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Die Mutmacherin

erschienen in Klar, Ausgabe 24,

Camila Vallejo wirkt wie eine normale Studentin. Doch wenn die 23-Jährige aus Chile spricht, wird klar, wieso sie so bekannt ist.

Sie ist der gefeierte Star der chilenischen Protestbewegung und füllt mit ihren Reden auch in Deutschland die Hörsäle.

Der Titel ihrer Rundreise durch Deutschland lautet »Wir können die Welt verändern«. Und genauso ist auch die Stimmung im Audimax der Berliner Humboldt-Universität im Februar. An den Wänden hängen Transparente mit Sprüchen wie »Venceremos! Freie Bildung weltweit erkämpfen«. Der Saal ist brechend voll. Rund 500 Studierende, Gewerkschafter und Exilchilenen sind gekommen. So gut besucht sind politische Veranstaltungen an deutschen Universitäten normalerweise nie. Alle wollen Camila Vallejo sehen.

Noch vor einem Jahr war Camila Vallejo eine ganz normale Geografiestudentin. Kaum jemand kannte sie – weder in Deutschland noch in Chile. Doch mit dem Beginn der Bildungsproteste in Chile 2011 nimmt der unglaubliche Aufstieg von Vallejo seinen Lauf. Chilenische Studierende, Schülerinnen und Schüler gehen gegen das ungerechte Bildungssystem auf die Straße.

Camila Vallejo ist in der ersten Reihe dabei. Als Studierendensprecherin hält sie Reden auf Demonstrationen und Konzerten, bald spricht sie in Talkshows, wird das Gesicht der Proteste.

Jetzt interessiert sich auch die internationale Presse für die Studentin. Inmitten von prügelnden Polizisten und den Tränengaswolken in den Straßen von Santiago de Chile steht Vallejo vor den Kameras der Weltöffentlichkeit und spricht über die soziale Ungerechtigkeit in ihrem Land. Sie erzählt davon, dass in keinem Land der Welt ein Hochschulstudium so teuer ist wie in Chile, dass Studierende bis zu 1500 Euro Gebühren monatlich bezahlen und ihr Studium für gewöhnlich mit mehr als 45 000 Euro Schulden abschließen. 

Camilas Gesicht ist nun auf den Titeln der großen Magazine und Zeitungen der Welt zu sehen. In England wählen die Leser der Zeitung The Guardian die junge Geografiestudentin zur »Person des Jahres 2011«. An manchen Tagen erhält Camila Vallejo 300 Interviewanfragen. Im Herbst besetzen Vallejo und Tausende Studierende, Schülerinnen und Schüler mehr als 600 Universitäten und Schulen. Ihre Forderung: freie Bildung für alle.

Doch Vallejo und ihre Mitstreiter denken bei ihren Protesten nicht nur an sich und ihre Ziele. »Fragen der Ausbildung sind nicht nur Fragen der Auszubildenden, sondern der ganzen Familie, der Arbeiter und Angestellten, der ganzen Gesellschaft«, sagt Camila Vallejo. Von Anfang an suchen die Studierenden, die Schülerinnen und Schüler den Kontakt zu sozialen Bewegungen und Gewerkschaften in ihrem Land. Sie wissen, dass die soziale Ungerechtigkeit der chilenischen Gesellschaft auch Arbeiter, Lehrer, Wissenschaftler, also die Mehrheit der Bevölkerung, betrifft. Die Welt verändern – das geht nur zusammen mit anderen. Dieser Weg führt zum Erfolg. Mittlerweile unterstützen 80 Prozent der Bevölkerung die Ziele der Bewegung nach freiem Zugang zu Bildung und einer Umverteilung des Reichtums. Schon zwei Bildungsminister mussten zurücktreten.

Doch obwohl die Bewegung so stark gewachsen ist, blocken die verantwortlichen Politiker weiter alle Verhandlungen ab. Der chilenische Präsident Sebastián Piñera, selbst Milliardär, geht nicht auf ihre Forderungen ein. Sein Motto: »Im Leben gibt es nichts umsonst.« Anstatt auf die Forderungen einzugehen, fordert er Gefängnisstrafen für Universitätsbesetzer wie Camila Vallejo. Sie selbst bekommt regelmäßig Morddrohungen – mutmaßlich von Unterstützern des Präsidenten. Doch Vallejo lässt sich nicht einschüchtern. Die Welt kann gespannt sein – denn Camila Vallejo und Hunderttausend andere Chileninnen und Chilenen wollen sie auch weiterhin verändern.

 

Ole Guinand

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