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Der eigene Kanal im Internet

erschienen in Clara, Ausgabe 28,

Die Onliner sind die elektronische Nachrichtenredaktion der Fraktion DIE LINKE

Noch vor 20 Jahren gab es keine Online-Redakteure, waren Nachrichten oder gar Videos im Internet auf einer eigenen Webseite Wünsche für die Zukunft. Pressemeldungen wurden per Ticker versandt und eigene Nachrichten per Post an die Adressaten verteilt. Heute sind die Videobotschaften, sogenannte Podcasts, überall im Web zu finden. Im Jahr 2006, als die Fraktionen im Bundestag ihre Internetauftritte neu zu organisieren begannen, veröffentlichte die Fraktion DIE LINKE Mitte Juni den ersten Podcast mit Gregor Gysi, gleichzeitig übrigens mit der ersten Videobotschaft von Kanzlerin Angela Merkel. Hinzu kamen Audiostatements, Tausende Fotos aus dem Parlamentsalltag in Berlin und den Wahlkreisen, Interviews mit den Abgeordneten, Nachrichten, Anträge und Reden sowie Veranstaltungen der Fraktion. Weltweit abrufbar, ins Web gestellt vom Büro des Online-Redakteurs Martin Icke.

Er ist Onliner mit Leib und Seele, mag das schnelle Medium und vor allem, dass man von jedem Ort aus reagieren kann. Ob im Büro, vom Strand, im Fitness-Studio oder in der heimischen Küche. „Ereignet sich etwas, das die Fraktion angeht, kann ich jederzeit eine Meldung auf die Webseite stellen oder auf Facebook posten“, sagt Martin Icke, der schon mehr als zwölf Jahren als Online-Redakteur tätig ist.

Wer ihn erlebt, könnte fast glauben, dass ihn die Infosucht befallen habe. Morgens liest er um 6.20 Uhr seine Mails, um 6.40 Uhr die Zeitung – E-Paper versteht sich. Dabei gibt es Frühstück, dann geht es ins Büro. Seine ersten Erfahrungen machte Martin Icke bei der Online-Kampagne der damaligen PDS im Jahr 2001, als Gregor Gysi Regierender Bürgermeister Berlins werden wollte. Der Tagesspiegel berichtete damals vom „Profiteam“, das Gysis Web-Kampagne führe. Darüber schmunzelt Martin Icke noch heute. Das Team war er allein.

„Das ist manchmal Pionierarbeit“

Nachdem sich die Fraktion DIE LINKE nach der Bundestagswahl im Jahr 2009 auf 75 Abgeordnete vergrößert hatte, kamen auch weitere Redakteure in den Online-Bereich der Abteilung Medien und Öffentlichkeitsarbeit hinzu. Derzeit gehören Nicole-Babett Heroven und Ralf Knüfer dazu. Im Trio sorgen sie gemeinsam mit Martin Icke für einen hohen Aktualitätsgrad der Webseite. Nicole-Babett Heroven studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Skandinavistik. Sie arbeitete als Online-Redakteurin bei der großen Lidl-Kampagne von ver.di, führte das Web-Blog dazu. Schon früh engagierte sich die gebürtige Bochumerin politisch, war Schülersprecherin und interessierte sich für Politik und Demokratie. „Durch das Internet veränderte sich die Kommunikation, und mein Interesse an der technischen Funktion des Webs als Massenmedium wuchs mit der Qualität seiner Nutzung“, sagt die Mutter zweier Kinder.

Die Arbeit für die Bundestagsfraktion sei spannend und bereite Spaß. Allerdings stelle sie auch immer wieder fest, dass Abgeordneten sowie Kolleginnen und Kollegen der Anspruch der Online-Medien auf Schnelligkeit und Verständlichkeit nicht immer präsent ist. „Das ist manchmal Pionierarbeit, Abgeordnete zu überzeugen, dass eben jetzt und nicht morgen ihre Meinung verständlich, kurz und möglichst anschaulich vermittelt werden sollte.“ Politische Entscheidungen und ihre Entstehung im Alltag zu verfolgen, sei für eine Online-Redakteurin im Bundestag eine authentische Arbeit. Wenn dann unvorhersehbare Ereignisse schnelle Reaktionen auf der Webseite erfordern, erweise sich die Arbeit als echte Herausforderung.

An einem normalen Arbeitstag in einer Sitzungswoche haben die Onliner besonders schwer zu tun: Reden der Abgeordneten im Plenum als Video einstellen, Texte auf der Startseite schreiben, Interviews führen, Zuarbeiten redigieren, oft kürzen. Newsletter werden geschrieben, Audiostatements vorbereitet und die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter, Flickr oder Google+ mit Texten und vor allem Fotos bedient. Bei Pressestatements vor Fraktionssitzungen oder besonderen Themen werden Livestreams übertragen, müssen diese entsprechend betreut und auf YouTube die Videomitschnitte davon eingestellt werden. Die Bandbreite des Politikalltags online widerzuspiegeln sei eben oft das Spiel zwischen Oberflächlichkeit und Tiefgang.

So manche Rede höre sich staubtrocken an, meint Ralf Knüfer, lese sich mitunter aber interessant. Dann gelte es, mit dem richtigen Genre die Informationen und Botschaften der Fraktion und ihrer Abgeordneten am besten zu transportieren. „Das ist oft eine Menge Material, da wissen wir am Abend, was wir gemacht haben“, berichtet er.

Der in Mainz geborene Redakteur lebt seit fast 30 Jahren in Berlin, ist Fan von SV Werder Bremen und mag Basketball der NBA. Er hat das geteilte Berlin hautnah miterlebt und freute sich im Jahr 2007 über die Gründung der Partei DIE LINKE. „Es war eben keine Vereinnahmung, kein Anschluss, sondern eine freiwillige Vereinigung. Das war politisch notwendig und überfällig.“ Seit Mitte der 1990er Jahre ist Ralf Knüfer online und schrieb für die taz. Damals musste er für die Themenrecherche noch ins Archiv der Zeitung. „Heute kann man das Wissen anders organisieren. Manchmal führt das auch zu einer Informationsflut“, sagt Knüfer.

Für den einstigen Grünen zerstoben alle Hoffnungen auf eine bessere Gesellschaft mit der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder. In einem taz-Beitrag warnte er Mitte der 90er Jahre vor der Gefahr, bei der sozialen Gerechtigkeit in Deutschland amerikanische Verhältnisse anzusteuern. „Für mich war und ist die SPD keine soziale Partei“, sagt er.

Während die Massenmedien häufig Themen und Positionen linker Politikerinnen und Politiker eher karg und gekürzt oder gar nicht darstellen, kommen die Abgeordneten auf der eigenen Webseite so oft und ausführlich zu Wort wie sonst nirgends. Schon seit Jahren nutzen gemeinnützige Vereine, Bündnisse und kleine Parteien das Internet, um ein größeres Publikum zu erreichen. So haben sich auf YouTube immerhin 6,3 Millionen Menschen die Videos der Fraktion DIE LINKE angeschaut. Die Reden von Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht im Bundestag stehen dabei ganz oben. Ende Februar haben fast 250000 Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook den Post der Fraktion DIE LINKE zum Thema Wasserprivatisierung gesehen.

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