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Die Zukunft ist schon da!

erschienen in Clara, Ausgabe 20,

Die Energiewende wird derzeit heiß diskutiert. Doch wie kann die gelingen – ist das alles nur Zukunftsmusik? In den vergangenen Jahren haben Menschen in zahlreichen Orten Deutschlands funktionierende Modelle alternativer Energieversorgung aufgebaut. clara hat sich umgeschaut und präsentiert eine Auswahl.

 

Schleswig-Holstein: Wind- und sonnenverwöhnte Insulaner

Dass sich nicht nur mit Touristen Geld verdienen lässt, sondern auch mit Sonnenstrahlen und Wind, erkannten die Bewohner der Nordseeinsel Pellworm schon sehr zeitig. Wind und Sonne gibt es dort im Überfluss. Schon Anfang der 1980er Jahre gestatteten sie den Bau von Windkraft- und Solaranlagen zu Forschungszwecken. Mittlerweile besitzen die Insulaner selbst eine Biogasanlage und einen Windpark. Weil sie zeitig nach Alternativen suchten, wurden die erneuerbaren Energien für viele Pellwormer neben dem Tourismus und der Landwirtschaft zu einer weiteren Einkommensquelle.

Niedersachsen: Die Öko-Pioniere aus Jühnde

Als einer der ersten Orte in Deutschland versorgt sich die niedersächsische Gemeinde Jühnde seit 2005 selbst mit Strom und Wärme. Vor mehr als zehn Jahren gründete ein Großteil der Bewohnerinnen und Bewohner eine eigene Genossenschaft, die eine Biogasanlage und ein daran angeschlossenes Kraftwerk baute. Landwirtschaftliche Produkte wie Gras, Raps und Gülle erzeugen nun Wärme und Elektrizität für die Gemeinde. Für extreme Winter gibt es ein Holzhackschnitzel-Heizwerk. Das alles zahlt sich aus: Für Wärme und Elektrizität zahlen die Bewohner um bis zu 50 Prozent niedrigere Preise, verglichen mit den üblichen Marktpreisen.

Baden-Württemberg: Aus Ruinen Zukunft bauen

Warum nicht eine alte Idee wiederbeleben, um in das Zeitalter der erneuerbaren Energien zu starten – das dachten sich Bürgerinnen und Bürger in der Gemeinde Vöhrenbach. In ihrem Ort verrotteten seit mehreren Jahrzehnten die Überreste einer alten Staumauer und eines Wasserkraftwerks. Gebaut in den 1920er Jahren, hatten Behörden Ende der 60er Jahre, als Atomkraft noch als Technik der Zukunft gefeiert wurde, die Anlagen stillgelegt. In den 1990er Jahren nahmen die Bürgerinnen und Bürger die Sache selbst in die Hand. Sie gründeten eine Bürgergesellschaft, und in Kooperation mit einer regionalen Betreibergesellschaft modernisierten sie das Wasserkraftwerk und die Staumauer. Zusammen mit den zahlreichen Photovoltaikanlagen im Ort werden so 40 Prozent der Vöhrenbacher Haushalte mit umweltfreundlichem Strom versorgt.

Mecklenburg-Vorpommern: Landwirt als Energiewirt

Wie auch in strukturschwachen Regionen Ökologie zu einer funktionierenden Ökonomie führen kann, zeigt das Modell der Gemeinde Varchentin. Ende der 1990er Jahre fasste dort ein Landwirt den Entschluss, sein Geld nicht mehr an Öl- und Stromkonzerne zu zahlen. Das neue Ziel lautete: die Versorgung des Betriebs aus eigenen nachwachsenden Rohstoffen sicherzustellen. In einem Pilotprojekt baute und forschte er so lange an den eigenen Traktoren, bis diese mit Öl betrieben werden konnten, das aus dem Raps der eigenen Felder gepresst wurde. Ein Blockheizkraftwerk auf Pflanzenölbasis entstand, zudem sorgen Sonnenkollektoren für warmes Wasser und Holz spendet Wärme in Häusern und Betriebsanlagen.

Brandenburg: 100-prozentige Unabhängigkeit von Energiekonzernen

Wenn schon unabhängig sein von Weltmarktpreisen, großen Energiekonzernen und fossilen Brennstoffen – dann richtig. Im kleinen brandenburgischen Ort Feldheim haben die Einwohner zusammen mit einer lokalen Windkraftfirma etwas in Deutschland Einzigartiges geschafft: Sie versorgen sich nicht nur selbst mit Energie, sondern haben auch ein eigenes Stromnetz verlegt. In der örtlichen Agrargenossenschaft steht zudem eine Biogasanlage, in der Schweinemist und Biomasse die Wärme für das Dorf und eine nahe gelegene Solarfabrik liefern. Mit Windrädern auf ihren Feldern verdienen Bauern zusätzlich Geld.

Sachsen: Das Mittagessen für Kinder bezahlt der Wind

Im sächsischen Zschadraß erhalten Kinder einkommensschwacher Eltern ihr Mittagessen kostenlos. Der Grund: Eine kommunale Stiftung betreibt eines der größten Windräder der Region. Die Gewinne fließen in soziale und ökologische Projekte. Auf fast allen Gemeindegebäuden befinden sich Photovoltaikanlagen. Die Gemeinde deckt dadurch fast 90 Prozent ihres Energiebedarfs und schont die Gemeindekasse. In Zschadraß wurde im Jahr 2002 die erste CO2-neutrale Turnhalle Sachsens gebaut. Im dortigen Keller steht eine Heizung auf Holzhackschnitzel-Basis. Die versorgt den Kindergarten, einen Hort, die Gemeindeverwaltung und die Sportlergaststätte. Noch muss die Gemeinde Kredite für einige Anlagen abzahlen. Sind die erst einmal beglichen, sollen mit den Gewinnen für alle Kinder im Ort kostenlose Kita-Plätze entstehen.

Bayern: Die erste Öko-Millionenstadt

Ein ehrgeiziges Ziel verfolgt die Stadt München: Bis zum Jahr 2025 will sie weltweit die erste Millionenstadt sein, die ihren gesamten Strombedarf (Privathaushalte und Industrie) mit Ökostrom deckt. Der Schlüssel dazu sind die im kommunalen Besitz befindlichen Stadtwerke. Sie investieren in Biogas-, Wind-, Solar-, Geothermie- und Wasserkraftanlagen. Noch vor ein paar Jahren wurde Münchens Oberbürgermeister Christian Ude verspottet, weil er die Stadtwerke nicht verkaufen wollte. Schon jetzt können aus eigener Kraft und preisgünstiger als in anderen Städten zirka die Hälfte der 800 000 Haushalte mit Ökostrom versorgt werden.

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