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„Dienstleister bis zum Umfallen“

erschienen in Clara, Ausgabe 34,

Die Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern ist fordernd und schlecht bezahlt. Jetzt wollen sie für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne kämpfen.

Als Ruth-Marion Rübner Anfang der 1990er Jahre ihren Beruf als Floristin aufgab und sich zur Erzieherin ausbilden ließ, ging sie ihren neuen Lebensabschnitt mit viel Elan an. Gut 20 Jahre später blickt sie auf einen aufreibenden Berufsalltag in mehreren kommunalen Kindertagesstätten (Kitas) im Rhein-Main-Gebiet zurück, der Spuren hinterlassen hat. Heute fühlt sich die 56-Jährige „ausgepresst und sauer wie eine Zitrone“. „Da opfert man sich jahrelang auf, zerreibt sich zwischen Eltern, Kindern, Kita-Trägern und der hohen Verantwortung. Die eigenen Bedürfnisse stehen ganz hintenan.“    Ruth-Marion Rübner ist eine von bundesweit rund 530 000 Beschäftigten, die als pädagogisches-, Leitungs- und Verwaltungspersonal in der Kindertagesbetreuung arbeiten. Weit über 90 Prozent von ihnen sind Frauen und sie betreuen deutschlandweit mehr als 3,2 Millionen Kinder. Dass sich landauf, landab bei Erzieherinnen und Erziehern viel Unmut angestaut hat, zeigen auch aktuelle Umfragen und Studien im Auftrag der Gewerkschaften ver.di und GEW.   Der Tag beginnt für Erzieherinnen wie Ruth-Marion Rübner sehr früh. Schließlich stehen die ersten berufstätigen Eltern mit ihren Kindern schon ab sieben Uhr in der Kita auf der Matte. Bis spätestens neun Uhr sollen alle Kinder in der Gruppe sein, aber immer wieder kommen einige viel zu spät.    „In diesem Beruf soll man ein Allrounder sein, den Kindern Kreativität, Fantasie, Sport, Musik, Sprache und Umgang mit Computern näherbringen und jedes einzelne Kind extra fördern“, sagt Rübner. „Wir sind Dienstleister bis zum Umfallen und müssen über alle Maßen belastbar sein.“ Kinder aus zerrütteten Familien benötigen besonders viel Aufmerksamkeit. Schwieriger geworden ist auch der Umgang mit den Eltern, die im Alltag selbst massiv unter Strom stehen. „Sie kommen oft mit der Erziehung nicht klar und laden alles bei mir ab“, so ihre Erfahrung.   Obwohl die pädagogische Arbeit in den Kitas mit der von Lehrkräften an Grundschulen vergleichbar ist, sind die Gehälter der Erzieherinnen und Erzieher deutlich niedriger. Besonders benachteiligt sind Fachkräfte in den neuen Ländern. Für sie ist die regelmäßige Wochenarbeitszeit höher und das Einkommen niedriger als im Westen.    Knochenjob mit hohem Geräuschpegel   Da vor allem im Osten viele Kita-Beschäftigte unfreiwillig Teilzeitarbeit leisten, reicht das Einkommen oft nicht zum Leben. So drohen später niedrige Renten und Altersarmut. Ein weiteres Problem: Zwölf Prozent der Kita-Beschäftigten haben nur befristete Arbeitsverträge, bei den unter 25-Jährigen sind es sogar rund 33 Prozent.   Über die Jahre ist der Kita-Alltag hektischer geworden. Eltern rufen oft vom Handy aus an und wollen ihr Kind sprechen. Das Küchenpersonal drängt auf strikte Einhaltung der Essenszeiten. Dazu kommt viel Schreibkram wie Unfallberichte, Gesprächsprotokolle, Beobachtungs- und Kinderentwicklungsbögen – auch für erfahrene Erzieherinnen zu viel Ablenkung vom Regelablauf. „Man nimmt die Probleme mit nach Hause“, sagt Ruth-Marion Rübner.    In der Regel betreut sie mit einer Kollegin eine 20-köpfige Kindergruppe. Doch bei Ausfall durch Krankheit, Urlaub oder Weiterbildung heißt das oftmals doppelte Arbeit und Verantwortung, denn die Personaldecke ist ohne Reservekräfte viel zu dünn. „Da bekomme ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal auf die Toilette muss“, sagt Rübner.    „Schlechte Rahmenbedingungen führen zu einem 2,6-fach höheren Risiko, krank zu werden“, heißt es in einer GEW-Broschüre zu Arbeitsbedingungen von Erzieherinnen und Erziehern. Nur ein Viertel von ihnen könne sich vorstellen, das Rentenalter gesund zu erreichen. Viele Ältere leiden an Burn-out, psychischen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dauerndes Knien und Bücken geht auf die Knochen, der hohe Geräuschpegel strapaziert Nerven, Gehör und Organe. So bleiben viele Fachkräfte mit zunehmendem Alter auf der Strecke und fallen lange vor dem Rentenalter aus. Dass 40 Prozent irgendwann in ihrer Laufbahn auf einen anderen Beruf umsteigen, ist nicht verwunderlich.   Aber wie viele Menschen, die mit Kranken, Alten, Behinderten und Kindern arbeiten, haben Erzieherinnen Berufsethos und Verantwortungsgefühl verinnerlicht. „Bei Krankmeldung plagt das schlechte Gewissen. Viele arbeiten wieder, bevor sie auskuriert sind“, berichtet Rübner. Einst träumte sie vom Umzug nach München. Aber bei dem geringen Einkommen und den horrenden Mieten dort hätte sie sich die meiste Zeit nur für das Dach über dem Kopf abgerackert. „Manche Kolleginnen brauchen einen Zweitjob.“ Bei netto rund 1.500 Euro reicht später auch die Rente gerade zum Überleben.   Vorbereitung auf die Tarifauseinandersetzung   Höchste Eisenbahn also, um Druck von unten aufzubauen und mit den Gewerkschaften ver.di und GEW eine deutlich bessere Bezahlung und spürbare Verbesserungen im harten Kita-Alltag durchzusetzen. Gelegenheit dazu bietet sich. Ab Januar 2015 können die Gewerkschaften die Tarifverträge mit den Arbeitgebern neu verhandeln.    Eine zentrale Forderung der Gewerkschaften: Gutes Geld für gute Arbeit! Zudem wollen viele Erzieherinnen und Erzieher nicht mehr hinnehmen, dass sie bei einem Arbeitgeberwechsel Ansprüche verlieren, in der Tariftabelle zurückgestuft werden und Einkommenseinbußen erleiden. Vielen stößt auch auf, dass sie Schreib- und Dokumentationsarbeiten, Vor- und Nachbereitung faktisch außerhalb der Dienstzeit und somit unentgeltlich ableisten. Viele Leitungskräfte in den Einrichtungen sehen sich mit immer mehr Verwaltungsaufgaben überfordert und unterbezahlt. Auch das wollen die Gewerkschaften ändern.    Dass Bildung nicht erst mit der Universität beginnt und in den ersten fünf Jahren die Weichen für das gesamte spätere Leben gestellt werden, hat sich herumgesprochen. Nun hoffen die Erzieherinnen und Erzieher, dass sich ebenso herumspricht, dass es dafür die richtigen Rahmenbedingungen braucht.

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