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Die Balance zwischen privat und Politik

erschienen in Clara, Ausgabe 23,

Seit 1998 ist Petra Pau für DIE LINKE beziehungsweise PDS
im Bundestag. Jedes Mal wurde sie direkt gewählt. Sie genießt 
Vertrauen nach innen und außen: bei den Wählern und
fraktionsübergreifend im Parlament.

In dem Buch »Der Bundestagspräsident«, erschienen im Jahr 2007, kann man nachlesen, dass Petra Pau wohl endgültig zur »bekanntesten Politikerin Deutschlands« geworden wäre, wenn die Parlamentarier in den Jahren 2002 bis 2005 die peinliche Ausgrenzung von Gesine Lötzsch und Petra Pau im Bundestag nicht irgendwann beendet hätten. Zur Erinnerung: Die beiden Frauen hatten damals als einzige den Sprung ins Parlament geschafft und saßen als PDS-Abgeordnete abseits, ganz hinten links auf zusätzlich hingestellten Stühlen, ohne Tisch und Telefon, auch ohne Fraktions- und Gruppenrechte. Diese Peinlichkeit ist Geschichte. Petra Pau wurde trotzdem zur öffentlichen Person. Damit zu leben, fiel ihr lange schwer. Denn überall, wo sie auftauchte – ob im Theater mit der Familie, im Supermarkt beim Einkaufen oder im Schwimmbad –, die Frau mit der roten Bürstenfrisur wurde angesprochen. »Es ist manchmal schwer, die Balance zu finden zwischen privaten Momenten und dem öffentlichen Leben«, sagt sie. »Es kommt nicht selten vor, dass im Wartezimmer beim Arzt, wo ich ja selbst medizinischen Rat und Hilfe suche, eine weitere Wählersprechstunde stattfindet. Mir ist wichtig, dass privat privat bleibt und es trotzdem viele Möglichkeiten gibt, mich als Abgeordnete hautnah zu treffen und zu sprechen.« Zum Beispiel in Berlin-Marzahn-Hellersdorf im Wahlkreisbüro – die Tür dort steht immer offen, eine Mitarbeiterin ist täglich vor Ort. Die Einwohner nehmen das Angebot gern in Anspruch, und so drehen sich die Themen während der Sprechstunde um die Anerkennung von DDR-Studienabschlüssen, den Familiennachzug, Hartz IV oder etwa Petitionsfragen.

Nah dran

Marzahn-Hellersdorf ist auch das Zuhause von Petra Pau. Sie lebe da schon »ewig«, wolle auch nicht weg. »Platte« mag für andere ein Schimpfwort sein, für sie nicht. Im Gegenteil, hier trifft Moderne auf Geschichte. Der Stadtteil ist das größte zusammenhängende industrielle Gebiet Europas, war sogar einmal der jüngste Bezirk Berlins und gilt gleichzeitig als größtes zusammenhängendes Einfamilienhausgebiet mit 60 000 Haushalten. Der alte Dorfkern, die Mühle, das Wuhletal vor der Haustür, die Gärten der Welt – nichts von dem möchte die Politikerin missen. Und gern »verschleppt« sie Gäste aus den alten Bundesländern nach Marzahn. »Die wollen alle wiederkommen«, schmunzelt Petra Pau.

Insgesamt vier Mal kandierte sie für den Bundestag. Und immer wurde sie gewählt, jedes Mal direkt. 1998 noch im Wahlbezirk Mitte/Prenzlauer Berg, danach in Marzahn-Hellersdorf. Die Menschen trauen ihr. Die meisten Abgeordneten der anderen Fraktionen offensichtlich auch. Denn als Petra Pau für das Amt der Bundestagsvizepräsidentin kandidierte, wurde sie auf Anhieb gewählt. Das erste Mal 2006, seit 2009 brilliert sie erneut in diesem Amt. Pau genießt viel Respekt für ihre offene, besonnene Art. Sie sei keine, »die andere beschimpft«, heißt es. Petra Pau sucht Verbündete. Zuhören, aufeinander zugehen, fair sein, auch wenn man konsequent anderer Meinung ist – das sei ihr »Politikstil«.

Leise, trotzdem hörbar

Laute Töne sind ihre Sache nicht. Das ginge seit zwei Jahren auch gar nicht, denn die Stimme wollte nicht mehr mitmachen. Warum, weshalb – das war ein langes medizinisches Suchen. Derweil riss die Briefflut nicht ab. »Die Leute machten sich Sorgen«, sagt Pau. »Ich habe lange nach Therapiemöglichkeiten gesucht. Seit gut einem dreiviertel Jahr habe ich das Gefühl, ich kann mein Amt und das Mandat weiter ausüben.« Das ist gut, denn ihre Stimme wird wichtig sein in den nächsten Monaten, wenn es um die Aufklärung der Pleiten und Pannen der Verfassungsschützer geht.

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