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Diagnose Personalmangel

erschienen in Clara, Ausgabe 39,

Seit Jahren fehlen in Kitas, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen viele Arbeitsplätze. Die Beschäftigten leiden unter Dauerstress – zum Nachteil von Kindern, Kranken und Pflegebedürftigen.

Wenn sich menschliche Bedürfnisse steuern ließen wie eine Maschine, dann hätte der Altenpfleger Stefan Saviano (39) keinen Stress. Dann würden seine Heimbewohner nur auf Toilette müssen oder Hunger haben, wenn er gerade Zeit dafür hat. Weil Menschen aber keine Maschinen sind, hat Stefan Saviano eine Menge Stress – auch weil seine Zeit wegen Personalknappheit extrem eng bemessen ist.   Saviano arbeitet in einem kommunalen Altenpflegeheim der Stadt Stuttgart, absolviert eine Ausbildung zur Altenpflegefachkraft und sagt: „Wir gehören noch zu den besseren Heimen.“ Mit maximal nur drei Kollegen kümmert er sich in einer Frühschicht um bis zu 19 Heimbewohner, in der Spätschicht dann zu zweit.   Pflege soll aktivierend sein. Die Pflegekräfte sollen die Selbstständigkeit der pflegebedürftigen Person fördern und vorhandene Fähigkeiten erhalten oder verloren gegangene reaktivieren – ein Ansatz, der viel Zeit und Geduld erfordert. So weit die Theorie. „Unter den gegebenen Bedingungen lässt sich das nicht umsetzen“, sagt Saviano. Er und seine Kolleginnen und Kollegen haben einen Mammut-Parcours zu bewältigen.    „Du hast permanent Druck“, berichtet der Altenpfleger. Im Nacken sitzen einem all die anderen Heimbewohner. Oft habe man das Gefühl, man müsste sich vierteilen können. Weil ein Bewohner gerade auf die Toilette muss, ein anderer aber noch Unterstützung beim Essen braucht und ein weiterer wiederum gerade davonlaufen will. Permanent müsse er rennen, mache kaum Pausen und viele Überstunden. „Du willst alles geben für die Leute, aber drohst so auf der Strecke zu bleiben“, sagt Saviano.    Seit Jahren schon beklagen Gewerkschaften und Pflegeverbände die Zustände im Pflegesystem und fordern eine den tatsächlichen Pflegeaufwand abdeckende Personalbemessung. Bisher gibt es keine bundesweit verbindlichen Regelungen. Hier regeln weitgehend der Markt und eine marktkonforme Politik die Verhältnisse, dementsprechend niedrig sind Besetzung und Löhne.   Doch nicht nur die Altenpflege leidet unter Personalmangel. Ebenso heftig sind die Zustände in Krankenhäusern und Kitas. Immer wieder ist in den Medien von Personalmangel die Rede. Dass dieser Mangel kein Hirngespinst ist, weiß Krankenpfleger Thorsten Niebergall. Der 40-Jährige arbeitet im saarländischen Kreiskrankenhaus St. Ingbert und hat erlebt, wie sich die Verhältnisse auf den Stationen in den vergangenen Jahren verändert haben. Vielerorts ist nicht nur das Personal weniger geworden, auch die Arbeit hat sich verändert. Im Gegensatz zu vergangenen Zeiten müssten Krankenpfleger deutlich mehr dokumentieren. „Es bleibt weniger Zeit für die persönliche Nähe zu den Patienten“, sagt Niebergall. Dadurch leide die für die Gesundung der Patienten so wichtige persönliche Nähe. „Dies ist ein ganz wichtiger Faktor für die Menschen“, sagt er. Dabei gehe es ja nicht nur darum, einem Schicksal zu lauschen, in diesen Gesprächen erfahre man oft auch für die Behandlung wichtige Details.   Aktuelle Studien sprechen von 100.000 fehlenden Pflegekräften an Krankenhäusern. Wie heftig die Personalnot ist, zeigt auch der internationale Vergleich. In Deutschland versorgt eine Pflegekraft im Durchschnitt 9,9 Patientinnen und Patienten, in anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden sind es 4,8, in Norwegen sogar nur 3,7.   Gewerkschaften sprechen von „gefährlicher Pflege“   Besonders kritisch scheint die Situation in den Nachtschichten zu sein. Das offenbarte voriges Jahr eine Untersuchung von ver.di. Die Gewerkschaft untersuchte die Lage in 225 Krankenhäusern und stellte fest: In mehr als 55 Prozent der Kliniken betreute eine Pflegekraft allein 25 Patienten.   Dramatisch ist diese Situation auch, weil zahlreiche Studien mittlerweile belegen, dass zu wenig Pflegepersonal zu mehr Komplikationen führt, zu Stürzen und Todesfällen bei Patientinnen und Patienten. Gewerkschaften und Pflegeexperten sprechen von „gefährlicher Pflege“.   Doch nicht nur für die Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern und Pflegeheimen sind die Zustände gefährlich. Kein Geheimnis ist, dass die Krankenstände in den Pflegeberufen extrem hoch sind. Viele Beschäftigte erkranken dauerhaft oder geben ihren Job auf – „fliehen“ aus einem Beruf, der für viele einmal Berufung war.   Personalmangel auf den Stationen scheint wie ein Inkubator für Erkrankungen zu wirken, vor allem, weil eine bedenkliche Dynamik entsteht. Wird eine Kollegin krank, dann weiß sie, die ohnehin schon gestressten Kolleginnen müssen die Arbeit mitmachen. Viele schleppen sich deswegen zur Arbeit und verschleppen so Krankheiten. Schlussendlich fallen sie länger aus. Für die Kolleginnen und Kollegen bedeutet das noch mehr Arbeit und sehr häufig dann ebenfalls Erkrankung.   Ähnliche Zustände gibt es auch im Bereich der Erziehungsberufe. Als „Kettenreaktion“ bezeichnet Marianne Hübinger (53) insbesondere die Dynamik mit den Erkrankungen. Sie ist ausgebildete Erzieherin und Heilpädagogin und arbeitet seit rund 20 Jahren in einer Kita in Frankfurt am Main. Sie bringt es so auf den Punkt: „Die Krankheit der einen führt dazu, dass andere erkranken. Die Kollegen stehen permanent unter Strom.“   Aus ihrer Sicht ist in vielen Einrichtungen bundesweit der Personalschlüssel unzureichend. Im Krippenbereich kommen mancherorts auf zwei Fachkräfte bis zu zwölf Kinder. Dabei wären drei Kinder pro Fachkraft optimal. Das empfehlen die Gewerkschaft ver.di und die Europäische Kommission.   Beschäftigte stehen vor einer Zerreißprobe   Nicht nur die aktuellen Personalschlüssel sorgen bei Erzieherinnen und Erziehern für Stress. Ähnlich wie in der Pflege hat sich mit den Jahren die Arbeit verändert. Erzieherinnen müssen mehr dokumentieren, brauchen mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung und Elterngespräche – alles Aufgaben, die weniger Zeit für die Kinder lassen. „Den Kindern geht es deswegen nicht zwangsläufig schlecht, aber dadurch können die Erzieherinnen weniger mit ihnen unternehmen und weniger vermitteln“, sagt Marianne Hübinger.   Spricht man mit Leuten wie dem Altenpfleger Saviano, dem Krankenpfleger Niebergall und der Erzieherin Hübinger, dann lässt sich noch eine andere Auswirkung des Personalmangels erkennen. Eigener Anspruch und Berufsethos auf der einen Seite und die Realität der Arbeitswelt auf der anderen stellen die Beschäftigten permanent vor eine Zerreißprobe.   Marianne Hübinger weiß aus Gesprächen: „Die Leute wollen die Arbeit supergut machen, und das schafft Unzufriedenheit. Burn-out, Krankheit und Berufswechsel sind die Folge.“    Thorsten Niebergall kennt das Dilemma: „Alle haben mal angefangen mit dem Anspruch, das Beste für die Patienten rauszuholen. Das geht irgendwann nicht mehr, und manche zerbrechen daran.“    Stefan Saviano hörte irgendwann die Empfehlung eines Kollegen: „Du darfst kein Gewissen haben, sonst kriegst du es nicht hin.“   Fragt man Marianne Hübinger, warum ausgerechnet in den Pflege- und Erziehungsberufen so ein Personalmangel und oft eine ungenügende Bezahlung herrschen, sagt sie: „Weil es klassische Frauenberufe sind. Der Druck reicht bisher nicht aus, um daran etwas zu ändern.“ Fehlendes Geld, so sagt sie, könne nicht der Grund für den Personalmangel sein, das zeige nicht zuletzt die gigantische Bankenrettung. Die Frage sei nur, wofür der Staat und die Gesellschaft es ausgebe.

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