Skip to main content

Ein Bettlaken für die Privatsphäre

erschienen in Clara, Ausgabe 39,

Abeer und Achraf Ghazal und ihre Söhne Orhan und Yousef sind aus Syrien nach Deutschland geflohen. Wie Hunderttausende andere Flüchtlinge leben sie zurzeit in einer Turnhalle.

Die Atmosphäre führt dazu, dass man bereits nach wenigen Minuten ein drückendes Gefühl um den Kopf herum bekommt. Allerdings lässt sich schwer einschätzen, welcher der vielen Faktoren in der Turnhalle im Berliner Stadtteil Treptow-Köpenick, in der seit November mehr als 200 Geflüchtete untergebracht sind, dazu führt. Ist es das niemals pausierende Stimmengemurmel, das einem entgegenschlägt, sobald man den Vorraum betritt? Ist es der Geruch? Das unablässige Husten aus allen Ecken? Oder wirkt sich die Angespanntheit, die die meisten Menschen hier ausstrahlen, bereits nach kurzer Zeit auf Besucher aus? Klar ist, dass dies keine Stimmung ist, in der man zur Ruhe kommt – insbesondere nach den belastenden Erfahrungen, die die hier untergebrachten Menschen in ihren Heimatländern und auf der Flucht machen mussten.   Trotzdem verliert Abeer Ghazal (28) kein schlechtes Wort über ihre Unterbringung. Mit leiser Stimme betont sie, dass sie dankbar ist, endlich angekommen zu sein. Angekommen, nachdem sie sich vor einem halben Jahr mit ihrer Familie aus Rakka in Syrien aufgemacht hatte. Angekommen, nachdem sie auf dem Mittelmeer beständig gebetet hatte, dass sie alle das rettende Ufer erreichen werden. Angekommen in der Hoffnung, ihren zwei Söhnen ein Leben ohne Angst zu ermöglichen. „Wir haben ein Dach über dem Kopf und bekommen etwas zu essen“, sagt sie.   Zusammen mit ihrem Mann Achraf (33) und den beiden Kindern Orhan (6) und Yousef (8) lebt sie seit November des vergangenen Jahres auf engstem Raum. Egal was passiert, es gibt keine Tür, die sie hinter sich schließen können. Einzig Bettlaken, die sie vor ein Bett gespannt haben, erzeugen das geringe Maß an Privatsphäre, das ihnen möglich ist. Um zumindest für kurze Zeit nicht auf all die anderen Menschen blicken zu müssen, denen es genauso geht wie ihnen. Um zumindest unbeobachtet die Kinder in den Schlaf zu wiegen, denen die Nase läuft, seitdem sie angekommen sind, und die jede Nacht mehrmals aus dem Schlaf hochschrecken. Um zumindest eine Sichtbarriere zu haben, wenn sie mit ihrem Mann leise darüber spricht, wie es den zurückgelassenen Verwandten wohl ergeht. Abeer Ghazal steigen Tränen in die Augen, wenn sie über ihre Eltern und Schwiegereltern spricht, die Stimme versagt ihr. Das ist kein Thema, über das sie mit einer Fremden reden möchte.   60 Prozent sind Frauen und Kinder   Im vergangenen Jahr kamen zwischen 800.000 und 1 Million Flüchtlinge nach Deutschland, 400.000 von ihnen haben bisher einen Asylantrag stellen können. In fast jedem Ort, in fast jeder Stadt gibt es mindestens eine Turnhalle, in der es genauso aussieht wie dort, wo Familie Ghazal versucht, die Schrecken der Flucht hinter sich zu lassen. Unter den geflüchteten Menschen sind junge Männer, da Familien oft zusammenlegen, damit der Stärkste und Fitteste die teure und gefährliche Reise auf sich nimmt. In der Hoffnung, dass er dann die Angehörigen nachholen kann – auf deutlich sichererem Weg. Eine Hoffnung, die durch die beständige Asylrechtsverschärfung der Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD immer mehr zunichte gemacht wird. Gleichzeitig verschärft sich die Lage in den Herkunftsländern. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) hat Anfang Februar bekannt gegeben, dass mittlerweile fast 60 Prozent der Geflüchteten, die die Grenze von Griechenland nach Mazedonien passieren, Frauen und Kinder sind. Die Zahl der Kinder habe sich verdreifacht.   So ganz versteht Familie Ghazal nicht, an welchem Punkt ihr Asylverfahren steht. An der deutschen Bürokratie verzweifeln sie. Aber auch an dieser Stelle gewinnen Abeer Ghazals Bescheidenheit und Zurückhaltung die Überhand. „Sie werden schon wissen, warum wir all diese Formulare ausfüllen müssen.“ Ihr Mann ist da anders. Er kann kaum still sitzen – die ganze Zeit ist er angespannt und tigert durch den Raum. Seine Frau möge für ihn übersetzen, bittet er, denn er möchte Kritik loswerden. „Wir brauchen eine Wohnung oder zumindest ein Zimmer nur für uns vier“, betont er. Damit Orhan wieder gesund werden kann. Damit Yousef einen Platz hat, um zu lernen. „Lernen ist wichtig!“ Das sagen beide immer wieder.    Achraf Ghazal ergänzt, dass sie keine Almosen wollen. Er ist Maurer und hat in der Umgebung etliche Baustellen gesehen. Die freiwilligen Unterstützer haben ihm erklärt, dass er nicht dorthin gehen kann, um seine Arbeitskraft anzubieten. „Eine Wand ist eine Wand. Wenn ich die in Syrien hochziehen kann, kann ich das auch in Deutschland.“ Er versteht nicht, dass er sich nicht selbst eine Arbeit suchen darf. Abeer Ghazal stoppt ihren Mann. Sie möchte nicht durch Kritik Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie hat Angst, dass ihr Asylverfahren länger dauert, wenn ihre Familie auffällt. Wenn sie sich nicht bescheiden und dankbar zeigen.   Orhan und Yousef lernen Deutsch   Ein Rückzugsraum wäre für die vielen Tausend Geflüchteten enorm wichtig, um die Erfahrungen verarbeiten zu können. Das betont Jenny Baron, Psychologin der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer e.V. „Die Erfahrungen, die die Menschen mitbringen, verfolgen sie auch hier“, sagt sie. Man müsse sich vorstellen, wie das ist, wenn man alles verloren hat. Wenn man hier ankommt und sich erst mal nur zurückziehen möchte – und dann ist man in einer überfüllten Unterkunft. Es ist immer laut. Es ist immer eng. Dies seien die schlechtesten Voraussetzungen für die Verarbeitung von Traumata.    Dabei sei die Situation für Kinder besonders, berichtet Jenny Baron: „Sie müssen bestimmte Entwicklungsschritte machen, die durch die Flucht oft unterbrochen werden.“ Das führe dazu, dass sie teilweise zu viele davon auf einmal machen müssten, weil sie schneller erwachsen werden müssten. Oder es führt zur Entwicklungsverzögerung, da sie einige dieser Schritte nicht machen könnten, weil die Bedingungen so schlecht seien.    Die Ausgangslage, ihre Traumata zu überwinden, sei für Erwachsene und Kinder völlig unterschiedlich. Während Erwachsene im besten Fall vor den schrecklichen Ereignissen eine ausreichende Stabilität hätten aufbauen können, sei es für Kinder in der Regel verhältnismäßig einfacher, ein neues Leben aufzubauen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder über Kita und Schule schneller eingebunden werden, da sie einfacher die Sprache lernen, ist groß.“   Über die sprachlichen Fähigkeiten ihrer Kinder staunt auch Abeer Ghazal jeden Tag. Der sechsjährige Orhan und der achtjährige Yousef würden jeden Tag neue deutsche Worte aufschnappen. Für sie symbolisiert das ein Stück weit Normalität im neuen Land. Nun wünscht sie sich, dass dies weiter ausgebaut werden kann, dass ihre Söhne hier Freunde finden. „Wenn sie einmal Freunde besuchen könnten, wären sie zumindest mal für ein paar Stunden raus aus dieser überfüllten Halle.“

Auch interessant