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Aufruhr der Frauen in Nord-Kurdistan

erschienen in Lotta, Ausgabe 9,

Begegnungen und Beobachtungen in der türkischen Grenzregion zum Irak und Syrien.

Es ist der 28. Dezember 2014, der Schauplatz ist ein kleines Dorf in Nord-Kurdistan, nur wenige Kilometer von der türkisch-irakischen Grenze entfernt. Etwa 10 000 Menschen aus vielen Ländern sind gekommen, um an einer Gedenkdemonstration für das Massaker von Roboski vor genau drei Jahren teilzunehmen. Rund 30 Frauen tragen ein rot-schwarzes Transparent vor sich her. „Jinen Roboskî bûne nîşana berxwedane“  -„Roboskis Frauen sind ein Symbol des Widerstands“. So steht es auf dem selbst gemalten Transparent.
 
Am 28. Dezember 2011 gab es das furchtbare Massaker von Roboski. Damals wurden 34 Zivilisten durch einen Bombenangriff der türkischen Luftwaffe getötet. Überwiegend jugendliche Kurden, die den Lebensunterhalt ihrer Familien mit dem sogenannten Handel an der Grenze verdienen. So, wie es viele junge Männer der Region angesichts mangelnder Alternativen tun. Der Handel wurde und wird weitgehend geduldet, die Routen waren und sind bekannt. Dennoch hält die türkische Regierung bis heute an ihrer Version fest, sie hätte die Jugendlichen für kurdische Guerillakämpfer gehalten. Die Kurdinnen und Kurden sehen darin jedoch ein weiteres Beispiel für die systematische Unterdrückung durch den türkischen Staat. Eine Verfolgung und Unterdrückung, die insgesamt bereits 30 000 Menschenleben kostete. Und das Sterben geht weiter. Im nahegelegenen Rojava, dem syrischen Teil Kurdistans, greift der „Islamische Staat“ seit Wochen und Monaten die Bevölkerung an. Vor Ort bezweifelt niemand, dass die Angriffe durch die türkische Regierung unterstützt werden. Vor diesem Hintergrund ist die Demonstration in Roboski einerseits Gedenken, zum anderen auch ein Zeichen der Solidarität und des anhaltenden Widerstands.

Die Frauen hinter dem Transparent erzählen noch eine andere Geschichte. Die umliegenden Dörfer, aus denen sie kommen, sind nach wie vor sehr feudal strukturiert. Alle Frauen sind für den Haushalt zuständig, häufig allein, manchmal zusammen mit der zweiten Ehefrau des Mannes. Doch ausgelöst durch das Massaker entwickelte sich in der Region eine allgemeine Politisierung und Organisierung. Die Frauen von Roboski wurden sichtbarer – auch, aber nicht nur auf den Demonstrationen. Eine von ihnen erzählt, dass sie eine Frauenorganisation initiieren will. Das ist ein Novum, so etwas gab es in dieser Region bislang noch nicht. Anders in der Stadt Mardin, nur 200 Kilometer Richtung Westen an der türkisch-syrischen Grenze. Hier erzählen Frauen aus der Lokalverwaltung, von der Basisorganisierung auf Bezirksebene, im Viertel oder in der Nachbarschaft einer Straße. Hier sind Frauenräte im Aufbau, zu denen durch persönliche Hausbesuche eingeladen wird. Der Türöffner ist oftmals das Vertrauen in die kurdische Bewegung. In den Versammlungen sollen Frauen ihre Wünsche äußern, Mut und Kraft bekommen und in die politische Arbeit eingeführt werden. Denn die Spitzenämter in den kurdischen Institutionen – egal ob in der Partei oder im Rathaus – werden stets von einer Frau und von einem Mann besetzt. Die Frauenräte schlagen Frauen aus ihren Reihen für diese Ämter vor. Auch konkrete Hilfe – wie etwa gegen häusliche Gewalt – bieten die organisierten Frauen an. Sie kennen am besten ihre Nachbarschaft, wissen, wo etwas passiert, wo sie helfend eingreifen müssen. Unterstützt
werden sie von den Strukturen der pro-kurdischen Partei BDP (Barış ve Demokrasi Partisi, Partei für Frieden und Demokratie), dem legalen Arm der PKK.

Seit April 2014 wird die Stadt Mardin erstmals von ihr regiert, seit Dezember 2014 ist eine Frauenbeauftragte im Amt. Sie möchte den Aufbau der Frauenräte weiter unterstützen. Immer noch seien es zu wenige Frauen, die sich Mitbestimmung überhaupt vorstellen könnten, erzählt sie, aber der Anfang sei gemacht. Ähnliches schildert uns eine Mitarbeiterin der Selbstverwaltung aus Kobane, die sich als „befreite Frau“ vorstellt. „Befreite Frauen“ zeigen ihren Freundinnen, Schwägerinnen, Nachbarinnen, für was es sich zu kämpfen lohnt, schildert sie. In Kobane war diese Art von Organisierung schon gut vorangeschritten. Seit der „Islamische Staat“ die syrische Stadt jedoch angegriffen hatte, pausieren diese Selbstverwaltungsstrukturen. Nach der Befreiung der Stadt werden die Frauen genau dort wieder anknüpfen und weitermachen. Frauenstrukturen waren schon häufiger Repressionen ausgesetzt und haben doch immer wieder neu angefangen.

Alexandra Wischnewski, war Teilnehmerin einer politischen Reise durch den türkischen Teil Kurdistans
 

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