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Die Mutmacherin

erschienen in Clara, Ausgabe 23,

Noch vor einem Jahr war Camila Vallejo eine unbekannte chilenische Studentin. Doch dann wurde sie zum gefeierten Star der chilenischen Protestbewegung. Als die 23-Jährige eine Rundreise durch Deutschland macht, sind die Hörsäle brechend voll. 

 

Der Titel der Veranstaltung lautet »Wir können die Welt verändern«. Im Audimax der Berliner Humboldt-Universität herrscht Aufbruchstimmung. An den Wänden hängen Transparente mit Sprüchen wie »Venceremos! Freie Bildung weltweit erkämpfen«. Der Saal ist brechend voll. Rund 500 Studierende, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter und Exil-Chilenen sind gekommen. So gut besucht sind politische Veranstaltungen an deutschen Universitäten normalerweise nie. Alle wollen eine Person sehen: Camila Vallejo – gerade mal 23 Jahre alt und der international gefeierte Star der chilenischen Protestbewegung.    Eine Protestpause in Chile hat Camila Vallejo die Zeit verschafft, um einer Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Bildungsgewerkschaft GEW nach Deutschland zu folgen. Auf einer Rundreise durchs Land berichtet sie zusammen mit anderen Chileninnen und Chilenen von den Protesten in ihrer Heimat. Berlin ist an diesem Abend die letzte Station der Reise. Schon in Dresden, Frankfurt am Main, Würzburg und vielen anderen Städten waren die Säle voll, lauschten tausende Menschen ihren Worten und wollten den jungen Polit-Star erleben.   An einigen Tagen mehr als 300 Interviewanfragen   Noch vor einem Jahr hätte der Name Camila Vallejo wohl niemanden angelockt. Noch vor einem Jahr, da ist sie eine ganz normale Studentin in Chile und studiert Geografie an der Universidad de Chile in Santiago. Kaum jemand kennt sie. Doch dann gehen die ersten Studierenden gegen das ungerechte Bildungssystem ihres Landes auf die Straße. Camila Vallejo ist in der ersten Reihe dabei.   Wie viele andere ihrer Generation stellt Camila Vallejo nach der Schule fest, wie ungerecht die Chancen auf eine gute Hochschulbildung in Chile verteilt sind. Verantwortlich dafür ist die Privatisierung des chilenischen Bildungssystems unter der neoliberalen Diktatur von Pinochet, die zwar 1990 endete, deren Auswirkungen aber bis heute zu spüren sind. Monatlich müssen Studierende bis zu 1.500 Euro Gebühren bezahlen. Nicht einmal die mittlerweile zu einigem Wohlstand gekommene Mittelschicht Chiles kann sich das leisten – von den ärmeren Familien ganz zu schweigen. Weil es in Chile kein BAföG gibt, müssen die meisten Familien Kredite für ihre Kinder aufnehmen. Die Studierenden schließen ihr Studium im Schnitt mit mehr als 60 000 Dollar Schulden ab. Nach OECD-Angaben ist Chile damit das Land, in dem die Studierenden am meisten für ihre Hochschulbildung bezahlen.    Camila Vallejo will sich mit dieser Situation nicht abfinden. Als Studierendensprecherin hält sie hunderte Reden auf Demonstrationen, Versammlungen und Konzerten. In dieser Zeit besetzen Studierende und Schüler mehr als 600 Universitäten und Schulen. Ihre Forderung: Freie Bildung für alle. Um ihr Ziel zu erreichen, arbeiten die Schüler und Studierenden eng mit Gewerkschaften und sozialen Bewegungen zusammen. In den Medien fasst Camila Vallejo ihre Botschaft zusammen: »Fragen der Ausbildung sind nicht nur Fragen der Auszubildenden, sondern Fragen der ganzen Familie, der Arbeiter.«   Camila Vallejo wird das international bekannte Gesicht der Bewegung. Sie ist Gast in Fernseh-Talkshows und bekommt an manchen Tagen rund 300 Interviewanfragen. Auf Facebook ist sie mit 35 000 Menschen vernetzt, und auf Twitter lesen fast 400 000 Menschen ihre Nachrichten. Sogar Buttons mit ihrem Gesicht werden in Chile verkauft. Die internationale Presse reißt sich plötzlich um sie, ihr Gesicht ist auf den Titelseiten der großen Magazine und Zeitungen der Welt zu sehen. Im fernen England wählen die Leser der britischen Zeitung The Guardian die junge Geografiestudentin aus Chile sogar zur »Person des Jahres 2011«.   Den herrschenden Politikern im eigenen Land jedoch sind Camila Vallejo und die wachsende Bewegung ein Dorn im Auge. Das Argument der chilenischen Regierung lautet: Für ein öffentlich ausfinanziertes Bildungssystem sei nicht genügend Geld da. Die chilenischen Schüler und Studierenden glauben ihnen nicht und prüfen die Staatseinnahmen. Sie wissen, dass in ihrem Land die großen Unternehmen praktisch gar keine Steuern bezahlen müssen, und fordern deshalb eine Steuerreform, die die Finanzierung eines öffentlichen Bildungssystems ermöglicht.   Trotz Medienhype 
nicht abgehoben   Aber sie rennen gegen Mauern. Der chilenische Präsident Sebastián Piñera, der selbst Milliardär ist, geht nicht auf ihre Forderungen ein, obwohl mittlerweile 80 Prozent der Bevölkerung die Ziele der Bewegung unterstützen. Sein Credo: »Im Leben gibt es nichts umsonst.« Statt Zugeständnisse zu machen, fordert er dreijährige Haftstrafen für Universitätsbesetzer wie Camila Vallejo. Für Camila Vallejo, deren Eltern unter Pinochet als Kommunisten im Widerstand waren, steht fest: »Die Gesellschaft hat sich seit der Diktatur verändert – manche Politiker nicht.« Als Reaktion entwickelt sich aus den Protesten für freie Bildung eine breite soziale Bewegung, die eine Umverteilung des Reichtums und die Demokratisierung der Gesellschaft fordert.    So etwas hat es in Chile seit der Militärdiktatur nicht mehr gegeben. Mit den spontanen Platzbesetzungen und Bürgerversammlungen entsteht in Chile eine ganz neue Kultur. Für Camila Vallejo ist klar: »Politik muss wieder auf die Straße, in den Alltag, in die Familien, in die Schule, in den öffentlichen Raum zurückkehren.«   Im Hörsaal der Berliner Humboldt-Universität erntet Camila Vallejo mit diesen Forderungen lautstarken Beifall, als sie vom Aufbau der Bewegung spricht: »Unser Protest ist eine Reaktion auf das Scheitern des Neoliberalismus im Bildungssektor. Er ist aber auch im Gesundheitswesen, auf dem Wohnungsmarkt, überall, gescheitert. So verbindet sich der Protest der einen mit dem der anderen. Das ist die Ursache für unseren Erfolg.« Zwei Bildungsminister hat die Bewegung in Chile seitdem zu Fall gebracht. Der Präsident Piñera liegt in Umfragen mittlerweile weit hinter der Beliebtheit von Camila Vallejo zurück.    Trotz aller Unterschiede zwischen Chile und Deutschland sind für Vallejo entscheidende Gemeinsamkeiten offensichtlich. Sie warnt vor der zunehmenden Neoliberalisierung beider Länder: »Nur weil wir in einer Wirtschaftskrise stecken, wird sich nicht automatisch alles ändern.« Es reiche nicht, wie momentan in Europa, zu versuchen, das neoliberale Modell zu verbessern: »Gerade jetzt müssen wir aktiv werden, denn wir haben die Chance, die ganze Gesellschaft zu verändern.« Wer sie reden hört, spürt, dass sie es ernst meint. Trotz des Medienhypes um ihre Person, wirkt Camila Vallejo keinesfalls abgehoben. Sie will die Welt wirklich verändern und macht Mut, Teil dieser Bewegung zu werden.

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