Süßigkeiten und Cola. Irgendwie ist es wie in einem offenen Bahnhof, so als ob alle warten, dass der ersehnte Zug endlich einfährt. Aber die Alfama ist kein Bahnhof, sie ist Lebensort für Menschen, die von einem anderen, einem besseren Leben träumen. Eine von ihnen ist Maria de Lurdes Pinheiro. Sie ist Präsidentin der Junta de Freguesia de Santo Estêvão in der Alfama (Ratsversammlung der Gemeinde Santo Estêvão). Als Gemeinderätin – und das ist sie seit 2004 – kümmert sie sich in diesem ärmeren Stadtviertel von Lissabon um fast alles, was die Leute bitter nötig zum Leben brauchen. Vor allem um ihre Gesundheit. In ihrem Gemeindehaus werden Nachhilfeunterricht für Kinder, kostenfreie soziale und psychologische Beratung, aber auch ärztliche Behandlungen angeboten. Es ist offen für Nachbarschaftstreffen, für Tanzkurse, eine Bibliothek bietet Lesestoff für Große und Kleine. Die öffentlichen Gelder dafür fließen spärlich, aber immerhin, noch fließen sie.
Der Schreibtisch der Gemeinderätin ist mit Notizzetteln übersät. Das sind Gedankenstützen. Denn selten sitzt sie im Büro, ihr Arbeitsort sind die engen Gassen der Alfama. Hier hört sie genau zu, wenn ältere Bewohner von gesundheitlichen und sozialen Nöten erzählen, von ihren Sorgen um die vielen arbeitslosen jungen Leute. Und sie schaut genau hin, wie die Menschen leben, sie bemerkt, wie viele von ihnen im Moment jede Hoffnung auf ein besseres Leben verlieren.

Hier in diesem historischen Stadtgebiet Lissabons sind die Probleme des krisengeschüttelten Landes augenscheinlich. Mit der Finanzkrise wuchs die Arbeitslosigkeit in Portugal auf 12,4 Prozent. Das kleine iberische Küstenland sieht sich mit der zweitgrößten Auswanderungswelle seit 160 Jahren konfrontiert. Lehrer und Ärzte verlassen das Land in Richtung Angola, Mosambik oder Brasilien. Schon jetzt gibt es einen akuten Lehrermangel, die medizinische Versorgung ist katastrophal. Die Mehrwertsteuer beträgt 25 Prozent, die gerade neu gewählte Regierung plant weitere Steuererhöhungen. Dabei ist das Einkommen vieler Portugiesen mehr als schmal. Der monatliche Mindestlohn beträgt gerade einmal 475 Euro, das Arbeitslosengeld 200 Euro und nur 300 Euro hoch ist die durchschnittliche Rente. Das alles bei einem Preisniveau wie in Deutschland.

Und voraussichtlich kommt es noch schlimmer. Denn die im Juni gewählte konservative sozialdemokratische Regierung von Pedro Passos Coelho bürdet den Portugiesen rigoros die Schuldenlast aus der Finanzkrise auf. Rentenkürzungen, höhere Steuerbelastungen, Einkommensverluste bei den Beschäftigten, Beschleunigung des Sozialkahlschlags. Der Präsident der portugiesischen Wohlfahrtsverbände, Eugénio Fonseca, warnt auch vor einer weiteren Belastung der Familien, bei denen ohnehin nichts mehr einzusparen sei.

Es sind vor allem die jungen Leute, die sich wehren und sich nicht damit abfinden wollen, dass sie für eine Krise bezahlen sollen, die sie nicht verursacht haben. Die parteiübergreifende Bewegung »Verlorene Generation« hatte im März 2011 über 300000 Jugendliche auf die Straßen gebracht. Sie fordern ein Recht auf Arbeit und auf eine Zukunft.

Maria Lurdes war als junge Frau und Mutter eines Babys selbst eine »Aufbegehrende«. Sie war aktiv im illegalen Kampf gegen die »dienstälteste« faschistische Diktatur in Europa, die in Portugal 1974 von der »Nelkenrevolution« hinweggefegt wurde. Den Traum von einer gerechten Gesellschaft hegt Maria Lurdes schon, solange sie denken kann. Die Arbeit im Gemeinderat für die Menschen der Alfama ist ein Teil dieses Traums.

Es gab eine Zeit, so Maria Lurdes, da schien sich Portugal vom Mief des armen Hinterhofs in Europa zu befreien. Die Chance war da. Es war die Zeit der April- oder – wie sie auch genannt wird – der Nelkenrevolution und die Jahre danach. Heute dagegen drohe der erneute Absturz in eine neue, dramatische Armut.

Die Kommunalpolitikerin sieht die Ursache der heutigen Krise als eine Folge verfehlter IWF- und EU-Politik. Portugal sei Opfer von Finanzspekulationen geworden. In den letzten Jahrzehnten importierte Portugal jeden Schnürsenkel. Die einheimische Landwirtschaft, Fischerei, die traditionelle Leder- und Textilindustrie haben quasi aufgehört zu produzieren.

Maria Lurdes eilt zurück ins Büro. Sie macht für ihre 1,57 Meter Riesenschritte, winkt in jedes zweite Fenster. Im Wartezimmer des Gemeindehauses herrscht Hochbetrieb. Hustende Kinder, ältere Männer und Frauen. Sie bittet die Wartenden um Geduld, kneift liebevoll ein Kind und fragt die Mutter nach den Wohnverhältnissen. In den meisten alten Häusern der Alfama stecke Schwamm und Schimmel, erzählt Maria Lurdes. Chronische Bronchitis sei deshalb eine verbreitete Erkrankung bei kleinen Kindern. Dann kommt die Ärztin, sie arbeitet ehrenamtlich nach ihrer Schicht in einer Klinik. Ihre Sprechstunde beginnt sie mit Scherzen und Umarmungen.

Am späten Nachmittag ist die Gemeindestadträtin im kommunalen Waschzentrum verabredet. Eigene Waschmaschinen kann sich hier kaum jemand leisten.

Wie wird der Regierungswechsel sich auf ihre Arbeit auswirken? Was bleibt für soziale Projekte in Portugal? Maria Lurdes hebt die Hände: »Noch weniger Gehalt, noch weniger öffentliche Gelder, noch engere Handlungsspielräume.« Und sie setzt hinzu, dabei sei gerade jetzt ihre Arbeit so wichtig. »Ich versuche, die Krise hier im Viertel mit den Leuten etwas wegzulachen, einfach dagegen zu tanzen. Nein, im Ernst, die Hoffnung auf ein besseres Leben, die geben wir hier nicht auf.«

Ein bisschen von dieser Lebensfreude wird Maria Lurdes schon am nächsten Tag wieder weitergeben. Drei Busse sind bei der Stadtverwaltung bestellt. Früh um 8 Uhr wird es losgehen, mit 60 Pensionärinnen zum Strand, an den Atlantik. Gemeinsam wird gepicknickt, gehäkelt, gestrickt, geredet und auch getanzt, eben Kraft getankt für ein anderes Miteinander.

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