Skip to main content

Blumen des Bösen oder die Modernisierung der Brutalität

erschienen in Clara, Ausgabe 47,

Wer ernsthafte Veränderung wollte, hat den Hass der Mächtigen und Angepassten immer schon zu spüren bekommen. In meiner Jugend hieß das so: »Geh doch nach drüben!« Drüben, das war die DDR. CSU-Strauß nannte Gegner »Ratten und Schmeißfliegen«. Trotzdem ist heute etwas neu an politischer Bösartigkeit: die offene Freude, der Spaß am »Jagen«, den die AfD ankündigt, der brüllende Mobs auf die Straße bringt oder Internetkommentare anheizt. Vernunft und Augenmaß verblassen, ins Auge fallen »Hetzmeuten« (Elias Canetti).

Warum? Rohheit hat ihre Kraftquelle im Alltagsleben. Vergleichen und Verdrängen gehören zur Konkurrenzgesellschaft. Auch das Verachten, denn Menschen wollen trotz allem an eine gerechte Welt glauben. Sie suchen daher nach Rechtfertigungen für Ungleichheit, etwa im Namen des Leistungsprinzips. Fernsehformate, die vor allem aus Be- und Entwerten bestehen, bieten Vorbilder.

In Talkformaten ist Dominanz präsent, wortreich, spürbar. Einfühlung hingegen still und dünn. Unterricht in kaltherziger Dominanz geben aber auch betrügende Autokonzerne, steuervermeidende Internetunternehmen, Abgeordnete mit allerlei bereichernden Lobbyämtern oder auch der gleichgültige flächendeckende Kahlschlag nach der deutschen Vereinigung. Aggressive Abwertung bringt also eine Grunderfahrung unserer Gesellschaft zum Ausdruck: Erfolg ist ein Leitwert, Durchsetzung wird geschätzt, Selbstsucht und Kurzsichtigkeit nimmt man dafür in Kauf.

Recht auf Brutalität und Rohheit?

Was macht aber Brutalität lustvoll, was bringt die Trolle rund um die Uhr an den Bildschirm, was verleitet so viele zum Achselzucken? Erstens die Machterfahrung. Wer stänkert, droht, Tabus bricht und angreift, der schüchtert andere ein und kommt in die Medien. Zweitens Größenwahn. Das Recht auf Brutalität, Verachtung und Ausgrenzung wird ja damit begründet, einer tollen Gruppe anzugehören. Zum Beispiel den Leistungsträgern, den Erfolgsmenschen, den Deutschen. Die seien besser als andere und sollten sich durchsetzen. Drittens der Kurzschluss von sinnvoller, aber mühsamer Sozialkritik: Rohheit kommt gern als Scheinverantwortlichkeit daher, als besonders ehrlich: »Das muss man doch noch sagen dürfen!« Sie verkleidet sich als Aufbruch, als Engagement: »Wir müssen die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen!« … aber bitte alles ohne lange Auseinandersetzung, ohne echte Veränderung der Verhältnisse, sondern durch Ausgrenzung, die ja nichts infrage stellt als die Menschlichkeit. Viertens Praxisnähe. Rohheit ist leicht zugänglich, niedrigschwellig, je nach Situation dosierbar, schwer zu packen, daher meist straffrei. Und das alles billig im massenhaftesten Massenmedium, dem Internet.

Hier wachsen die Modelle der kommenden Jahre. Viele Menschen, gerade aus der Rechten, entwickeln Gewalt- und Bürgerkriegsfantasien – etwa Reichsbürger oder Prepper. Alle sind tief verunsichert und spüren: Wir müssen anders leben. Die großen Parteien aber haben keine Entwürfe für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Und auf echte Veränderungen wollen viele Menschen sich noch nicht einlassen. Kein Wunder übrigens in Anbetracht jüngerer Erfahrungen mit sozialem Wandel.

Was ist zu tun? »Das Einfache, das schwer zu machen ist.« Im Kleinen die Nerven behalten, Menschlichkeit und Sachlichkeit üben. Im Großen eine solidarische, nachhaltige Weltgesellschaft denken und dafür durchsetzungsfähige Bündnisse suchen. Das erst setzt dem Spuk ein Ende.

Thomas Kliche ist Bildungsforscher und Professor für Bildungsmanagement an der Hochschule Magdeburg-Stendal

Auch interessant