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Die armen Kreativen

erschienen in Clara, Ausgabe 24,

Kreativberufe sind massiv von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen. Helmut Kuhn hat darüber einen Roman geschrieben. Im Interview spricht er über die Situation von Freischaffenden und ihre Überlebensstrategien.

 

Ihr Roman trägt den Titel »Gehwegschäden«, was hat es damit auf sich?
Helmut Kuhn: Es ist eine Metapher für die allgemeine Resignation der Gesellschaft. Es geht nicht nur um die Straßen und Gehwege, die kaputt sind, sondern es geht um sehr viel mehr. Viele soziale Errungenschaften der 70er Jahre wurden aufgegeben zugunsten eines doch sehr brutalen, harten Raubtierkapitalismus, der unsere Gesellschaft, unser Denken härter macht. Und: Wir haben uns damit abgefunden. Die Schilder »Gehwegschäden« sagen eigentlich nur: »Lieber Bürger, dieser Weg ist brüchig, und wenn du stolperst, beschwer dich nicht, du wurdest vorgewarnt.«

In Bezug auf was resigniert die Gesellschaft und wer genau?
In dem Buch beziehe ich mich vor allem auf Menschen, die eine gute Ausbildung genossen haben und sich heute in prekären Lebensverhältnissen wiederfinden – im sogenannten kreativen Bereich, also zum Beispiel freischaffende Künstler, freie Journalisten, Architekten, aber auch im geisteswissenschaftlichen Bereich. Immer mehr Menschen hangeln sich von einem unbezahlten Praktikum zum anderen, von einem befristeten Werkvertrag zum nächsten. Ohne Verbindlichkeit wie etwa in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis können sie an Lebensplanung nicht einmal denken. Ihr finanzieller Spielraum ist arg begrenzt. Sie leben in permanenter Anspannung.

Wie der Romancharakter Elvira …
... Ganz genau. Sie ist hauptberuflich Hartz-IV-Empfängerin, nebenberuflich Schriftstellerin. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, vermietet sie ihr Schlafzimmer als Ferienunterkunft. Sie ist ein Prototyp der gut ausgebildeten Prekären.
Für gewöhnlich wird deren Leben aber sehr positiv als das einer sogenannten digitalen Boheme dargestellt: kreative Köpfe, die mittags im Café an ihrem Laptop arbeiten.

Wie passt das mit der Situation einer Figur wie Elvira zusammen?
Über Armut wird nicht gesprochen, denn mittlerweile hat sich eine Grundhaltung in der Gesellschaft festgesetzt: Wer scheitert, ist selbst schuld. Also scheitert man heimlich. Und allein, jeder für sich.

Es fehlt der kollektive Aufschrei?
Richtig, die Leute kreisen alle nur noch um sich selbst. Bewegen sich in ihrer Notlage und tun ihr Möglichstes, um mit dem Arsch an die Wand zu kommen. Für einen gemeinsamen Wutausbruch fehlt ihnen die Kraft im täglichen Überlebenskampf. Apropos Überlebenskampf: In Berlin gibt es ein interessantes Phänomen: Kampfsportgruppen haben einen massiven Zulauf, gerade aus dem Milieu gut gebildeter und prekär lebender Menschen. Hier bekommen sie das Rüstzeug für den täglichen Überlebenskampf. Besonders passend schien mir der neue Trendsport des Schachboxens, wo sich Box- und Schachspielrunden abwechseln und wo es darum geht, sich im wahrsten Sinne des Wortes intelligent durchzuschlagen – ein Prinzip für die prekär Lebenden in ihrem Existenzkampf.

Interview führte Thomas Feske

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