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Der stille Regisseur

erschienen in Clara, Ausgabe 4,

15 Jahre lang saß er im Brandenburger Landtag mit Lothar Bisky Tür an Tür: Heinz Vietze, parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion in Potsdam, porträtiert für Clara seinen langjährigen Weggefährten

Mein erster Termin mit Lothar Bisky fand gar nicht statt. Auf der Tagesordnung des Sekretariats der SED-Bezirksleitung stand so ziemlich zu Beginn meiner Zeit als neuer 1. Kreissekretär in Potsdam im Frühjahr 1989 eine Berichterstattung des Rektors und der Parteiorganisation der Filmhochschule Konrad Wolf. Bisky ignorierte jedoch die Einladung. Das wiederum brachte mir den Auftrag ein, entsprechende parteierzieherische Maßnahmen einzuleiten. Doch auch dies berührte Bisky nicht. Ich ließ es dabei bewenden, ahnte aber schon damals, dass dieser Bisky kein bequemer Partner werden würde. Und richtig: Im September 1989 - es war die Zeit, als viele der DDR den Rücken kehrten - stellte er sich seiner Studentenschaft zur Wahl als Rektor. Die Forderungen nach ähnlichen demokratischen Schritten wurden laut, doch es gab wenige, die es ihm gleich taten. In den Tagen des politischen Umbruchs stellte sich Bisky am 4. November als Redner dem Urteil der rund 500000 Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz. Er plädierte damals für einen demokratisch reformierten Sozialismus in einer weiterhin eigenständigen DDR. Und dann ging alles rasend schnell.

Bisky sprach 1989 zu 500 000 auf dem Alexanderplatz

Die Ereignisse überstürzten sich und plötzlich saßen wir beide im Arbeitsausschuss des Sonderparteitages. Lothar als Leiter der Redaktionskommission und ich als Verantwortlicher für das Stalinismusreferat. Unterschiedlicher konnte die Konstellation nicht sein. Beide wollten wir die Erneuerung der Partei und der Gesellschaft, litten unter der zunehmenden Enge, in die die SED, die Partei, der wir beide angehörten, die DDR manövriert hatte.

Gemeinsam mit dem früheren Vorsitzenden des Kollegiums der Rechtsanwälte der DDR, Gregor Gysi, dem Philosophieprofessor Michael Schumann und vielen anderen feilten wir nächtelang an den zu haltenden Referaten und an der Entschuldigung gegenüber dem Volk der DDR. Damals haben wir uns schätzen gelernt und es begann eine bis heute währende enge - auf gegenseitigem Vertrauen beruhende - Freundschaft.

Gemeinsam haben wir den Hungerstreik gegen die kalte Enteignung der Partei durchgehalten, uns gegen pauschale Verurteilungen und Diffamierungen gestellt. Wir warben gemeinsam für Toleranz und Akzeptanz, auch wenn wir manchmal nah am Verzweifeln waren. Gemeinsam haben wir dafür gekämpft, den Erneuerungsprozess der Partei voranzubringen, und in Brandenburg die Partei aufgebaut. Lothar war in dieser Zeit Landesvorsitzender und Spitzenkandidat zur ersten Landtagswahl. Unter dem Slogan »Wir sind belastbar« zogen wir mit einer 13-köpfigen Mannschaft ins Parlament ein. Es ist Lothar zu verdanken, dass Menschen mit unterschiedlichen Biografien begannen, gemeinsam für die Erneuerung der Partei und der Gesellschaft zu streiten. Durch seine Akzeptanz über die Partei hinaus und sein Drängen danach, dass die Linke wieder gehört wird, wurde er von vielen als Gesprächspartner gesucht, war es wohl möglich, den sogenannten Brandenburger Weg zu gestalten.

Wo andere eine Seite schreiben müssen, genügt Lothar ein Satz

Wir entwickelten das Konzept der konstruktiven Opposition, wirkten intensiv bei der Ausarbeitung der Brandenburger Verfassung mit, stritten für die Zusammenarbeit von Berlin und Brandenburg, lehnten jedoch den Fusionsvertrag ab. Wir diskutierten unsere Vorschläge vor Ort, begaben uns auf den Weg zu einer Partei für den Alltag und nicht nur für Wahltage. Lothar war bei Betriebsbesetzungen ebenso dabei wie bei den Demos gegen Sozialabbau. Besonders engagierte er sich gemeinsam mit uns für die Kommunalpolitik, für die Mitgliedschaft in Vereinen und Bewegungen, denn schon damals war uns klar, ohne feste Verwurzelung in der Gesellschaft würden linke Ideen auf Dauer keinen Platz finden. Vielleicht war es diese harte Arbeit, die uns von anderen unterscheidbar machte; die dazu beitrug, dass die neue Partei von Jahr zu Jahr mehr Zuspruch erlangte. Lothar redet nicht viel. Wo andere für Presseerklärungen eine Seite brauchen, reicht ihm ein Satz. Nur durch den Zusammenhalt der Fraktion konnten wir das Pensum gemeinsam bewältigen, als Lothar Parteivorsitzender wurde. Er wusste, dass er sich auf uns verlassen konnte, und meinte damals oft, seine politische Heimat sei Brandenburg. Die brauchte er gerade wegen der neuen Herausforderungen, die die Bundespartei an ihn stellte. Von Anfang an drängte er auf den Westaufbau, reiste von Veranstaltung zu Veranstaltung. Sein Tagesablauf wurde alsbald mehr von seinen Mitarbeiterinnen im Parteivorstand und
im Fraktionssekretariat bestimmt als von ihm selbst.

Ihn ärgert die zunehmende Arroganz und Unehrlichkeit der herrschenden Politik. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2003 mit seiner Agenda 2010 den inneren Frieden aushebelte, war Lothar klar, dass dem eine Agenda Sozial entgegengesetzt werden muss. Die Charakterlosigkeit und gelebte Doppelmoral, die in dem Vorwurf gipfelt, diejenigen, die Hartz IV anprangern, als Populisten zu beschimpfen und gleichzeitig Steuergeschenke an Kapitalgesellschaften zu verteilen, brachte ihn in Wallung. Dies war sicher auch ein Grund für seine Entscheidung, in dieser Zeit erneut - nach seinem Rücktritt vom Parteivor-sitz in Münster - noch einmal anzutreten. Und das, obwohl er vielleicht lieber ein Buch geschrieben oder einen Film über Fidel Castro gedreht hätte. Manche seiner geheimen privaten Wünsche blieben so
auf der Strecke.

Ausgrenzung und Intrigen lehnt er kategorisch ab

Als sich mit der vorgezogenen Bundestagswahl 2005 die Chance für eine neue Linke eröffnete, stand Lothar mit an der Spitze. Richtig gefreut hat er sich über das Zustandekommen der Europäischen Linken, dafür hat er sich jahrelang gemeinsam mit seinen Freunden in den verschiedenen Ländern eingesetzt. Und jetzt eröffnet sich die Chance, in Deutschland gemeinsam mit der WASG zu einer bundesweit akzeptierten Linken zu werden - das ist immer sein Traum gewesen. Herausragend finde ich nach wie vor, dass er geduldig zuhören und moderieren kann. Dies ist vielleicht in seinem Wesen begründet, das Ausgrenzung und Intrigen rundweg ablehnt. Bescheiden, aber nicht beliebig, lieber einmal mehr Argumente austauschen als hektisch agieren, das zeichnet ihn bis heute aus. Manch junger Wilder titulierte ihn deshalb manchmal als »Integrationsopa«. Doch er empfand das nie als beleidigend. Im Gegenteil, denn die neue LINKE wird sich immer wieder neuen Aufgaben stellen müssen, deren Bewältigung viel Vernunft, kluge, wissenschaftlich fundierte Konzepte und schließlich das geschlossene Handeln der gesamten Partei verlangt. Und bei allem Streben nach Selbstverwirklichung sollten wir dabei - das habe ich an Lothars Seite in Brandenburg gelernt - nie aus dem Auge verlieren, dass es in der Politik und besonders in der LINKEN auch bedeutet, sich selbst mal zurückzunehmen. Der Einzelne wird auf Dauer nicht ohne Team bestehen können. Diesen Anspruch lebt Lothar Bisky mit seiner ganzen Kraft.

Der Autor Heinz Vietze ist Diplomgesellschaftswissenschaftler, war in der Wendezeit der DDR Parteichef des Bezirkes Potsdam und erster Landesvorsitzender der PDS 1990 in Brandenburg. Heinz Vietze verbindet mit Lothar Bisky eine enge Freundschaft und zugleich eine konstruktive Streitkultur. Beide haben maßgeblich den sogenannten Brandenburger Weg initiiert. Dieser sieht die besondere Rolle politischer Partnerschaften unter Beteiligung linker Abgeordneter in Kommunen, Kreisen und Landesparlamenten vor.