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Akademisch gebildet – kaum gebraucht

erschienen in Querblick, Ausgabe 12,

Berufsabschlüsse von Migrantinnen werden nur selten anerkannt
Maria Klunk strahlt. Sie hält ihre Approbation in den Händen. Zum zweiten Mal. Diesmal auf deutsch. Lange 15 Jahre hat sie nicht mehr als Neurologin gearbeitet. Das ist genau die Zeit, die sie in Deutschland lebt. Zusammen mit ihrem  deutschstämmigen Mann  und den beiden Kindern machte Maria sich auf den Weg. Aus der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik. Dass es so schwer, so kompliziert, so unübersichtlich zwischen Arbeitserlaubnis und Berufsanerkennung sein würde, das hatte Maria Klunk nicht gedacht. Auch nicht, dass jedes Bundesland seine eigene Verfahrensweise hat. Doch Maria hatte Glück.

Genauso wie die Gynäkologin Zinaida Formenko. Sie verließ Usbekistan vor acht Jahren. Kam als sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling nach Schleswig-Holstein. Um sich über Wasser zu halten, putzte Zinaida. Drei Jahre lang. Das war in Ordnung, sagt sie. Denn so entstand Kontakt zu deutschen Frauen, sie lernte die Alltagssprache. Das war fast das Wichtigste, erzählt Zinaida rückblickend. Denn als Frau im weißen Kittel musst du mit den Patientinnen kommunizieren können. Nicht nur in Fachbegriffen. Der Glaube allerdings, irgendwann wieder in den alten, geliebten Beruf zurückkehren zu können, schwand auch bei Zinaida zunehmend.

Oder Vadim Romanov. Ihm wurde Schwerin als Lebensort zugeteilt. Dort war er jahrelang Kunde des Jobcenters. Mal ein Sprachkurs, mal ein Praktikum, mal ein Bewerbungstraining. Aber nie wirklich ein Weg zurück in den Arztberuf. Der bot sich für alle erst mit dem »Ärzteintegrationsprojekt« in Brandenburg. Bislang einmalig in der Bundesrepublik. Dafür zogen Vadim Romanov und Zinaida Formenko sogar noch einmal um. Nach Potsdam und Cottbus. Zehn Monate lang lernten insgesamt 21 zugewanderte Ärztinnen und  Ärzte alles, was sie für den Job hier brauchen. Dazu zählten über 500 Deutschunterrichtsstunden mit individueller Förderung. Es folgten viermonatige Praktika in verschiedenen Krankenhäusern. Am Ende dann der ganz dicke Brocken, die »Gleichwertigkeitsprüfung«. Sie muss vor der Ärztekammer abgelegt werden. Da geht es um Fachwissen – von der Allgemein- und Inneren Medizin über die Chirurgie und Pathologie bis hin zur Notfallmedizin. Ein Mammutprogramm, das allein gar nicht zu bewältigen ist. Deutsche Ärzte leisteten darum in der Vorbereitung kollegiale Hilfe.

Am Ende hatten 17 der zugewanderten Ärzte den Sprung geschafft. Gleich im ersten Anlauf. Brandenburg hofft nun natürlich, dass sich der finanzielle Aufwand – rund 150?000 Euro aus dem Landesetat und dem Europäischen Sozialfonds – gelohnt hat und die Spezialistinnen und Spezialisten im medizinisch dünn besiedelten Land bleiben. Zinaida, Maria und Vadim haben bereits eine Anstellung. In Prenzlau, in Beelitz, in Cottbus. Die anderen werden folgen. Das »Ärzteintegrationsmodell« war somit gut für beide Seiten.

Das Land bekommt den Ärztemangel in den Griff, und die akademischen Zuwanderer können endlich das, was sie gern möchten: raus aus der staatlichen Stütze.  Bundesweit, so wird vermutet, arbeiten bis zu 500?000 Akademiker unterhalb ihrer Qualifizierung. Lehrerinnen, Sozialpädagogen, Physikerinnen. Eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrums Berlin-Brandenburg belegt: 43 Prozent der Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler besitzen einen Hoch- oder Fachschulabschluss. Weitere 30 Prozent haben eine abgeschlossene Berufausbildung, sind Ingenieurin oder Meister. Gleichzeitig jedoch sind diese Höherqualifizierten zu mehr als einem Drittel arbeitslos. Der Grund: Es fehlt die Berufsanerkennung in Deutschland. Die Linksfraktion im Bundestag hat dazu einen entsprechenden Antrag eingebracht. Die Koalitionsfraktionen und die FDP haben abgelehnt.
Gisela Zimmer

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