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Anti-Gewalt-Arbeit im Neoliberalismus

erschienen in Querblick, Ausgabe 6,

Durch Sozialabbau schlechtere Unterstützung für gewaltbetroffene Frauen möglich

Gewalt gegen Frauen ist keine Privatsache, sondern strukturell verankert. Das hat bereits die westdeutsche Frauenbewegung in den 1970er Jahren gezeigt und geschlussfolgert, diese strukturelle Gewalt müsse enttabuisiert und als gesamtgesellschaftliches Problem anerkannt werden. Die Anti-Gewalt-Projekte, die aus dieser Frauenbewegung entstanden, haben diese Perspektive in ihren Arbeitsprinzipien zementiert. Die Arbeit bei LARA, einer Berliner Beratungsstelle für vergewaltigte und sexuell belästigte Frauen, basiert auf den drei Grundprinzipien: Parteilichkeit, Kostenfreiheit, Anonymität. Ihr Motto: Jede Frau hat ein Recht auf Unterstützung. Das heißt, keine Frau muss nachweisen, dass sie bedürftig ist, jede Frau hat gute Gründe für ihre eigenen Wahrnehmungen und Wahrheiten. So fließt das Wissen um die strukturellen Gewaltverhältnisse und die Widersprüchlichkeit weiblicher Lebenszusammenhänge in der Beratungsarbeit ein.
 
Eine vom Familienministerium 2004 veröffentlichte Studie belegt, dass Gewalt gegen Frauen nicht zurückgegangen ist. Trotzdem wird bei Frauen-Projekten gekürzt. Laut der Zentralinformation der Autonomen Frauenhäuser führt dies zu einer paradoxen Situation: Während sich einerseits das Thema Gewalt gegen Frauen im politischen, wissenschaftlichen Raum fachlich etabliert, wird andererseits der Arbeit gegen diese Zustände die Grundlage entzogen, indem öffentliche Mittel gestrichen werden. Zudem können neue Herausforderungen oft deshalb nicht angegangen werden, weil die Energien dafür eingesetzt werden müssen, bisher Erreichtes abzusichern, beschreibt Barbara Kavemann 2006 die Situation.

Sozialabbau und das Schlagwort von der Selbstverantwortung schaffen eine gesellschaftliche Stimmung, in der soziale Probleme privatisiert und in die Verantwortung der Betroffenen abgeschoben werden. Doch nicht nur Kürzungen und die oft ungewisse Finanzierung erschweren die Arbeit in den Projekten. Ein weiteres Problem ist, dass sich vielerorts eine entpersonalisierte Konkurrenz- und Kostenlogik etabliert. Dadurch wird es immer mühsamer, die spezifischen Bedürfnisse von Frauen mit Gewalterfahrungen zur Geltung zu bringen. Zum einen erzwingen die Ziel- und Kostenvorgaben von den Projekten immer öfter, dass sie eine personen- und problemorientierte Sichtweise der Logik von Effizienz und Einsparungen unterordnen. Qualitätsmanagement macht dieses Denken zum Teil des täglichen Arbeitsprozesses, es verlangt, dass widersprüchliche Perspektiven in der Arbeit vereinbart und auch die damit verbundene (Mehr-)Arbeit in der gegebenen Arbeitszeit erledigt wird. Zum anderen heißt Stabilisierung nach Gewalterfahrungen auch, die betroffenen Frauen darin zu unterstützen, wieder einen lebbaren Alltag herzustellen. Um aber auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen in Notsituationen einzugehen, ist es immer öfter erforderlich, die dichte Wand anonymer Call-Center von Krankenkassen und Job-Centern zu durchdringen, die nur standardisierte Antworten und Lösungen vorsehen. Hier wird deutlich, wie sehr durch Sozialabbau die Möglichkeiten der Unterstützung geschrumpft und die Zumutungen gewachsen sind. Schnelle Veränderungen, die für die Stabilisierung der Frauen nötig wären, sind häufig kaum durchzusetzen.

Sozialabbau, die Rhetorik der Selbstverantwortung und die Verallgemeinerung der Konkurrenz- und Effizienzlogik schaffen so schleichend eine neue Normalität, die den Zusammenhang von Armut, Abhängigkeit und Gewalt zunehmend negiert.
Ariane Brenssell

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