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Angst vor Altersarmut wächst

erschienen in Klar, Ausgabe 39,

Betroffen sind zunehmend Menschen, die einen Vollzeitjob haben – so wie Sabine Heurs (45) aus Berlin.

Im Ruhestand endlich das tun, was lange zu kurz kam: Davon träumen Millionen Menschen. Doch für viele wird der Gedanke an das Alter zum Albtraum: Die Angst vor Altersarmut wächst. Bereits heute bezieht mehr als eine halbe Million Menschen im Rentenalter nur die Grundsicherung – Tendenz steigend. Knapp eine Million Menschen im Rentenalter rackert in Minijobs: Sie tragen Zeitungen aus oder füllen Regale in Supermärkten auf. Nicht wenige müssen Pfandflaschen sammeln.    Besonders betroffen sind Teilzeitbeschäftigte, Alleinerziehende, Leiharbeitskräfte, Solo-Selbstständige und Erwerbslose: Ihr Lohn ist zu niedrig, um ausreichend in die Rentenversicherung einzuzahlen. Und eine Betriebsrente erhalten sie oft gar nicht.    Doch Armut im Alter droht auch gut ausgebildeten Menschen, die Vollzeit arbeiten. Eine von ihnen ist Sabine Heurs aus Berlin. Die 45-Jährige hat einen Hochschulabschluss. Als Dozentin bei der Volkshochschule im Stadtbezirk Reinickendorf gibt sie Deutschkurse. In ihrem aktuellen Rentenbescheid kann sie nachlesen, was sie einst mit 67 Jahren zu erwarten hat: „Wenn ich so weiter einzahle wie bisher, habe ich 477,40 Euro Rente“, berichtet sie.   Sabine Heurs ist kein Einzelfall. Sie ist eine von über 600 hochqualifizierten Vollzeitlehrkräften bei Berliner Volkshochschulen. Sie alle hangeln sich von einem kurzfristigen Honorarvertrag zum nächsten. Anders als Lehrkräfte in staatlichen Schulen müssen sie aus eigener Tasche auch den Arbeitgeberbeitrag für die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung abführen. Unterm Strich bleibt so ein Nettoeinkommen von bestenfalls 1.300 Euro im Monat – und voraussichtlich eine Altersrente zwischen 400 und 700 Euro.   Ähnliche Zukunftsängste plagen immer mehr Menschen. Wer heute für den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro arbeitet, kommt selbst nach 45 Jahren Vollzeit auf eine Rente unterhalb der Grundsicherung im Alter, also der Sozialhilfe für ältere Menschen. Es ist zu befürchten, dass künftig Millionen Neurentnerinnen und -rentner in Armut leben müssen.  Verantwortlich hierfür ist die Politik. Das Ziel von CDU/CSU, SPD, Grünen und FDP war stets dasselbe: Der Arbeitgeberanteil an den Beiträgen zur Rentenversicherung sollte niedrig gehalten werden. Für den Ruhestand sollten die Beschäftigten privat vorsorgen.   Sabine Heurs will sich nicht mit Altersarmut abfinden. Sie engagiert sich in der Gewerkschaft ver.di. Als Mitglied der Berliner VHS-Dozent_innenvertretung verlangt sie Festanstellungen zu Bedingungen wie angestellte Lehrkräfte an Schulen. „Erwachsenenbildung muss endlich genauso gut honoriert werden wie Arbeit an allgemeinbildenden Schulen“, sagt sie. Denn gute Löhne tragen dazu bei, dass die Rente später zum Leben reicht.

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