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Arme Kinder kommen selten aufs Gymnasium

erschienen in Klar, Ausgabe 42,

Jahr für Jahr bemängelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Deutschlands geringe Investitionen in sein Bildungssystem: Gemessen am Bruttoinlandsprodukt fließt hierzulande weniger Geld in Bildung als im Durchschnitt der Mitgliedstaaten. Doch nicht nur bei der Finanzierung läuft vieles schief: Das deutsche Bildungssystem benachteiligt Kinder aus armen Familien.

Das derzeitige gegliederte Bildungssystem – unter anderem Gymnasium, Real- und Hauptschule – sortiert junge Menschen nach der Grundschule auf unterschiedliche Schulformen aus. Auf Gymnasien gehen besonders häufig Kinder aus reichen Familien, während Kinder aus armen Familien überdurchschnittlich oft Haupt- oder Realschulen besuchen. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, stellte fest, dass Bildungserfolg und soziale Herkunft in Deutschland so eng zusammenhängen wie in kaum einem anderen Staat. „Bildung wird weiterhin vererbt“, urteilt sie.

Kinder, deren Eltern ein niedriges Einkommen haben, bleiben auch bei Klassenfahrten, Schulausstattung und Auslandsaufenthalten auf der Strecke. Kosten für die Schülerbeförderung oder Lehrbücher sind für Familien mit geringem Einkommen auch oberhalb des Hartz-IV-Bezugs nur schwer zu tragen. Nachhilfe für ihre Kinder können sie sich oft nicht leisten. Auch darum verweigern manche Eltern ihren Kindern den Weg auf das Gymnasium.

Laut PISA-Studie 2015 ist die Ausstattung von Schulen in Vierteln, in denen Gutverdiener leben, besser als in Gegenden mit armer Bevölkerung. Und wenn man die Lehrerinnen und Lehrer zur Chancengleichheit an deutschen Schulen befragt, so wie es die Vodafone-Studie im Jahr 2013 tat, ist das Ergebnis eindeutig: Der Einfluss der sozialen Schicht des Elternhauses auf die Leistung von Schülerinnen und Schülern ist „sehr groß“ oder „groß“, sagen 82 Prozent der Lehrer. „Gar nicht groß“, sagen dagegen nur 15 Prozent.

Auch im Verband Bildung und Erziehung (VBE) kennt man die Unzulänglichkeiten des deutschen Bildungssystems. Über den Bildungsfinanzbericht, der im Auftrag des Bildungsministeriums und der Kultusministerkonferenz erstellt wird, sagt Verbandschef Udo Beckmann, er sei „eine Dokumentation von Überfliegern und Schlusslichtern“. Er offenbare erneut die ungleiche Finanzierung der allgemeinbildenden Schulen in Deutschland. „Wer Bildungsungerechtigkeit in Zahlen ausgedrückt haben möchte, hat hiermit eine passende Lektüre gefunden“, sagt er.