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»Der Erfolg der Arche ist der Misserfolg der Gesellschaft«

erschienen in Clara, Ausgabe 41,

Einmal im Jahr werden Zahlen verkündet. Einmal im Jahr gibt es die Schlagzeile: »Kinderarmut als Dauerzustand«. Und danach? Danach ist wieder Ruhe. Kein Thema für die Regierungsbank. Dabei sind die Zahlen bestürzend, sie steigen, der Westen holt den Osten ein. Alles nachzulesen in der aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung, veröffentlicht in diesen Septembertagen. Ein Jahr Regierungszeit bleibt der Koalition aus CDU/CSU und SPD noch. Doch in ihrem Koalitionsvertrag gibt es das Thema arme oder armutsgefährdete Kinder gar nicht. Nicht einmal das Wort. Ursula von der Leyen (CDU), Ex-Sozialministerin, meinte sogar: »Armut in einem so reichen Land wie Deutschland ist relativ.«

Armut ist nicht relativ. Sie fühlt sich mies an, sie grenzt aus, sie verbaut Lebenschancen. Mindestens zwei Millionen Kinder unter 18 Jahre erleben das Tag für Tag in Deutschland. Beengtes Wohnen, wenig Geld für gesundes Essen, Bildung, Hobbies oder gar Urlaub. Eigenes Kinderzimmer – ein Wunsch; ausreichende Winterkleidung – nicht vorhanden; Kino, Konzert oder Theater einmal im Monat – nicht drin; Computer und Internet zu Hause – für die wenigsten selbstverständlich. Einer, der weiß, was »einkommensschwach« heißt und was das mit Eltern und Kindern anrichtet, ist Bernd Siggelkow. Der ausgebildete Theologe gründete 1995 das christliche Kinder- und Jugendwerk Die Arche e.V. in Berlin-Hellersdorf. Seine über zwanzigjährige Erfahrung hat ihn gelehrt, »Abgeordnete reden über arme Kinder, sie kennen aber kein armes Kind.« Es werden »Hilfspakete geschnürt, ohne zu Ende zu denken, was bringen sie überhaupt«. Beispiel Bildungs- und Teilhabepaket, Beispiel zwei Euro mehr Kindergeld im Monat, Beispiel Hartz IV und das Wegstreichen von Sachleistungen. Was in den letzten Jahren passierte, so Siggelkow, »die Perspektive und Würde der Eltern ist verloren gegangen«. Sie haben für sich selbst keine Hoffnung mehr, »würdevoll zu leben, und können nichts mehr an ihre eigenen Kinder vermitteln«. Der Arche-Gründer nennt die eigentliche Armut beim Namen: soziale Armut. Sie mache das Problem »noch viel größer als nur die reinen Zahlen«.

Armutsrisiko Kind

Und schon die sprechen eine verheerende Sprache. Laut Bertelsmann-Studie bekamen im Jahr 2015 im Vergleich zu 2011 mehr Kinder die staatliche Grundsicherung. Knapp 15 Prozent der unter 18-Jährigen waren auf Hartz IV angewiesen. Von allen betroffenen Minderjährigen lebten dabei 50 Prozent bei alleinerziehenden Müttern oder Vätern und 36 Prozent in Familien mit drei oder mehr Kindern. Für viele Kinder, die Hartz IV beziehen, ist Armut obendrein ein Dauerzustand. Die Mehrheit wächst über einen längeren Zeitraum in Armut auf. 57 Prozent der betroffenen Mädchen und Jungen im Alter von 7 bis 15 Jahren bezogen drei Jahre und länger diesen Mindestsatz an staatlicher Zuwendung. Die höchsten Hartz-IV-Quoten für Kinder und Jugendliche verzeichnen Städte. Bremerhaven (40,5 Prozent), Gelsenkirchen (38,5 Prozent), Offenbach (34,5 Prozent), Halle (33,4 Prozent), Essen (32,6 Prozent) und Berlin (32,2 Prozent).

»Politik ist schwierig«, sei »eine Herausforderung«, sagt Bernd Siggelkow in seiner ruhigen Art, aber »sie muss gerade den Menschen gerecht werden, die Hilfe brauchen«. Seine Arche bietet diese an, jeden Tag und an vielen Orten. Mehrfach in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main, Düsseldorf, Göttingen, München, Leipzig, Potsdam, Meißen. 90 Prozent der Kinder kommen gar nicht über die Eltern in die Einrichtungen, sie bringen sich gegenseitig mit und – bleiben. Denn die Arche ist für sie wie ein gutes Zuhause. Die Kinder haben feste Bezugspersonen, es gibt warmes Essen, es wird gespielt, Hausaufgaben werden gemacht, und das Wichtigste – es gibt Vertrauen und Wertschätzung. Auch bei den Eltern. Denn kommen Kinder regelmäßig, geben die Arche-Mitarbeiter nach spätestens zwei Wochen einen Zettel für die Eltern mit. Darauf steht, was die Arche ist, wo sich das Kind tagsüber aufhält und dass eine Telefonnummer und Ansprechpartner erwünscht seien. So entsteht der Kontakt zu den Familien. Arche Mitarbeiter machen Hausbesuche, unangekündigt. Gemeinsam mit etlichen Eltern und Kindern wurde schon so mache Wohnung renoviert, wurden Behördengänge erledigt. Das Feedback der Arche-Besucher: »Wir werden wie Menschen behandelt, wir müssen uns nicht ausziehen und unsere Bedürftigkeit nachweisen.«

Der Staat hat Verantwortung

Würde! Im Grundgesetz wird sie als »unantastbar« festgeschrieben. Kinderarmut und Elternarmut verletzen und untergraben dieses Menschenrecht. Die Familieninterviews im Rahmen der Studie zur Kinderarmut in Deutschland belegen das. Denn neben der chronischen Geldnot müssen Eltern ihren Kindern ständig ihr Nein-sagen und den Verzicht erklären. Eine große Belastung, weil entgegen allen Klischees auch bei einkommensschwachen Familien die Kinder der Lebensmittelpunkt sind und die betroffenen Eltern für eine gute Bildung ihrer Kinder die eigenen Bedürfnisse weit zurückschrauben. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, dazu: »Kinder können ihre Lebenssituation nicht selbst ändern. Deshalb hat der Staat hier eine besondere Verantwortung. Kinderarmut in Deutschland darf sich nicht weiter verfestigen.«

Arche-Chef Bernd Siggelkow kümmert sich mit seinen Mitarbeitern bundesweit um insgesamt 4.000 Kinder und Jugendliche. Angefangen hat er mal ganz klein und überschaubar in seinem Wohnzimmer. Er sagt heute: »Hätte ich das gewusst, hätte ich das nicht gemacht.« Als sechsfacher Vater lebt er sehr gern Familie. Und die Arche sei Familie. »Aber Familie mit 4.000 Kindern kann man nicht leben, da braucht man viele Menschen.« Die Arche wurde »größer und größer, der Erfolg der Arche jedoch ist der Misserfolg der Gesellschaft«. Und Letzteres macht ihn wütend. Seine Arche fängt tausende Mädchen und Jungen auf, dazu viele Eltern, Deutschland aber hat gut zwei Millionen arme Kinder. Was passiert mit den anderen? Warum haben wir überhaupt arme Kinder? Die Antwort gibt Bernd Siggelkow gleich selbst: »Kinder sind in Deutschland ein unkalkulierbares Risiko.« Und er sagt auch, »das geht einfach nicht für ein Wohlstandsland«. Stimmt. Das geht nicht.