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Eine Frau für alle Fälle

erschienen in Clara, Ausgabe 12,

Sie hat geflucht und geheult, vier Stunden lang. »Die Enttäuschung war groß in jenen Herbsttagen 2002, und niemand konnte mich trösten«, erzählt Monika Lehmann. Die PDS scheiterte damals an der 5-Prozent-Hürde und blieb im Bundestag nur Zaungast. Nach Jahrzehnten im Partei- und Parlamentsalltag stand Monika Lehmann vor der Arbeitslosigkeit und musste ihr Leben vollkommen neu planen. »Das war 1989 nicht nur turbulent, sondern in den letzten Monaten der DDR-Volkskammer chaotisch. Alles war für alle neu zu organisieren und somit die erste Herausforderung für die Abgeordneten wie für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hintergrund«, erinnert sich Monika Lehmann.

Nach der Volkskammerwahl vom März 1990 folgte für die DDR-Sozialisten als ungeliebte Kommunisten der Einzug ins gesamtdeutsche Parlament nach Bonn in die damalige West-Hauptstadt. »Für uns war alles fremd, wir waren für die anderen auch fremd und wurden als die Exoten aus dem Osten behandelt«, erzählt Monika Lehmann. Während die Abgeordneten aus dem Osten von den anderen Parlamentariern geschnitten werden, knüpft die Frau vom Service der PDS-Fraktion im Hintergrund Kontakte und versucht, den lernenden Ostvertretern ihren Alltag zu erleichtern. Die Technik von damals in der BRD war für die Ossis jenseits der Elbe weitgehend unbekannt. Fax, Mobiltelefon und PC mit anderem Betriebssystem waren revolutionäre Neuerungen. »Wenn ich ein Fax abschicken wollte, habe ich einen Techniker der Bundestagsverwaltung geholt. Bei Fraktionssitzungen habe ich den Kasten mit dem Funktelefon geschleppt und dann Protokoll geschrieben. Wenn es klingelte, bin ich zum Handy gekrochen, um nicht zu stören«, berichtet Monika Lehmann und lacht.

Alles muss immer perfekt sein

Die Frau aus dem Osten mag keine Halbheiten. »Ich möchte, bevor etwas nach draußen geht, alles vorher sehen. Was sie nicht 100-prozentig überzeugt, wird verändert oder noch einmal gemacht. Da bin ich konsequent.« Auf dem Flur im »Langen Eugen«, dem Abgeordnetenhaus im Bonner Parlamentsviertel, rennt die kleine Frau auf und ab, um alle Papiere nach dem Kopieren für die Unterlagen zusammenzulegen. Mal war ein Diktat für Gysi aufzunehmen, Geburtstagsfeiern, parlamentarische Veranstaltungen und vieles andere zu organisieren. Zwischendurch erzog sie die Kinder im heimischen Berlin oft am Telefon, fragte Hausaufgaben ab. Die Fernehe scheitert und die Kinder vermissen die Mutter. »Das war eine schwierige Situation, den Spagat zwischen Kindererziehung und Arbeit zu bewältigen«, sagt Monika Lehmann. Heute stehen ihre Kinder voll im Leben und sind beruflich ebenfalls viel unterwegs.

Nach dem unfreiwilligen Abschied vom Bundestag 2002 schaffte Monika Lehmann den Sprung in ein Team, das Events für die Afrikahilfe per Fundraising organisierte. Dazu gehörten Kontakte mit Vertretern von Hilfsorganisationen und prominenten Künstlern wie Herbert Grönemeyer, BAP und anderen. »Das war wieder eine neue Erfahrung und hat mich auf andere Art gefordert. Heute möchte ich das nicht missen«, resümiert Lehmann. Der Arbeitsalltag in der freien Wirtschaft hat die Sicht auf Realitäten schärfen helfen und Wünsche relativiert.

Niederlagen mit positiver Wirkung

Sie habe ihre eigenen Vorstellungen und lasse sich vor allem von ihrem gesunden Menschenverstand leiten. Der habe sie auch politisch noch nie enttäuscht. Als der Ruf nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die neue Linksfraktion im Bundestag 2005 die Berlinerin er-reicht, war der Entschluss schnell gefasst. »Ich stehe mit ganzem Herzen links und möchte meine Fähigkeiten auch immer für linke Positionen einbringen. Das Angebot konnte ich nicht ausschlagen.« Seit gut 42 Monaten ist Monika Lehmann die Leiterin des Fraktionsservice und stolz auf ihr Team. Alles sei gut eingeteilt und jeder mache einen gu-ten Job. »Wir stehen unter ständiger Beobachtung, müssen auf die unterschiedlichsten Wünsche reagieren. Also müssen wir gemeinsam konzentriert alles abarbeiten. Bei jeder Kritik stehe ich vor meiner Mannschaft und werde zur Löwin«, verrät sie.

Viel Arbeit im Hintergrund

Auch wenn Monika Lehmann organisatorisch gesehen die Nummer eins der Linksfraktion ist, bleibt sie im Hintergrund und nur für Insider sichtbar. Ihre Loyalität und Professionalität sind geschätzt. »Monika arbeitet ruhig und souverän. Sie ist unser Troubleshooter. Sie macht nicht nur ihren Job, sondern ist mit Herz und Seele dabei und motiviert ihr Team entsprechend«, sagt die Fraktionsgeschäftsführerin Ruth Kampa. Zum Arbeitsalltag des Fraktionsservice gehören unter anderem das Gestalten von Readern, Druck und Layout von Einladungen und die organisatorische Vorbereitung von Veranstaltungen wie Fraktionsklausuren, Betriebsrätekonferenzen und vielem mehr. Hinzu kommen Raumplanungen, Locationsuche, Führungen, Besucherdienste, Fahrzeugbestellungen und die Reisebuchungen für Abgeordnete und Mitarbeiter der Fraktion. Fraktionschef Gregor Gysi beschreibt die geschätzte Mitarbeiterin Monika Lehmann so: »Sie ist eine Kollegin, die ebenso still wie erfolgreich arbeitet. Ohne jede Eitelkeit organisiert sie hinter den Kulissen, dass alles klappt. Der Nachteil für sie besteht darin, dass es kaum jemandem auffällt.«

Geheimnis guter Teamarbeit
Die Fusion der deutschen Linken erlebte die Org-Chefin im Hintergrund als Pilotprojekt im Bundestag hautnah mit. Noch bevor sich die politische Vereinigung von WASG und PDS zur Partei DIE LINKE vollzog, arbeiteten die Abge-ordneten im Bundestag längst eng zusammen. »Auch wenn das nicht immer reibungslos läuft, habe ich diese Vereinigung der Linken mit großer Spannung und Erwartung verfolgt und bin sehr stolz, auf meine bescheidene Art daran beteiligt gewesen zu sein.«

Mit den Westlern in der Linksfraktion kamen andere Biografien, Erfahrungen und Ideen hinzu. Der Hesse Werner Dreibus gehört zu den Abgeordneten, die Lehmann besonders mag. »Ich kannte ihn erst gar nicht und schätze ihn inzwischen sehr. Angenehm, kompetent und überhaupt nicht abgehoben«, verrät die Chefin des Fraktionsservice. Bei ihm bemerke sie eine Seelenverwandtschaft: Zuhören kann er, offen, fair und ausgleichend sei der Gewerkschaftsprofi für sie. »Er ist für mich das Beispiel, wie ich mir Respekt voreinander vorstelle«, sagt Monika Lehmann. Andererseits nötige ihr die Leistung von Barbara Höll Achtung ab, weil die Abgeordnete aus Sachsen als alleinerziehende Mutter drei Kinder neben ihrer Parlamentsarbeit erzieht, ohne Stresserscheinungen erkennen zu lassen.

Zu den vielen Veranstaltungen, die sie mit dem Team vom Fraktionsservice im Jahr organisiert und betreut, etwa 50 im Jahr, gehört auch der Neujahrsempfang. Im ersten Jahr der Linksfraktion kamen etwa 300 Gäste in den Reichstag. Drei Jahre später waren es 800. »Es ist schön zu spüren, dass wir draußen immer mehr akzeptiert und unsere Leute ernst genommen werden. An solchen Abenden spürt man das. Dann ist auch der Stress im Vorfeld bei der Organisation schnell verflogen«, sagt Moni, wie sie in der Fraktion DIE LINKE genannt wird. Alle wissen, dass die Anforderungen an sie und ihr Team größer, die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Fraktionsservice aber gleich geblieben sind.

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