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Die Folgen nüchterner Betrachtung

erschienen in Clara, Ausgabe 12,

Die ethische Verantwortung der Wissenschaft wird seit jeher kontrovers diskutiert. Zeitgemäß sei, sagen viele, wenn Forschung kein Selbstzweck ist, sondern Mittel für ein menschenwürdiges Dasein bereitstellt.

Vor einiger Zeit machten sich die Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Thießen und Christian Fischer von der TU Chemnitz daran, vor dem Hintergrund einer lange geführten Diskussion um die angemessene Höhe der sozialen Mindestsicherung zu prüfen und zu rechnen, wie hoch oder niedrig hierzulande ein Regelsatz sein darf. Wohlgemerkt ein Regelsatz, der noch mit allen geltenden Bestimmungen und Gesetzen konform geht. Einen Auftraggeber dafür gab es nicht. Motivation sei einzig und allein gewesen, so Friedrich Thießen, dass es seit der Einführung des ALG II eine für die Bundesrepublik einmalige Flut von Beschwerden über zu niedrige Sozialleistungen gibt. Ein Grund dafür: die Intransparenz des Verfahrens zur Ermittlung des Regelsatzes. Thießen und Fischer taten Folgendes: Sie ermittelten aus der Gesetzesliteratur die Ziele sozialer Mindestsicherung. Sie leiteten im nächsten Schritt daraus einen Warenkorb ab, der mit diesen Zielen vereinbar ist. Und da die Ziele ungenau formuliert sind, ermittelten sie zwei Warenkörbe, einen für eine Ober- und einen anderen für eine Untergrenze. Dann ordneten sie beiden Warenkörben die entsprechenden realen Preise zu - recherchiert u.a. bei Edeka und Kaufland, in Discountern und BilligKetten. Sie legten ihren Berechnungen ein gesundes, rational handelndes Individuum, Single, frei von Sucht und anderen Erkrankungen oder Behinderungen, zugrunde. Sie erklärten auch, dass jenen Menschen, die nicht zum unterstellten »Rationalverhalten« fähig seien, individuell geholfen werden müsse. Dies rechtfertige aber nicht eine pauschale Anhebung der Sozialleistungen.

Der Preis von Menschenwürde

Am Ende der akribisch geführten Untersuchung kamen Thießen und Fischer auf zwei Zahlen: 132 Euro minimal und 278 Euro maximal für die soziale Mindestsicherung. Nicht darin enthalten die Wohnkosten.
Die linke Abgeordnete Petra Sitte kennt diese Berechnungen und sie kennt die Reaktionen darauf. Sie findet es nachvollziehbar, wenn sich Menschen die Frage stellen, warum öffentliche Gelder, Verstand und Zeit investiert werden, um ein derartig - nennen wir es einmal »destruktives Wissen« in die Welt zu setzen. Sie findet auch, dass die Politik in der Verantwortung steht, darüber nachzudenken, wer später Anwender, wer Nutznießer wissenschaftlicher Erkenntnisse sein wird. »Wir denken oft zu wenig darüber nach, wo das erforschte Wissen landen wird, was seine Anwendung für die Verbraucherinnen und Verbraucher bedeuten könnte. Letztlich ist das dann auch häufig die Frage nach den Lobbyisten für bestimmte Forschungen und Forschungsergebnisse.« Es gebe sehr wohl Bereiche, so Petra Sitte, wo die politische Debatte da bereits auf einem sehr hohen Niveau und mit großer Verantwortung geführt wird: Stammzellenforschung, Klonen, Sterbehilfe, Umweltschutz. Aber nicht nur für die Naturwissenschaften gelte, dass es die reine, neutrale Forschung nicht gibt. »Wissenschaftler haben eine soziale Verantwortung. Sie können sich nicht darauf zurückziehen, dass erst bei der praktischen Verwertung ihrer Erkenntnisse in konstruktives und destruktives Wissen unterschieden werden muss.«

Selbstgerechte Forschung

Aus Thießens Berechnung, für die er nach eigenen Aussagen nur einen selbstgestellten Auftrag hatte, wurde ein handfester Medienskandal. Der Wissenschaftler erhielt tausende E-Mails von wütenden, resignierten, verzweifelten, entgeisterten und mahnenden Menschen. »Leben Sie doch mal von 132 Euro«, schrieben viele. Menschenwürde in Preise umzurechnen und mit einer Zahl gleichzustellen ist nicht nur ein schwieriges Unterfangen, es ist seit jeher unmöglich, formulierte der Staatsrechtler Volker Neumann vor zwei Jahren in der Zeitschrift »brand eins«. »Die Quantifizierung der Würde führt unweigerlich zur Banalisierung.« Thießen und Fischer haben sich im Vorfeld ihrer Berechnungen kaum Fragen ethischer Natur gestellt. Sie wollten eine Zahl, und die haben sie herausbekommen. Sie haben die Würde des Menschen quantifiziert. Das ist eine banale Geschichte. Ließe sich heute ein mehrheitlicher politischer Wille mit genügend Entscheidungsträgern vom Schlage eines Friedrich Merz und bei einer ausreichend schlechten wirtschaftlichen Lage herstellen, könnte demzufolge, ohne ein Gesetz zu ändern, der Regelsatz auf 132 Euro abgesenkt werden. Und man dürfte sich dabei auf den wissenschaftlichen Sachverstand von Thießen und Fischer berufen. Peanuts, könnte man sagen. Wen interessiert das heute noch?
Richtig ist, Thießens Ergebnisse werden eine geringe Halbwertzeit haben. Im Moment will niemand etwas damit anfangen. Aber die deutsche Kultur der »Expertenkommissionen«, die in den vergangenen Jahren geradezu inflationär einberufen wurden, um der Politik Entscheidungsvorlagen und Rechtfertigungsargumente zu geben, spricht dafür, dass wissenschaftliche Erkenntnisse oder Erkenntnisse von Wissenschaftlern oft nicht hinterfragt, sondern eher zügig in politisches Handeln umgesetzt werden, wenn es die wirtschaftliche Situation zu gebieten scheint und die politischen Verhältnisse erlauben. Wer setzt im Vorfeld solcher Kommissionsarbeit die dafür notwendigen ethischen Normen? Dies ist, so Petra Sitte, natürlich Aufgabe der Politik, in deren Interesse es liegen sollte, dass Expertenkommissionen keine Entscheidungen herbeiführen, die für die Menschen Verschlechterungen bringen. »Wenn hier Ergebnisse ent-stehen, die den Alltagserfahrungen der Menschen komplett widersprechen, dann bringt das die Wissenschaft in Misskredit.« Dies gilt im Kleinen wie im Großen.

Wissenschaft mit Spielraum und Verantwortung

Als Mitte der siebziger Jahre die sogenannte Chicagoer Schule Milton Friedmans überall auf der Welt Anhänger fand, hatte das weitreichende und verheerende Wirkung. Naomi Klein beschreibt in ihrem Buch »Die Schockstrategie« ausführlich, welches Leid ein Wirtschaftswissenschaftler, seine Lehre und ihre Anhänger über Menschen bringen können, wenn die Politik den damit verbundenen Handlungsempfehlungen folgt. Friedmans Ideologie, einander fremde Individuen schuldeten sich nichts, »als jedem die Freiheit zu gewähren, die er zur Verfolgung seiner eigenen Interessen benötigt«, kulminierte in dem Vorschlag an die Politik, den Markt komplett vom Staat zu befreien. Pinochet versuchte Friedmans Rat - wenn die Bedingungen es zulassen, alle Grausamkeiten gleichzeitig zu begehen, um reinen Tisch zu machen - umzusetzen. Und er kam weit damit.
»Ich kann als Politikerin, als Politiker nicht darüber befinden, ob die Wissenschaft mit dieser oder jener Erkenntnis Recht hat. Wissenschaft braucht großen Spielraum, auch bei der Fragestellung«, sagt Petra Sitte. »Aber wenn wir es mal auf Herrn Thießen beziehen, dann stellt sich zumindest die Frage der ethischen Nachbereitung. Da sollte jemand auch zum Perspektivenwechsel in der Lage sein und vielleicht von einer Veröffentlichung absehen.« Linke Politik, so die Abgeordnete, müsse auch darin bestehen, sich mit dem Humboldt’schen Ideal der wertneutralen Wissenschaft, die allein der Maximierung der Erkenntnis dient und keinerlei sozialen Verpflichtungen unterliegt, auseinanderzuset-zen. »Ich neige da eher zu der radikalen Ansicht, dass die Verantwortung der Wissenschaft bereits bei der Fragestellung beginnt. Aber ich sage auch, man muss darüber diskutieren, denn es gibt keine endgültige Antwort und keine fertigen Erkenntnisse.«

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