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Ein Blick zurück nach vorn

erschienen in Clara, Ausgabe 4,

Der 44-jährige Abgeordnete Hüseyin Aydin aus Duisburg ist seit 1996 hauptamtlicher Funktionär der IG Metall. Er begann 1980 als Hüttenarbeiter bei Thyssen-Stahl und erinnert sich an den Kampf um Rheinhausen vor 20 Jahren.

Hüseyin, vor 20 Jahren begann einer der heftigsten und emotionalsten Arbeitskämpfe in der Sozialgeschichte der Republik - es ging um den Erhalt des Krupp-Hüttenwerkes in Duisburg-Rheinhausen. Der 160 Tage dauernde Kampf einer ganzen Region war geprägt von Regelverletzungen. An wie viel Brückenbesetzungen warst du beteiligt?

Das weis ich nicht mehr so genau. Ich war 1987 im Betriebsrat von Thyssen-Stahl in Duisburg. Das war vor der Fusion von Krupp und Thyssen. Wir waren von der angekündigten Schließung des Krupp-Werkes in Rheinhausen nicht unmittelbar betroffen. Allerdings zeichnete sich ab, dass nach Rheinhausen auch andere Stahlbetriebe an der Reihe sein könnten.
Es war die Rede von Stahlüberproduktion und der Notwendigkeit, Standorte zu konzentrieren. Viele bei Krupp haben verstanden: Das ist auch unser Kampf.
Im Werk hatten wir Freunde und Bekannte, die im Rheinhausener Krupp-Werk arbeiteten. In der IG Metall in Duisburg haben sich Vertrauensleute und Betriebsräte ohnehin als Stahl-Familie begriffen. So war es möglich, dass über Betriebsgrenzen hinweg Betroffenheit herrschte und Solidarität geübt wurde. Dass die Teilnehmerzahlen an Aktionstagen weit über die 6300 Betroffenen hinausging, war eine Selbstverständlichkeit. Mit Thyssen-Beschäftigten habe ich beispielsweise ein Teilstück die A42 besetzt.

Ist dieser von dir angesprochene Familiengedanke etwas Typisches für das Ruhrgebiet?

Städte wie Duisburg, die von der Montan-industrie - also Stahl und Kohle - geprägt sind, ticken einfach so! Wir waren das Herz der Stadt. Dieser Geist ging weit über die Stahl- und Kohleproduktion hinaus.
In beinahe jeder Familie arbeitete jemand im Bergwerk oder auf der Hütte. Andere Familienangehörige waren bei der Stadt-verwaltung oder arbeiteten in der Bäckerei, der Metzgerei. Manche waren Polizisten oder Kneipenwirte. So standen alle mit allen in Beziehung. Wenn in einem Betrieb mit 6300 Beschäftigten das Licht ausgeht, hat das eine Kettenreaktion zur Folge. Dieses Bewusstsein brachte die ganze Stadt in Aufruhr.

Ihr habt zum Mittel des zivilen Ungehorsams gegriffen und dabei wurden Regeln verletzt. Erkläre diese Dynamik.

Da war viel Wut und Ohnmacht. Geregelte Streiks entstehen nur im Rahmen des Tarifvertragsgesetzes. Der Kampf um Rheinhausen war nicht an dieses Regelwerk gebunden. Der Vorstand eines Unter-nehmens hat beschlossen, dass dieses eine Unternehmen dicht gemacht wird. So hatten weder die Beschäftigten noch
die IG Metall noch die Bevölkerung die Möglichkeit, nach gesetzlichen Regeln etwas zu unternehmen. Wir mussten diese Regeln verletzen und über das Erlaubte hinaus operieren, um zumindest am Ende einen Teilerfolg erzielen zu können. Anders wären wir nicht gehört worden.

Vergegenwärtigen wir uns einige Zahlen: 6300 Menschen waren von der Schließung betroffen. Am 23. Juni 1987 fand die erste Demo mit 15000 Teilnehmern statt. Dann 10000 Menschen bei einer Betriebsversammlung, mehrere Tausend bei vier Rheinbrückenblockaden, 100000 beim Stahlaktionstag,
50000 im Warnstreik, 15000 Schüler und Studierende bilden eine Menschenkette um das Hüttenwerk, 40000 beim AufRuhrFestival mit den Toten Hosen, 80000 bei der Aktion »1000 Feuer« mit einer Menschenkette von der Hoesch-Westfalenhütte in Dortmund zum DGB-Haus nach Duisburg und 25000 beim legendären »Brot und Rosen«-Gottesdienst in der Werkhalle des Walzwerkes.
Der Kampf wurde verloren. Auf gut Deutsch gefragt - war das »alles für’n Arsch«?

Nein! Im Kampf lernen die Menschen Zusammenhänge zu begreifen. Kein Kampf ist vergebens. Der Spruch von Bertolt Brecht: »Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren«, ist richtig. Auch in anderer Hinsicht war der Kampf nicht umsonst. Die Menschen sind zwar in erster Linie für den Erhalt
der Hütten-Arbeitsplätze auf die Straße gegangen. Die Schließung konnten wir nicht verhindern. Aber es ging auch um mögliche Ersatzarbeitsplätze. Leider sind
nicht unmittelbar für die Betroffenen Jobs entstanden. Die ganze Auseinandersetzung hat aber konkret dazu geführt, dass die Landesregierung und der Bund Mittel
zur Verfügung gestellt haben, um neue Gewerbe anzusiedeln. In direkter Nachwirkung sind so Tausende Arbeitsplätze entstanden. Ohne den damaligen Kampf hätte Duisburg diese Arbeitsplätze heute nicht. Zudem wurde Krupp gezwungen, eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft zu gründen.

»Die Plattform der Solidarität ist schmaler geworden«, sagt heute die Chronistin des Arbeitskampfes, Waltraut Bierwirth. Stimmt das?

Leider ja. Beginnend mit der Kohl-Regierung in den achtziger Jahren und später auch unter Schröder/Fischer wurde propagiert, dass die Beschäftigten zugunsten des Wettbewerbs Verzicht üben müssen. Die Grausamkeiten sind bekannt, die muss ich nicht aufzählen. Diese neoliberale Verzichtsdebatte wurde von Kabinett und Kapital, von den Medien und der Wissenschaft organisiert. Dadurch hat sich bei den Menschen die Haltung rausgebildet, diese Politik sei alternativlos. Den Gewerkschaften ist es nicht gelungen, mit Gegenkonzepten Alternativen aufzuzeigen und mit standfester Politik gegen den Neoliberalismus mobilzumachen. Deshalb ist es heute möglicherweise schwieriger, Solidarität in der Form, wie wir sie in Rheinhausen erleben durften, zu organisieren.
Doch ich bin hoffnungsfroh, denn es beginnt sich etwas zu bewegen. Das hat mit uns zu tun. Wir haben hier im Bundestag die Linksfraktion. Ohne uns würde es die Auseinandersetzung um den Mindestlohn auf der parlamentarischen Ebene nicht geben. In diesem Land wird wieder über die soziale Frage diskutiert. Und ab 16. Juni haben wir mit der endgültigen Verschmelzung von Linkspartei.PDS und WASG eine neue Partei mit dem Namen DIE LINKE. Mit unseren Konzepten zeigen wir auf,
dass es jenseits der kapitalistisch ausgerichteten Wirtschaft Alternativen gibt.

Mit dem Umsetzen in konkrete Politik ist sowohl den Gewerkschaften wie auch den anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen eine Aufgabe zugewiesen. Durch die Bündelung aller Aktivitäten können die Menschen ihre Vereinzelung durchbrechen. Duckmäusertum ist kein Naturgesetz! Wir wollen die Menschen ermutigen, mit Herzblut wie 1987 in Rheinhausen auf die Straße zu gehen, und wenn es nötig ist, auch Autobahnen zu besetzen.

Der Kampf 1987 fand unter den Bedingungen des »Rheinischen Kapitalismus« statt. Wie haben sich
die Bedingungen im seit 17 Jahren vergrößerten Deutschland verändert?

Viele glauben, dass der Rheinische Kapitalismus lediglich ein Ergebnis der West-Ost-Systemkonkurrenz war. Es sei darum gegangen, die Bevölkerung gegen den Sozialismus zu immunisieren, indem man uns quasi freiwillig ein Stück des Kuchens abgab. Das stimmt so nicht ganz! Das SED-Regime war so unpopulär, dass selbst die »eigenen« Arbeiter geflohen sind. In die umgekehrte Richtung wollte kaum jemand. Da musste uns das Kapital nicht erst bestechen. Im Übrigen waren
die Unternehmen auch vor 1989 mit der Verbesserung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit beschäftigt. Das ging immer zulasten der eigenen Beschäftigten. Die Zugeständnisse, die dem Kapital abgerungen wurden, waren das Ergebnis sozialer Kämpfe. Die von verschiedenen Regierungen und vom Kapital aufgestellten Lohnleitlinien konnten durch eine solidarische, klare und interessengeleitete Politik der Gewerkschaften im Kampf zu Fall gebracht werden. So wurde auch die 35-Stunden-Woche durchgesetzt.

Diese klare Politik ist leider nach 1989 schrittweise zurückgedrängt worden. Deshalb muss es Aufgabe der neuen Linken sein, den Gewerkschaften den Rücken zu stärken. Wir machen eine klare Politik, die diese Orientierung mit einem Engagement für die sozial Schwachen für Schülerinnen und Schüler, Studierende, Rentnerinnen und Rentner, für die Interessen der Frauen verbindet. Das darf keine Stellvertreterpolitik sein. Wir wollen unsere Politik mit den Menschen entwickeln und durchsetzen.

Das Gespräch führte Günter Frech

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