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Aufruhr im Einzelhandel

erschienen in Clara, Ausgabe 30,

Stimmen, Stimmungen und Streiks.

Kaufhäuser, Baumärkte, Lebensmittel- und Textildiscounter werden seit Monaten bestreikt. Für die Beschäftigten steht viel auf dem Spiel, sie brauchen Solidarität sagte DIE LINKE. Ein Ende der von ver.di organisierten Arbeitskämpfe ist nicht in Sicht. Über drei Millionen Beschäftigte im deutschen Einzelhandel haben viel zu verlieren: Geld, Lebensqualität, Zukunftschancen, Menschenwürde. Der Arbeitgeberverband hat den Manteltarifvertrag gekündigt, der die Arbeitsbedingungen in der Branche regelt. Er will Einkommen senken, Tätigkeiten abstufen, eine neue Niedriglohngruppe einführen, Nachtarbeitszuschläge streichen. Ende Oktober trafen sich in Kassel auf Einladung der Fraktion DIE LINKE und der Rosa-Luxemburg-Stiftung 130 Aktive aus der Branche und aus der Solidaritätsbewegung zum Erfahrungsaustausch über Strategien für gute Arbeit und Löhne.

Thomas Rigol, Kommissionier beim Versandhändler Amazon in Leipzig: »Als Picker – so heißen wir in der Amazon-Sprache – laufen wir den ganzen Tag in den Hallen herum und tragen Bestellungen zusammen. Besonders nervenaufreibend sind die Kontrollen. Wir stehen ständig unter Überwachung. Obwohl wir einen Stundenlohn und keinen Akkordlohn haben, spürt man den psychischen Druck, starrt auf das Leistungsfeedback und fragt sich: Bin ich noch im grünen Bereich? Wir haben bisher keinen Tarifvertrag und wollen den Tarifvertrag für den Einzelhandel für Amazon durchsetzen. Die Streikbereitschaft ist sehr hoch. Viele sind in ver.di eingetreten und haben im Streik gezeigt: Wir sind die Masse, wollen etwas erreichen und stehen deshalb vor dem Tor.«

Sven Kopp, Einzelhandelskaufmann und Betriebsrat bei Zara in Stuttgart: »Wir brauchen gute Löhne und wollen nicht in die Altersarmut abrutschen. Mir macht große Sorgen, dass die Arbeitgeber eine neue Niedriglohngruppe für Einräumer einrichten wollen.«

Saniye Kahraman, Verkäuferin und Betriebsratsvorsitzende bei H&M in Stuttgart-Bad Cannstatt: »Wir fordern einen Euro mehr pro Stunde, denn schon jetzt kann man mit diesem Geld kaum leben. Viele arbeiten nicht freiwillig so wenige Stunden. Sie wollen Vollzeitarbeit, bekommen aber nur Teilzeitverträge angeboten.«

Streikerfolg in Baden-Württemberg: Die Kündigung des Tarifvertrages im Einzelhandel wurde am 5. Dezember zurückgenommen.

Rafael Mota-Machado, Verkäufer und Betriebsratsvorsitzender bei H&M in der Stuttgarter Königstraße: »Die Arbeitgeber wollen uns zwingen, für weniger Geld mehr zu arbeiten. Das ist überhaupt nicht drin. Wir haben seit Frühjahr schon über 60 Streiktage hinter uns und viele Erfahrungen gesammelt.«

Astrid Blaß, Verkäuferin und Betriebsratsmitglied im OBI-Baumarkt Erfurt-Süd: »Wir streiken, weil der Arbeitgeberverband die Tarifverträge aufgekündigt hat. Ohne Manteltarifvertrag hätten wir kein Recht mehr auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Unsere Leute arbeiten teilweise für weniger als 1.200 Euro im Monat auf die Hand und können nur eine karge Rente erwarten. Wir wollen geringfügig Beschäftigten eine Chance geben, in Vollzeit und ohne Aufstockung des Lohns durch das Sozialamt ihr Geld zu verdienen.«

Christiane Thämer, Verkäuferin bei H&M in Erfurt: »Noch mehr Flexibilität als jetzt, das machen wir nicht mit. Viele, die befristet und in Teilzeit beschäftigt sind, müssen auf Abruf noch am selben Tag zur Arbeit kommen, wenn jemand ausfällt. Bei Arbeitsverträgen mit insgesamt 1 500 Stunden im Jahr kann der Arbeitgeber die Arbeitszeit so verteilen, wie er das möchte. Sollten sich die Arbeitgeber durchsetzen, verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen noch mehr.«

Video »Für gute Arbeit und Löhne im Einzelhandel und anderswo«: youtu.be/-PXIJ-Ou7lE

 

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