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Deutsches Lohndumping reißt Europa in den Abgrund

erschienen in Klar, Ausgabe 23,

Deutschland gilt als einer der Exportweltmeister. Doch was viele nicht wissen: Vor allem der Billiglohnsektor hat zu einem Anstieg der Exporte geführt. Die wiederum gefährden das wirtschaftliche Gleichgewicht in Europa.

Ein Schlachthof in Niedersachsen. An einem Fließband stehen Arbeiter mit blutbefleckten Schürzen. Die Messer in ihren Händen sind kaum zu erkennen. So schnell gleiten sie durch das Fleisch der Rinderhälften. Knorpel, Blut und Fettstückchen fallen auf den eiskalten Boden. Arbeit im Akkord. Manchmal zehn, elf oder mehr Stunden am Tag.

 

Was sich kaum einer vorstellen kann: Auch an solchen Orten entsteht das viel gelobte deutsche Exportwunder. Der Grund: Die Arbeiter im Schlachthof bekommen nur vier bis acht Euro die Stunde. Möglich machen das Werkverträge und fehlende Mindestlöhne. Vor allem osteuropäische Arbeiter schuften dank Werkverträgen zu Billigstlöhnen von vier bis fünf Euro. Ihre deutschen Kollegen bekommen zwei oder drei Euro mehr. Die Produktion ist so billig, dass immer mehr ausländische Unternehmen ihre Produktion nach Deutschland verlagern.

 

Mit »Deutscher Wertarbeit«, die für gewöhnlich als das Kernstück des deutschen Exportwunders angesehen wird, hat das alles wenig zu tun. Nicht mehr nur Maschinenbau und Automobilindustrie sorgen für den deutschen Exportboom, sondern dank Agenda 2010 und Lohndumping auch Branchen wie die Fleischindustrie.

 

Weil in Deutschland produzierte Waren billiger sind als die der Nachbarn, steigt der deutsche Absatz im Ausland enorm. Seit 2000 konnte Deutschland so einen Leistungsbilanzüberschuss von über 1 Billion Euro erzielen, steigerte ständig seine Exporte. Die Importe blieben zurück. Ganz anders beispielsweise Griechenland und Italien. Sie importierten mehr als sie exportierten. Und weil im Ausland statt im Inland produziert wurde, brach die eigene Wirtschaft in den letzten Jahren systematisch zusammen.

 

Billigprodukte statt Qualitätsware – das Beispiel Griechenland zeigt es: Der Anteil der Nahrungs- und Genussmittel sowie der produzierten Waren am deutschen Handelsbilanzüberschuss gegenüber Griechenland nahm von 2000 bis 2008 um 20 Prozentpunkte zu. Allein der Export von Nahrungsmitteln und lebenden Tieren nach Griechenland stieg in diesem Zeitraum um sagenhafte 87 Prozent. Der von Möbeln, Kleidung und Schuhen sogar um 91 Prozent. Die im europäischen Rahmen angehäuften Handelsungleichgewichte sind nach Ansicht von Ökonomen eine der zentralen Ursachen der Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa.

 

Im Klartext: Dank Lohndumping werden in Deutschland reguläre Arbeitsplätze zerstört. Länder wie Griechenland können mit diesem Lohndumping nicht mithalten. Ihre Wirtschaft geht kaputt und deutsche Waren müssen auf Pump importiert werden. Griechische und deutsche Arbeiter werden gegeneinander ausgespielt, freuen können sich nur die Unternehmen – die deutschen wohlgemerkt.

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