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Weder Männer noch Frauen sollen in den Krieg!

Rede von Inge Höger,

Angesichts der Kriege stellt sich mehr denn je die Frage, ob die verstärkte Rekrutierung von Frauen wirklich der ersehnte Weg zu mehr Gleichberechtigung ist.

„Zusammen mit ihren männlichen Kameraden erfüllen die Soldatinnen den Auftrag der Bundeswehr; auch in den Auslandseinsätzen. Ihre wachsende Zahl in den Streitkräften fördert zudem die Akzeptanz der Bundeswehr in der Gesellschaft.“ So feierte die Bundeswehr auf Ihrer Homepage den zehnten Jahrestag der Entscheidung des Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, die es Frauen ermöglicht, „an der Waffe zu dienen“. In den letzten zehn Jahren wurde die Bundeswehr immer stärker zur Einsatzarmee und ist vor allem in Afghanistan aktive Kriegspartei. Angesichts dessen stellt sich mehr denn je die Frage, ob die verstärkte Rekrutierung von Frauen wirklich der ersehnte Weg zu mehr Gleichberechtigung ist.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Tanja Kreil damals ihre Klage mit Unterstützung des Bundeswehrverbandes betrieb und auch innerhalb der Bundeswehr ein starkes Interesse daran bestand, die im Grundgesetz verankerte Beschränkung des Einsatzes von Frauen in der Bundeswehr zu überwinden. Was sich damals abzeichnete, ist heute Realität. Die Bundeswehr ist keine Wehrpflichtarmee mehr und die Probleme bei der Rekrutierung von Nachwuchs für die Einsätze der Bundeswehr in aller Welt wachsen. Durch die Möglichkeit, nun auch Frauen für den "Dienst an der Waffe" auszubilden, hat sich der Pool für die Rekrutierung faktisch verdoppelt.
Doch offensichtlich gelingt es der Bundeswehr nicht, Frauen in gleichem Maße anzusprechen wie Männer. Gerade einmal 9 Prozent der Bundeswehrangehörigen sind Frauen. Auch bei der Bundeswehr wurden in den zehn Jahre die klassischen Rollenmuster nicht überwunden, der größte Teil der 17.500 Frauen entscheidet sich für den Sanitätsdienst. Unter den Bundeswehrsoldaten, die im Auslandseinsatz sind, ist der Frauenanteil regelmäßig etwas niedriger und liegt bei 5%. Etwa 350 Soldatinnen sind an den verschiedenen Kriegs- und Besatzungseinsätzen beteiligt. Der Anteil der Frauen, die mit körperlichen oder seelischen Verletzungen aus diesen Einsätzen zurück kommen steigt. Wie die Grünen in ihrem Antrag angesichts dieser Entwicklung so kritiklos dafür werben können, dass sich der Anteil der Frauen am Kanonenfutter erhöht, ist mir ein Rätsel.
Die Bundeswehr ist kein Arbeitgeber wie jeder andere. In letzter Konsequenz geht es bei einer „Karriere“ in der Bundeswehr auch um die Bereitschaft zum Sterben und Töten. Der vorliegende Antrag ignoriert diese Tatsache.
Grüne und Bundeswehr scheinen sich einig zu sein, einen Frauenanteil von mindestens 15 Prozent erreichen zu wollen. Interessant ist, dass der Frauenanteil bei den neuen Rekruten bereits annähernd erreicht wird. Allerdings springen viele Frauen gerade in der ersten Zeit und nach ersten Erfahrungen mit der Bundeswehr - häufiger als Männer - wieder ab. Viele Frauen geben für ihr Ausscheiden aus der Bundeswehr pauschal „persönliche Gründe“ an. Was damit gemeint sein könnte, beschreibt das „Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr“: Etwa 43% der männlichen Soldaten sind sich sicher, dass Frauen für körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten ungeeignet sind. Zu diesen abwertenden Kommentaren gesellen sich häufig sexistische Bemerkungen und anzügliche Witze. Davon waren nach eigenen Angaben weit mehr als die Hälfte der Frauen betroffen. Noch gravierender ist, dass jede fünfte Frau von sexuellen Belästigungen in ihrem Arbeitsumfeld berichtet. Dies sind nur einige Indizien dafür, dass manche junge Frauen für ihre "Chance" bei der Bundeswehr einen hohen Preis bezahlen. Ob die von den Grünen geforderten Gleichstellungsmaßnahmen daran wirklich etwas ändern werden, darf bezweifelt werden. Auch in Armeen mit höherem Frauenanteil und besseren Gleichstellungsregeln, wie etwa in den USA, sind patriarchale Tendenzen in der Armee nach wie vor feststellbar.
Es ist bedenklich, wenn junge Menschen - egal ob Frauen oder Männer - die Bundeswehr als einzige Möglichkeit sehen, eine Berufsausbildung zu machen oder ein Studium finanzieren zu können. Wenn sich die zugehörigen Werbestrategien noch stärker auf Frauen richten, dann löst dies das zugrunde liegende Problem nicht. Nötig ist ein Ende der Werbung für die Bundeswehr und ein Stopp der zugehörigen Rekrutierungsstrategien – für beide Geschlechter.
Übrigens ist ebenso dringend eine Neuorganisation der Sportförderung außerhalb der Bundeswehr nötig. Von den 700 durch die Bundeswehr geförderten Spitzensportlern sind gerade mal ein Drittel weiblich. Geschlechtergerechtigkeit ließe sich auch hier wesentlich besser durch ein ziviles System bewerkstelligen.
Im Verhältnis zur niedrigen Anzahl der Frauen in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr tauchen diese Frauen erstaunlich häufig auf Bildern auf, mit denen die Bundeswehr ihre Tätigkeit an die Öffentlichkeit transportiert. Dahinter steht eine bewusste Strategie, da gerade durch die Darstellung von Frauen, die als "friedlicher" wahrgenommen werden, eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz erhofft. Frauen werden somit als Teil der Öffentlichkeitsstrategie der Bundeswehr instrumentalisiert.
Zur Emanzipation und zur Überwindung von geschlechtsspezifischer Rollenbildung hat die Freigabe des "Dienstes an der Waffe" nichts beigetragen. Und es ist nicht davon ausgehen, dass dies im Rahmen patriarchaler Militärstrukturen jemals möglich sein könnte. Ein olivgrünes Gütesiegel für Geschlechtergerechtigkeit, wie es den Grünen wohl vorschwebt, wird daran nichts ändern.