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Der Ursprung einer Terror-Organisation

erschienen in Clara, Ausgabe 39,

In nagelneuen Pick-ups und mit moderner Bewaffnung überrollte der sogenannte Islamische Staat (IS) Ende des Jahres 2013 Teile Syriens und des Iraks. Doch woher stammt die aktuell mächtigste Terrorgruppe der Welt?

Gegenwärtig beherrscht der IS, wenngleich militärisch in der Defensive, immer noch große Teile Syriens und des Irak, darunter die irakische Millionenstadt Mossul. Und er dehnt seinen Einfluss auf weitere Länder wie Libyen und Afghanistan aus. Wie konnte der IS scheinbar aus dem Nichts heraus zu einer existenziellen Bedrohung ganzer Staaten und zu einer zentralen Herausforderung der internationalen Politik werden?    Die Entstehung des IS liegt weit zurück. Den historischen Ausgangspunkt bildete das völkerrechtswidrige Eingreifen im Irak unter Führung der USA im Jahr 2003 mit Zehntausenden Todesopfern und anschließender jahrelanger Besatzung. Damals bildete sich al-Qaida im Irak (AQI) als islamistische Widerstandsbewegung gegen die US-amerikanische Besatzungmacht. Ihre Führer nutzten das Chaos und die Verbitterung vieler Sunniten, die sich als Verlierer des Krieges und des gewaltsamen Machtwechsels sahen.    Die USA und ihre „Koalition der Willigen“ gingen mit äußerster Härte gegen die Aufständischen vor. Die Festsetzung islamistischer Terrorkämpfer im Sondergefängnis von Bucca im Süden des Irak ab dem Jahr 2007 war der ideologische Durchlauferhitzer für viele der später führenden Köpfe des IS. Dieses Gefängnis entwickelte sich zu einem „Schnellkochtopf für Extremismus“, wie damals schon irakische und US-Geheimdienstler warnten. Dort entstanden auch der Kontakt zu und die enge Zusammenarbeit mit den gut organisierten Strukturen der ehemaligen irakischen Regierungspartei, den Baathisten.    Aus dem Irak nach Syrien   Im Gefängnis in Bucca wurden auch viele Unschuldige gefangen gehalten. Ihr Hass erwies sich als Nährboden für die Massenrekrutierung neuer Kämpfer. Die Idee des islamischen Kalifatstaats radikal-salafistischer Prägung, der sich gegen den Westen und die Besatzungspolitik der USA, aber auch gegen Schiiten, Alawiten, säkulare und religiöse Minderheiten richtet, gewann unter den Sunniten an Zulauf. Auch weil von der gezielten Förderung eines Parteiensystems nach religiösen Scheidelinien durch die Besatzungsverwaltung im Irak vor allem die schiitische Mehrheit und ihre Repräsentanten profitieren.    Bald nach dem Beginn der bewaffneten Auseinandersetzungen in Syrien expandierte AQI unter Führung von Abu Bakr al-Baghdadi auch nach Syrien, griff militärisch in den dortigen Bürgerkrieg ein und eroberte große Gebiete. Im Jahr 2013 spaltete sich die Terrorgruppe von al-Qaida ab und benannte sich um in Islamischer Staat (IS). Das gleichzeitige Vordringen des IS im Irak bis wenige Kilometer vor die Hauptstadt Bagdad zeigte den Erfolg ihrer Strategie, sich als Vertreter der Sunniten gegen die Macht der Schiiten zu präsentieren. Der IS sicherte sich auf diese Weise die Sympathie von Teilen der sunnitischen Bevölkerung im Irak.   Die Differenz des IS zu anderen islamistischen Gruppen, die in Syrien Krieg führen, besteht vor allem in der konkreten Ausprägung der Idee der Staatlichkeit des militanten Islamismus. In ihrer Vorstellung von einer islamistischen Gesellschaft und deren gewaltförmiger Verbreitung bestehen keine Unterschiede zwischen dem IS und den verbliebenen al-Qaida-Kräften wie al-Nusra oder anderen. Sie alle wurden durch die wahhabitischen Eliten in Saudi-Arabien nicht nur finanziert, sondern auch ideologisch geprägt.    Die Grausamkeit, die der IS gezielt zur Schau stellt, die Absolutsetzung radikal-islamischer Glaubensinhalte und nicht zuletzt die militärischen Erfolge eines vermeintlichen Underdogs scheinen die Attraktivität des IS für junge Muslime auch aus Europa, die in ihren Gesellschaften Ablehnung erfahren und keine soziale Perspektive sehen, erhöht zu haben.    Die Rolle des Westens   Die offensive Regime-Change-Politik der USA im Nahen Osten hat viele Staaten destabilisiert und damit neuen Nährboden für militanten Islamismus geschaffen. Libyen versank nach der Bombardierung des Landes und der Ermordung des Diktators Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 im Chaos. Mittlerweile kontrolliert der IS Teile Libyens, darunter die Hafenstadt Syrte, und rückt auf die libyschen Ölfelder vor. In Afghanistan rekrutiert der IS abtrünnige Taliban. Im Jemen, wo Saudi-Arabien, ein Verbündeter und guter Waffenkunde Deutschlands, einen schmutzigen Krieg führt, etabliert sich gerade al-Qaida. Das Erstarken islamistischer Terrorgruppen geht also auch auf das politische Kalkül des Westens zurück, man könne islamistische Bewegungen oder Milizen für die eigenen strategischen Ziele einspannen. So auch im Fall Syriens.    Die Unruhen, die in Syrien im Jahr 2011 zunächst als demokratischer und sozialer Protest gegen das Regime von Baschar al-Assad begannen, wurden von den USA als Chance gesehen, Assad zu stürzen und den Einfluss Russlands zurückzudrängen. Dabei setzten die USA laut geleakten Dokumenten der amerikanischen Defense Intelligence Agency (DIA) auf die militärische und die religiöse Karte. Sie unterstützten seit dem Jahr 2012 bewaffnete radikal-sunnitische Gruppen in ihrem Kampf gegen den Alawiten Assad, zum Beispiel durch Waffenlieferung aus dem libyschen Bürgerkrieg. Und sie drückten beide Augen zu, wenn der NATO-Partner Türkei den Nachschub für islamistische Terrorgruppen organisierte. Dabei nahmen sie in Kauf, dass diese mit al-Qaida verbunden waren. Finanziert wurden diese Gruppen von Diktaturen am Golf, vor allem von Saudi-Arabien. Auch der IS selbst wurde laut BBC von „bekannten reichen Männern aus Katar“ finanziell unterstützt.   Zu einer Zeit also, in der in Syrien noch eine friedliche Opposition existierte, die Unterstützung dringend benötigt hätte, förderten die USA und ihre Verbündeten bewusst die Militarisierung des Konflikts. Dabei nahmen sie hin, dass sich diese terroristischen Gruppen im weiteren Verlauf des Krieges zu einer großen neuen islamistischen Terrororganisation zusammenschließen könnten – was schließlich auch geschah. Der Westen steht heute vor dem IS wie Johann Wolfgang von Goethes Zauberlehrling vor den Wassermassen: „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“