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Bodenlos – oder wie die Bäuerin zu Land kommt

erschienen in Lotta, Ausgabe 10,

Ohne die Ökonauten hätte Vivian Böllersen ihren Traum vom eigenen Wallnusshain nicht umsetzen können.

In Velten, dreißig Kilometer nordwestlich von Berlin, arbeitet eine junge Frau auf einem Feld. Sie hat eine verrückte Idee: Mitten in Brandenburg möchte sie Walnüsse anbauen, auf einer eigenen Plantage. Ungewöhnlich, denn das Brandenburger Land ist eher für seine märkische Kiefer und den Beelitzer Spargel bekannt. Vivian Böllersen dazu: „Die Walnuss lässt sich hier problemlos anpflanzen, warum also die hohe Nachfrage aus Übersee decken?“

Den Walnussbaum kennen viele aus dem eigenen Garten, die Nuss landet in der Regel in der Weihnachtszeit auf dem bunten Teller. Die landwirtschaftliche Nutzung dagegen ist hierzulande nur wenig bekannt. Der Verwendungszweck reicht von Marzipan bis Speiseöl. Außerdem sind Walnüsse reich an Omega-3-Fettsäuren, die das Herz schützen und das Denkvermögen ankurbeln können. Schon während des Studiums war der zukünftigen Jungbäuerin klar: „Ich will meine Idee in die Praxis umsetzen.“ Sie widmete ihre Masterarbeit der Walnuss, und hielt frühzeitig Ausschau nach geeignetem Land.

Wer Ackerland und Bodeneigentum kaufen möchte, der kommt in Ostdeutschland nicht an der Bundesverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG) vorbei. Sie hält die Hand über Acker- und Grünflächen und über die Preise. „Bei den Versteigerungen konnte ich mit anderen Bietern nicht mithalten, obwohl ich meine Gebote für realistisch hielt“, erzählt die junge Landwirtin. So folgt auf Vorfreude die Ernüchterung Großinvestoren, die mit den begehrten Flächen spekulieren, sind kleinen Landwirten und Landwirtinnen wie Böllersen hoffnungslos überlegen. Allein in Brandenburg stiegen die Bodenpreise in den letzten Jahren um mehr als 200 Prozent. Vivian Böllersen aber gibt ihren Traum nicht auf, schaltet eine Zeitungsannonce – und es meldet sich ein Grundstücksbesitzer aus dem kleinen Ort Velten. „Die Grünfläche entsprach genau meinen Vorstellungen“, erzählt sie. Das passende Stück Land war gefunden, aber wie bezahlen, wenn kein großes Eigenkapital vorhanden ist?

Hilfe kam über ihren Studienkollegen Willi Lehnert und sein frisch ins Leben gerufenes Projekt Ökonauten. Lehnert, selbst angehender Landwirt, ist Mitbegründer der Ökonauten, einer Landgenossenschaft. Während der Linken Woche der Zukunft war er als Experte bei der öffentlichen Werkstatt „Bodenlos – Wie die Bäuerin zu Land kommt“ eingeladen und dort stellte er das Projekt Ökonauten vor. Die Genossenschaft will Agrarflächen in Brandenburg für ökologischen Anbau sichern. Darum sucht sie Mitstreiterinnen und Mitstreiter und unterstützt junge Landwirte finanziell, wenn sie sich auf eigene Beine stellen wollen. Ein Zusammenschluss und ein Vorhaben - maßgeschneidert für Vivian Böllersen. Mit dem Geld der Ökonauten konnte Böllersen die Grünfläche in Velten kaufen.

„Stück für Stück baue ich mir jetzt meinen eigenen Walnusshain auf“, strahlt sie. Insgesamt 230 Bäume sollen einmal auf der knapp viereinhalb Hektar großen Plantage stehen. Zurzeit sind es gerade mal zwei Dutzend, gesetzt, behütet und gepflegt seit Ostern dieses Jahres. Bis zur ersten Walnussernte kann es fünf bis zehn Jahre dauern. Beim Pflanzen der zarten Stecklinge halfen die Ökonauten kräftig mit, das werden sie auch weiterhin tun und dafür werden sie später belohnt: in Naturalien, mit Walnüssen, mit einem Teil der Ernte. Vivian Böllersen selbst arbeitet wöchentlich auf ihrem Feld. Wässern, säen, pflanzen. „Ständig finde ich neue Aufgaben, bin froh, endlich loslegen zu können“, sagt die Landwirtin. Die Fläche zwischen den Bäumen will sie ebenfalls nutzen, zum Beispiel für den Anbau von Wildkräutern. „Daraus lassen sich Smoothies machen“, erklärt sie, ein Getränk, das im nahegelegenen Berlin absoluter Trend ist. Vivan Böllersen arbeitet in Berlin in einem Bioladen, um sich jetzt noch ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Deshalb kennt sie die Wünsche der Verbraucher ziemlich genau. „Die Nachfrage nach regional angebauten Produkten wird immer größer. Die Leute wollen wissen, unter welchen Bedingungen Lebensmittel produziert werden.

Vivian Böllersen ist mit 27 Jahren ungewöhnlich jung für den Job einer Landwirtin. Sie zählt zu den wenigen, die überhaupt versuchen, als Bäuerin Fuß zu fassen. Es ist nicht die harte Arbeit, sondern es sind die finanziellen Hürden, die Jungbäuerinnen und -bauern abschrecken  „Aus meinem Studienkreis weiß ich, wie viele Lust haben, aufs Land zu ziehen und ihren eigenen Hof zu führen“, sagt sie und fügt hinzu: „Alteigentümer sollten wissen, in wessen Hände sie ihr Land geben, das sie ja selbst einst über Jahrzehnte hingebungsvoll gehegt und gepflegt haben.“ Landumverteilung,

Landausverkauf, die steil nach oben gehenden Boden- und Pachtpreise vernichten auf lange Sicht jegliche regionale Landwirtschaft. Vivian Böllersen setzt gemeinsam mit den Ökonauten diesem Trend etwas entgegen. Eines Tages möchte sie dann selbst aufs Land ziehen. Vielleicht in fünf Jahren, dann steht der Lohn für ihren Traum und ihre Arbeit an: die erste Ernte.

Mehr Informationen unter:

 www.oekonauten-eg.de

Informationskasten

Ökonauten

Ziel ist die gemeinsame Gestaltung von Landwirtschaft. Mitmachen kann jede und jeder, egal, ob als LandwirtIn oder Genossenschaftsmitglied. Das erste Projekt ist die Walnussanlage von Vivian Böllersen. In Zukunft will die Genossenschaft weitere Flächen gemeinschaftlich erwerben und bewirtschaften. Die ökologisch erzeugten Lebensmittel sollen direkt in der Region abgesetzt werden: Wochenmarkt statt Welthandel.

Taste of Heimat

Ein Verein für nachhaltige Landwirtschaft in Nordrhein-Westfalen, gegründet 2014. Mit der Plattform www.tasteofheimat.de führt er regionale Produzenten und Konsumenten zusammen. Zusätzlich bietet der Verein Workshops für Schulklassen an, um über Qualität, Nachhaltigkeit und Konsumverhalten aufzuklären und zu diskutieren.

 

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