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Ein Traum soll wahr werden

erschienen in Clara, Ausgabe 13,

Neulich hatte ich einen Traum. Ich konnte Bilder der Zukunft sehen, die zum Greifen nah waren. Um nichts davon zu vergessen, habe ich mein Erlebnis aufgeschrieben.

»Mama, beeil dich, ich komm noch zu spät!« Meine sonst oft bummelnde Tochter drängt zum Aufbruch, die »Musimäuse« warten. Musikalische Früherziehung heißt das in Erwachsenen-Deutsch. Der wöchentliche Kurs an der Rathenower Musikschule ist gut besucht - und gebührenfrei. Meine Tochter trifft dort auch viele Kinder, die sie schon aus dem Familienzentrum kennt. Früher nannte man das noch Kita. Aber Familienzentrum trifft es doch besser. Schließlich verbringen ja nicht nur unsere Kinder dort viel Zeit. Geburtsvorbereitung, Kinderarztsprechstunde, Oma-Vorlesetag - das Angebot ist riesig. Gefunden habe ich unser FZ im städtischen Familienhandbuch. Das kriegen alle Eltern von ihrer Familienhebamme nach der Geburt eines Kindes oder von der Bürgermeisterin, wenn sie neu in die Stadt ziehen. Finanziert aus dem Bundesprogramm »KhV - Kinder haben Vorfahrt«. Das ist fester Bestandteil des Kinder- und Jugendplans des Bundes, nicht eins von diesen Modellprojekten wie früher. Da reagierte die Politik oft erst nach erschreckenden Fällen von Kindesvernachlässigung. Dann wurde es wieder still um das Thema Kinder. Das waren noch Zeiten. Ich kann mich noch dunkel dran erinnern, wie wir um die Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz gestritten haben. Aber wir konnten die Kritiker davon überzeugen, wie wichtig es ist, Kinder als eigenständige Menschen zu betrachten. Bei der Volksabstimmung über die gesamtdeutsche Verfassung war das eines unserer wichtigsten Argumente. Eigenständige Menschen geben sich einen gemeinsamen rechtlichen Rahmen. Meine Güte, ist das schon lange her. Das war zu der Zeit, als das Wort Kinderarmut noch mehrere Bedeutungen hatte: Das Land war arm an Kindern und hatte dafür Millionen Kinder, die arm waren. Warum hat es eigentlich so lange gedauert, bis es endlich eine linke Mehrheit im Bundestag gab, die als einen ihrer ersten Schritte sich dafür entschied, die Existenz von Kindern eigenständig zu sichern und dafür die obersten Zehntausend zur Kasse zu bitten? Ich kann mich nicht mehr erinnern, schon zu lange her. Aber ich weiß noch, dass ich immer gesagt habe: »Kinder sind keine preiswerten Erwachsenen!« Damals gingen auch noch Kita-Erzieherinnen und -Erzieher auf die Straße, um für bessere Arbeitsbedingungen und angemessenen Lohn zu demonstrieren. Fünfzehn Kinder und mehr in einer Gruppe mit einer Erzieherin, die mit dem Gehalt dafür kaum über die Runden kam. Das kann sich heute kaum einer mehr vorstellen. Genau wie in der Schule, wo Klassen mit mehr als 20 Schülern und ein Schulbetrieb ohne mehrere Schulsozialarbeiter und -psychologen kaum noch denkbar ist. Dazu haben auch die Kinder- und Jugendparlamente, die es in jeder Kommune gibt, ein ganzes Stück beigetragen. Die haben nicht nur ihr Wahlrecht ab 16 ernst genommen. Sie haben sich auch im Alltag eingemischt. Das ist natürlich auch einfacher, wenn man einen hauptamtlichen Kinderbeauftragten und ein Stimmrecht im Kommunalparlament hat. Meine Tochter will das auch - mitbestimmen. Das klingt zum Glück in ihren Ohren nicht so fremd, wie für viele Jugendliche damals. Da gab es noch Leute, die sich über die Politikverdrossenheit der Jugend beklagt haben. Davon ist heute nichts mehr zu spüren - zum Glück.

Der Traum ist ein Traum. Es wäre schön, wenn ich in einigen Jahren so gelassen auf die heutigen Kämpfe gegen Kinderarmut und für mehr Kinderrechte zurückblicken könnte. Doch bis dahin bleibt für DIE LINKE noch viel zu tun.

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