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Angst vor Altersarmut

erschienen in Klar, Ausgabe 6,

Fast 350 000 Menschen leben in Deutschland in Armut, obwohl sie Rente bekommen. Rolf Stättler ist einer von ihnen.

Hamburg. Rolf Stättler hat zeit seines Lebens hart gearbeitet - als Bauschlosser, Lehrer für Deutsch und Mathematik, Taxifahrer. Heute muss der 66-Jährige mit einer Rente auskommen, die unterhalb des Existenzminimums liegt. 472,82 Euro reichen nicht für Miete, Krankenversicherung und Lebensmittel.

Wie Rolf Stättler geht es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland fast 350000 Menschen über 65 Jahre. Sie alle erhalten Leistungen der Grundsicherung im Alter. Das ist eine Sozialleistung, die einer „besseren Sozialhilfe“ entspricht, wie Rentenexperte Ingo Schäfer feststellt. Die Betroffenen müssen im Alter auf Vieles verzichten.

Zum Beispiel auf Mobilität. Seit Rolf Stättler dem Monatsticket für den Bus entsagt, kommt der gebürtige Heidelberger aus seinem Kiez in Hamburg-Dulsberg kaum noch heraus. Die Stadt hat er letztmalig 2002 verlassen. „Wo soll ich denn hin mit meinen drei Piseloten?“, fragt er. Damals ist er ins Saarland getrampt, um einen Nachmittag am Grab seiner Eltern zu verbringen. Auch bei Kleidung und Ernährung muss sich der passionierte Schachspieler einschränken: Günstige Stoffhosen und Hemden erwirbt er auf dem kirchlichen Flohmarkt, auf sein Lieblingsessen, Fleischrouladen, verzichtet er schon seit April.

Junge Menschen müssen Risiken alleine tragen

Immer mehr Menschen in Deutschland beziehen Armutsrenten. Seit 2003 ist ihre Zahl von 257000 auf 342000 geklettert. Alleine zwischen 2004 und 2005 stieg sie um fast 20 Prozent. Mittlerweile warnt selbst die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor einem Anstieg der Altersarmut in Deutschland. Vor allem Geringverdienende erhielten im Vergleich mit anderen Industrienationen deutlich weniger Rente, heißt es in einer Studie von Juni 2007.

Die Regierungen Kohl (CDU) und Schröder (SPD) haben die Gesetzliche Rentenversicherung beschädigt. Merkel (CDU) und Müntefering (SPD) setzen diese unsoziale Politik fort: Junge Mensche tragen das finanzielle Risiko für ihre Altersvorsorge zunehmend alleine. Wer sich Riester-Rente und private Vorsorge nicht leisten kann, ist arm dran: Bereits heute müssen Neurentner im Vergleich zum Jahr 2000 Abschläge von bis zu 15 Prozent hinnehmen. Und das bei einer durchschnittlichen Nettorente von 646 Euro im Westen. Profiteure dieser Kürzungspolitik sind Versicherungskonzerne und Banken, aber auch andere Unternehmen: Politisch gewollt verabschieden sie sich aus der paritätischen Finanzierung der Sozialsysteme.

Linke für sozial gerechtes Rentensystem

DIE LINKE kämpft für ein gerecht finanziertes Rentensystem. „Die derzeitige Rentenpolitik muss vom Kopf wieder auf die Füße gestellt werden“, sagt ihr Vize-Vorsitzender, Klaus Ernst. Das Ziel: Menschen sollen von der gesetzlichen Rente im Alter wieder gut leben können.

Am Revers seiner sandfarbenen Windjacke trägt Rolf Stättler ein kleines, rotes Dreieck mit dem Schriftzug DIE LINKE. Vor zwei Monaten ist er der Partei beigetreten, „um an diesen Zuständen etwas zu ändern“, wie er sagt. Jede Woche will der Neurentner nun ein weiteres Mitglied werben und im nächsten Jahr mithelfen, dass DIE LINKE in die Hamburger Bürgerschaft einzieht.

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