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clara. nachgehakt

erschienen in Clara, Ausgabe 15,

In der clara. vom Dezember berichteten wir über Hella Cajar. Sie bekam als ALG-II-Empfängerin unterschiedliche Jobs in Leiharbeit beim Landratsamt Oberhavel. Jedes Mal vertraute sie Zusagen für eine dauerhafte Anstellung. Immer wieder hoffte die 49-Jährige auf ihre Chance im ersten Arbeitsmarkt – umsonst. Nun erfuhren Hella Cajar und andere Betroffene aus der Presse, dass die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises sogar eine eigene kommunale Leiharbeitsfirma gründen wird. clara. ging der aktuellen Entwicklung auf den Grund und bat Karl-Heinz Schröter (SPD), Landrat des Landkreises Oberhavel, dazu Stellung zu nehmen.

Am 10. März beschloss der Kreistag einen auf Ihre Initiative zurückgehenden Antrag, den Gesellschaftsvertrag der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Oberhavel mbH (WfO) zu erweitern. Gegenstand der Unternehmenstätigkeit ist künftig auch die gewerbsmäßige Arbeitnehmerüberlassung. Wozu soll das gut sein?
Karl-Heinz Schröter: Im Landkreis schwankt die Arbeitslosigkeit zwischen 10,5 und 12 Prozent. Wir müssen uns als Optionskommune Gedanken machen, durch welche Maßnahmen wir Menschen von der Langzeitarbeitslosigkeit in reguläre sozialversicherungspflichtige Arbeits-verhältnisse bringen können. Dies ist auch mit den eigenen Gesellschaften möglich.

Nun wird ja immer gesagt, dass genau dies private Leiharbeitsfirmen tun: Menschen in den ersten Arbeitsmarkt bringen.
Private Zeitarbeitsfirmen suchen Bewerber, die möglichst aus einer ungekündigten Arbeit kommen, keine Unterbrechungen in der Erwerbsbiografie, eine abgeschlossene Berufsausbildung und Zusatzqualifizierungen vorweisen können, jugendlich und nicht erkrankt sind. In der Regel haben langzeitarbeitslose Menschen diese Voraussetzungen nicht.

Davon werden Sie sich wie unterscheiden?
Wir wollen mit unserem Vorhaben zwei Dinge NICHT: erstens damit Geld verdienen und professionellen Anbietern Konkurrenz machen. Und zweitens werden wir nicht zu Dumpinglöhnen einstellen. Wir wollen für die, die lange aus dem Arbeitsleben raus sind, weitere Brücken bauen und ihnen eine Chance geben.

Welche Löhne sollen gezahlt werden?
Es wird nach dem geltenden Tarifabschluss zwischen DGB und IGZ (Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen e.V.) vergütet. Das fängt in der Eingangsstufe mit 7,34 Euro Stundenlohn plus Zuschlägen an und kann bis 15,03 Euro raufgehen.

Sie haben schon einen Probelauf gemacht.
Wir haben 2007 mehrere Stellen kurzfristig besetzen müssen und dies über die WfO getan. Auf acht Stellen wurden zehn Leute vermittelt, von denen am Ende sieben bei uns in der Kreisverwaltung unbefristet angestellt worden sind.

Warum sind die nicht direkt eingestellt worden?
Wenn wir ein reguläres Bewerbungsverfahren machen, müssen wir erst ausschreiben. Auf eine ausgeschriebene Stelle bekommen wir durchschnittlich 50 Bewerbungen. Das ganze Prozedere dauert acht bis zwölf Wochen. So kann ich Arbeitsspitzen nicht abfangen.

An welche Arbeiten ist gedacht?
Die Ausgestaltung ist nun Aufgabe der Geschäftsführung der WfO. Vielleicht ist?es möglich, Saisonarbeitskräfte für die Landwirtschaft einzustellen und sie nicht nach der Spargelernte zu entlassen, sondern gleich für die sich anschließende Ernte einzusetzen. Denkbar ist auch der Einsatz in anderen Kommunen.

Es wird keine Arbeitsplätze im Bereich der Verwaltung geben?
Zurzeit haben wir hier keinen Bedarf.

Anmerkung der Redaktion: Am 10. März 2010 beschloss der Kreistag Oberhavel gegen die Stimmen der Fraktion DIE LINKE die Gründung einer kommu-nalen Leiharbeitsfirma. Leiharbeit, organisiert in öffentlicher Hand, ist eine neue »Qualität« und stützt eine Entwicklung, die verhindert, dass gleiche Löhne für gleiche Arbeit gezahlt werden.

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