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Aufstand bei Amazon

erschienen in Klar, Ausgabe 36,

Seit Jahren ignoriert der Versandhändler die Forderungen seiner Beschäftigten in Deutschland. Doch die geben nicht auf.

Amazon gehört zu den größten Versandhändlern weltweit. Doch bei Löhnen und Arbeitsbedingungen will der US-Konzern kein Händler sein. In Deutschland weigert er sich, den Tarif des Versandhandels an seine mehr als 10 000 Beschäftigten zu zahlen und einen entsprechenden Tarifvertrag abzuschließen. Einem Beschäftigten des Handelsriesen hierzulande entgehen so jährlich laut der Gewerkschaft ver.di bis zu 9.000 Euro.

Die ersten großen Streiks bei Amazon gab es im Mai 2013: Im hessischen Bad Hersfeld streikten rund 600 und in Leipzig rund 500 Beschäftigte. Der Konflikt erfasste zwischenzeitlich sieben von neun Standorten in Deutschland. Seit mehr als zwei Jahren tobt eine wahre Streikschlacht.

Amazon nutzt die vielen Standorte im In- und Ausland, um die Belegschaften auszuspielen und um die Wirkung von Streiks zu mindern. Stefan Najda, Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Handel der ver.di-Bundesverwaltung: »Amazon kann per Knopfdruck zumindest einen Teil der Warenströme zwischen Standorten verschieben.« Werde ein Versandzentrum bestreikt, schicke die Münchner Zentrale Waren aus einem anderen Lager.

Eine wichtige Rolle spielen Versandzentren, die Amazon in Osteuropa besitzt: bisher zwei in Polen, ein weiteres in Tschechien. »Die Standorte bedienen vor allem den deutschen Markt. In Polen und Tschechien hat Amazon noch keine eigenen Vertriebsseiten«, berichtet Najda. In Polen wird laut ver.di ein Viertel des hiesigen Lohns bezahlt, das sind etwa 400 Euro im Monat. In Tschechien liegt der Mindestlohn nach Medienberichten gar bei nur 330 Euro.

So sichert sich der US-Konzern beste Profite – und schürt die Angst der hiesigen Beschäftigten vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. In eine solche Richtung weisen auch Erfahrungen, die Tim Schmidt, Betriebsratsvorsitzender des Amazon-Versandzentrums in Rheinberg am Niederrhein, gesammelt hat. »In einem Arbeitsgerichtsverfahren haben die Firmenvertreter mitgeteilt, dass es keinen größeren Personalbedarf geben werde, weil ein Teil des Warenvolumens über die Standorte in Osteuropa läuft«, sagt er.

Doch die Strategie von Amazon hat Grenzen. Najda: »Wenn Amazon einmal einen Auftrag in einem Versandzentrum platziert hat, können sie diesen nicht mehr einfach verschieben.« Man habe es geschafft, die Auslieferung vor Ostern durch Streiks empfindlich zu stören. Testkäufe seien mit zehn Tagen Verspätung angekommen. In den Versandzentren hätten sich liegen gebliebene Waren gestapelt.

Ein weiterer Vorteil: Der Organisationsgrad von ver.di an Standorten wie Bad Hersfeld oder Rheinberg ist weiter gestiegen und liegt inzwischen schon bei 50 Prozent. Und: »Wir sind europaweit gewerkschaftlich eng vernetzt«, sagt Najda. 

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