Zum Hauptinhalt springen

Deutschlands neue Kaufhäuser

erschienen in Clara, Ausgabe 18,

Tafeln waren einst Orte, an denen wenige Arme Essen erhielten. Heute nutzen mehr als eine Million Menschen die immer umfangreicheren Angebote der Tafeln, so wie in Strausberg.

Eine Plastikschale voll Nummern sorgt für Gerechtigkeit bei den Kunden der Strausberger Tafel. So werden die mehr als 100 Menschen bezeichnet, die sich viermal pro Woche in der Holzbaracke versammeln. Es sind Rentner, Alleinerziehende, Hartz-IV-Empfänger und sogar Frauen und Männer, die Jobs haben. Jeder zieht eine Nummer, die über die Reihenfolge bei der Essensausgabe entscheidet.

Dort geht es zu wie am Fließband. An einer fünf Meter langen Theke füllen Mitarbeiter der Tafel die grünen Plastikkörbe im Akkord mit Salatköpfen, Brot, Wurst und einigem mehr. Am Ende der Theke warten die Tafelkunden. Sie füllen den Inhalt der Körbe zügig in ihre Tüten.

Vor allem die Hartz-IV-Reformen trieben die Zahl der Tafelkunden in Strausberg in die Höhe. Fast 1000 Personen sind derzeit für die Essensausgabe registriert. Noch im Jahr 2001, als die Tafel eröffnete, kam kein einziger Rentner. Jetzt sind es an manchen Tagen bis zu 30.

Bei der Strausberger Tafel geht es nicht nur ums Essen. Weil für immer mehr Menschen der Einkauf in einem Kaufhaus unbezahlbar geworden ist, versucht die Strausberger Tafel auch diese Not zu lindern: Sie hat sich zu einem Sozialkaufhaus entwickelt.

In der Kleiderecke erinnert nichts an eine Kleiderkammer, sondern alles an einen Bekleidungsladen. Es gibt eine Umkleidekabine, alle Größen sind fein säuberlich sortiert, und Mitarbeiterinnen beraten die Kunden, kümmern sich sogar um eine jahreszeitgemäße Dekoration des Raumes. Mäntel sind für fünf bis sieben Euro zu bekommen, Röcke ab 2,50 Euro. Wenn die Sachen nicht passen, werden sie in der Nähstube geändert.

Gleich daneben befinden sich die Bücher-Stube und das Kinderland. Vor allem Alleinerziehende sind froh, wenn es die sonst so teuren Kindersachen hier für wenige Euro gibt. Auch eine Abteilung für Haushaltswaren existiert. Fein sortiert, vom Kaffeeservice bis hin zum Kerzenständer.

In der Möbelbörse ist es kalt. Zum Heizen reicht das Geld nicht. Es sieht aus wie in einem kleinen Möbelgeschäft. Die Räume sind thematisch eingerichtet: ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, mittendrin ein paar alte Hometrainer.

Hinter vorgehaltener Hand empfehlen selbst Mitarbeiter der Ämter den Menschen, ihre Not bei der Tafel zu lindern. Doch das könnte bald vorbei sein. Viele der Tafelmitarbeiter werden vom Arbeitsamt gefördert. Doch das neue Sparpaket der Bundesregierung sieht in diesem Bereich drastische Kürzungen vor. Derzeit ist unklar, ob die Tafel weiterhin bestehen kann. Dabei war das eigentliche Ziel der Tafel, sie erst dann zu schließen, wenn es keine Erwerbslosen mehr gibt.

Auch interessant