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Schutz der biologischen Vielfalt

Rede von Petra Sitte,

-Rede zu Protokoll-

2010 wurde von den Vereinten Nationen zum Jahr der biologischen Vielfalt ausgerufen. Die durch den Menschen verursachte Zerstörung der Artenvielfalt hat ein dramatisches Ausmaß angenommen. Bis zu 130 Arten sterben jeden Tag aus! Wie der vorliegende Antrag richtig beschreibt, zieht dieser Prozess Konsequenzen für viele weitere Bereiche nach sich. So ist die Welternährung betroffen, weil Monokulturen, die übermäßige Bodennutzung und die Einengung des Sortenspektrums die Nahrungsketten vieler Millionen Menschen bedroht. 75 Prozent der im 19. Jahrhundert noch bekannten Kulturpflanzen und Nutztierarten sind inzwischen ausgestorben.


Der Verlust an Biodiversität steht auch in engem Zusammenhang mit Themen der Energieversorgung, der Gesundheit und nicht zuletzt des Klimawandels. So ist etwa die biologische Vielfalt der Regenwälder essenziell für eine Abpufferung der klimatischen Veränderungen. Artenvielfalt sichert Schädlingsarmut, unterstützt die Kreisläufe von Wasser und Kohlenstoff und verhindert Bodenerosion.

Es geht also, wenn wir die Dringlichkeit politischen Handelns gegen den Verlust der Artenvielfalt begründen, nicht nur um ethische Fragen. Die Forschung spricht inzwischen von Biodiversitätsgütern und –dienstleistungen, also ganz utilitaristisch von Dingen, die wir als Menschen existenziell zum Leben brauchen. Es ist zwar traurig, dass immer wieder in Studien der Wert der Biodiversität in Dollar und Euro ausgerechnet werden muss, um die Gesellschaft für das Problem wach zu rütteln. Diese Methode hat jedoch auch beim Klimawandel erfolgreich gewirkt .

Trotz des komplexen Beziehungsgeflechts der Biodiversität steht ihre öffentliche Aufmerksamkeit hinter Themen wie dem Klimawandel oder der Energieversorgung zurück. Bereits 2001 hatte die EU den Stopp des Verlustes der Artenvielfalt bis 2010 beschlossen, ein Jahr später setzten sich die Vertragsstaaten des Übereinkommens zur biologischen Vielfalt (CBD) das gleiche Ziel. Vor drei Wochen nun vereinbarten die Vertragsstaaten im japanischen Nagoya erneut, den weltweiten Artenschwund in den kommenden zehn Jahren zu stoppen. Es bleibt jedoch unklar, wie diese hehren Vorhaben eigentlich überprüft werden können. Denn es fehlt an Wissen und Kategorien für die Artenvielfalt.

Der Antrag der SPD-Fraktion weist daher zu Recht darauf hin, dass diese Lücken bestehen. Auch Institute der Forschungsorganisationen, namentlich der Helmholtz- und der Leibniz-Gemeinschaft, machen immer wieder darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, die Prozesse des Verlustes der Biodiversität wissenschaftlich zu erfassen.
Die sprichwörtliche Schmetterlings- und Schlangensammlung, die wir aus der Kolonialzeit kennen, hatte eher eine kulturelle Dimension der Entdeckung fremder Welten. Heute kommt der Taxonomie, die eine moderne, mit IT und Raumfahrt verknüpfte Wissenschaftsdisziplin ist, eine grundlegende Bedeutung im Kampf um unsere Lebensgrundlagen zu. Je fundierter die Kenntnis über die Prozesse der Pflanzen- und Tierwelt ist, um so präziser können wir Maßnahmen gegen das Artensterben planen und umsetzen.

Trotz dieser Bedeutung ist die Taxonomie, also die Kartographie der Biodiversität, selbst eine fast vom Aussterben bedrohte Art der Biologie. Sie hat Schwierigkeiten, sich im Kampf um Mittel und Ausstattung zu behaupten. Ihre Forschungsgebiete können zumeist keine unmittelbare Anwendungsrelevanz behaupten. Wenn dieses Problem des wissenschaftlichen Substanzverlustes ernsthaft angegangen werden soll, muss der wissenschaftliche Nachwuchs besonders gestärkt werden.

Zwar gibt es auf deutscher und internationaler Ebene durchaus schlagkräftige Netzwerke der Biodiversitätsforschung. Allerdings werden diese in Umfang und Themenstellung der Breite und Bedeutung des Themas noch nicht gerecht. Das BMBF etwa hat neben der institutionellen Förderung im laufenden Haushaltsjahr nur 8,5 Millionen Euro für Projekte der Biodiversitätsforschung verausgabt. Viele der im Antrag benannten Forschungsmuseen kämpfen gegen Mittelkürzungen. Wir unterstützen die Forderung der SPD, Forschungsinfrastrukturen und Datenbanken im Rahmen eines Bundesforschungsprogramms langfristig finanziell abzusichern.

Aber die Politik sollte nicht nur Geld für die Erfassung der Artenvielfalt und das Monitoring beisteuern. Wir müssen auch sagen, welchen Wissensbedarf wir selbst haben. Die Umsetzung der Strategie zur Erhaltung der Biodiversität muss auf der Grundlage des neuesten Standes wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgen. Denn solch eine Strategie wird in viele Bereiche unser Lebens- und Produktionsweise eingreifen, angefangen von der Flächennutzung bis zur Landwirtschaft oder dem lärmintensiven Verkehrswesen. Forschung für Artenschutz ist mehr als Taxonomie. Wir brauchen auch eine angewandte Nachhaltigkeitsforschung und die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik.