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Auf der Flucht

erschienen in Lotta, Ausgabe 3,

Rund 360 000 syrische Flüchtlinge hat das Flüchtlingshilfswerk UNHCR in den Nachbarländern Jordanien, Libanon, Irak und Türkei registriert. Die meisten Flüchtlinge sind mittellos und auf Hilfe vor Ort angewiesen. Drei Viertel von ihnen sind Frauen und Kinder. Eine Reportage aus dem syrisch-libanesischen Grenzgebiet.

Libanon, WadiChaled: „Mein 18-jähriger Sohn Mohammed wurde vor ein paar Wochen

Märtyrer“, sagt Umm Mohammed. Tränen stehen in ihren Augen. Welche Mutter verliert gerne ihren gerade voll- jährigen Erstgeborenen? Und welche Mutter lässt sich dann auch noch nach arabischer Tradition dazu beglückwünschen? Die 36-jährige Frau, die deutlich älter wirkt, ist in das nordlibanesische Dorf Wadi Chaled geflohen. Einen Ort nur 20 Kilometer südlich der syrischen Grenze. Hier lebt sie mit etwa 60 weiteren Familien in einer alten Schule.

Die Landschaft der Region ist bezaubernd: sanfte Hügel umbetten saubere und gepflegte, in Tälern gelegene Dörfer, in denen Häuser und Moscheen stehen. Ringsherum Obst- und Gemüseplantagen. Doch die Einschläge des nur wenige Autofahrminuten entfernten syrischen Bürgerkriegs kommen täglich näher an dieses vermeintlich sichere Exil heran. „Jede Nacht hören wir die Flugzeuge des syrischen Regimes, die Homs und unser ehemaliges Heimatdorf bombardieren. Morgens sehen wir noch die Rauchwolken aufsteigen. Es ist, als ob unser altes Leben jeden Tag ein wenig mehr zerstört wird. Dabei haben wir ohnehin nur noch unsere Erinnerungen.“

Bis vor elf Monaten lebte Umm Mohammed in einem normalen syrischen Dorf. Im kleinen Tel Kalach, in Sichtweite ihrer neuen Heimstatt. Ihr Ehemann, Abu Mohammed, war Berufssoldat und brachte als Verwaltungsbeamter genug Geld nach Hause, um mit seiner Frau und den sechs Kindern bescheiden leben zu können. Das Jüngste ist gerade ein gutes Jahr alt. „Als die Aufstände vor fast zwei Jahren begannen und die Unruhen in unser Dorf kamen, beschlossen wir, zu fliehen“, erzählt Umm Mohammed. Damals war sie schwanger.

Trotz der geografischen Nähe war die Flucht gefährlich und abenteuerlich: das Regime vermint die bislang ungesicherte Grenze immer mehr und schießt auf Flüchtende. Als Umm Mohammed das sichere Wadi Chaled, versteckt in wechselnden Privatwagen und von der Freien Syrischen Armee eskortiert, erreichte, teilte der Bürgermeister der kleinen Gemeinde ihr und anderen Syrerinnen das alte Schulgebäude als neue Heimstatt zu. Hier lebt sie nun mit den fünf verbliebenen Kindern. Insgesamt dauerte die Flucht mehrere Tage, mit schlaflosen Nächten in verlassenen, von Rebellen besetzten Häusern.

 

Ihr Mann, wie sie Muslim sunnitischen Glaubens, war während seiner Dienstzeit von ranghöheren Militärs misshandelt worden, schon bei kleinsten Vergehen. Meist seien es Alawiten gewesen, berichtet seine Frau, Offiziere, die der Sekte des schiitischen Islams angehören, wie Präsident Baschar al-Assad. Der Körper ihres Mannes ist vernarbt von Schlägen, von alten Schnittwunden und von neuen Schussverletzungen, die er im Kampf der letzten Monate erlitt. Zusammen mit Kameraden desertierte Abu Mohammed im Sommer 2011 schloss sich den Rebellen der Freien Syrischen Armee an.

„Natürlich war ich glücklich, als die Familie endlich hier beisammen war, und natürlich bin ich den Libanesen dankbar, dass wir hier Wasser und Strom haben können und dass sie uns Kartoffeln geben. Aber ein Leben – ach, werden wir je wieder ein Leben haben?“ fragt die sechsfache Mutter. Die Familie musste das eigene Haus und ihren Garten verlassen. Jetzt sind sie zwar in Sicherheit, hausen aber dicht gedrängt in einem alten Klassenzimmer. Es gibt nur einen einzigen Wasseranschluss zum Waschen und Kochen. Eine abenteuerliche Konstruktion aus Kabeln führt durch eine Wassertonne zu einem selbstgebauten Stromumwandler, daran angeschlossen ist eine kleine Campingkochplatte. Einst hatte Umm Mohammed einen prächtigen, typisch arabischen Familienherd mit großem Backofen und sechs Kochplatten. „Tagaus, tagein essen wir Kartoffeln, wir selbst haben kein Geld für etwas anderes. Und die Kartoffeln schenkt uns eine islamische Wohltätigkeitsorganisation“ schildert sie.

Der Direktor der sunnitisch-muslimischen Al-Aranisa-Stiftung würde den Familien gerne mehr Unterstützung zu- kommen lassen. Doch wie? Durch den Krieg in Syrien sind 5 000 Familien mit rund fünf bis acht Mitgliedern in seine Region gezogen. Die Haupteinnahmequelle von Wadi Chaled, der einst so lukrative Grenzhandel, ist komplett zum Erliegen gekommen. Inzwischen müssen auch Dutzende einheimische Familien unterstützt werden. „Der Staat hilft weder uns noch den Flüchtlingen aus Syrien“, beklagt der Stiftungschef Scheich Adallah al-Duweik.

Und der Winter steht erst vor der Tür. Das macht auch Umm Mahmoud große Angst. Sie hat vier kleine Kinder. Jadeit al-Faki heißt das kleine, überwiegend von christlichen Maroniten bewohnte Dorf in der libanesischen Bekaa-Ebene, in dem die 29-Jährige und ihre Familie Zuflucht gefunden haben. Sie schämt sich, Besucher in einen alten Hühnerstall bitten zu müssen. Dieser Stall ist ihr jetziges Zuhause. Doch die sunnitische Muslima, die trotz der Hitze und der Einsamkeit in der Hochebene an den islamischen Bekleidungsvorschriften – lange Hose, darüber das Gewand, die lange, weite Abbaja, und Kopftuch – festhält, will nicht undankbar sein. Sie habe unbürokratisch Hilfe gefunden, nachdem ihre tagelange Flucht aus dem stark umkämpften Stadtteil al- Kuseir in der Rebellenhochburg Homs geglückt war.

Wie mittlerweile rund 100 000 weitere Syrer hat sie sich beim UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, im Libanon registrieren lassen. Die Dunkelziffer soll – laut Hilfsorganisationen – viel höher sein. Denn viele syrische Flüchtlinge hätten aufgrund des im Libanon weit verzweigten syrischen Geheimdienstnetzes Angst, sich offiziell anzumelden. Die Befürchtung, verraten und misshandelt zu werden, lässt sie in die Illegalität und Anonymität abtauchen.

Umm Mahmoud ist zum UNHCR gegangen. So bekommt sie monatlich Essensgutscheine im Wert von 30 Dollar pro Kopf, dazu 1 000 Liter Trinkwasser und hat Zugang zu medizinischer Versorgung. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir Muslime von den hier lebenden Christen so viel Zuspruch erhalten. Ich dachte, dass die Libanesen uns aufgrund der jahrelangen syrischen Okkupation des Libanons hassen. Ich bin einfach nur dankbar, dass wir hier in Frieden leben können“, sagt sie betont tapfer. Dass die libanesischen Schulen die syrischen Kinder ungeachtet ihrer Konfession kostenlos aufnehmen und unterrichten, die Lehrer und Freiwillige dafür Doppel- und Dreifachschichten einlegen, macht sie glücklich. Auch wird ihr Schicksal dadurch erleichtert, dass ihr Ehemann noch Arbeit hat. Als Erntehelfer verdient er mal sieben, mal zehn Dollar pro Tag, aber die Saison neigt sich dem Ende zu. Wie sie und ihre Kinder in dem alten, türlosen Hühnerstall mit dem löchrigen Dach den langen, kalten und meist schneereichen Winter in der Hochebene überleben sollen, weiß sie noch nicht.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk bemüht sich seit Anfang Oktober, die Flüchtlinge so gut wie möglich für den Winter zu wappnen. Logistische Pläne für Heizöl- und Deckenverteilung werden gemeinsam mit der Kinderhilfsorganisation Save the Children erstellt. Ob das UNHCR es allerdings schafft, wie geplant eine umfassende psychosoziale Hilfe für die von Kriegserfahrungen traumatisierten Kinder zu leisten, ist noch völlig unklar.

 

Zur Person: Jasna Zajcek ist Reporterin und Buchautorin

Seit 2004 arbeitet sie für verschiedene Medien, hauptsächlich für die taz, aber auch für amerikanische TV-Stationen, arte und 3sat. Ihr Themenschwerpunkt sind arabische Frauen, weibliche Flüchtlinge. Im Jahr 2005 erhielt sie für ihre Undercover-Reportage in einem US-Army-Ausbildungslager in Syrien den CNN Journalist Award. Für ihr Buch „Unter Soldatinnen“ besuchte sie die Frauen der Bundeswehr in den Einsatzländern und nahm selbst an der Grundausbildung teil, um zu verstehen, wie militärische Einheiten funktionieren.