Skip to main content

Die Bundesregierung zerschlägt das solidarische Gesundheitssystem

Rede von Michael Leutert,

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Minister Rösler, für den Haushalt kann ich mich zwar nicht bedanken, aber immerhin für die Zuarbeit.
Sie haben Anfang des Jahres prophezeit - ich zitiere jetzt aus der FAZ vom 2. Februar: "Wenn es mir nicht gelingt, ein vernünftiges Gesundheitssystem auf den Weg zu bringen, dann will mich keiner mehr als Gesundheitsminister haben.
Nun, Herr Minister, ich denke, es ist so weit.

(Elke Ferner (SPD): Es ist schon längst so weit!)

Sie sind in der Beliebtheit abgestürzt, weil Sie eben kein vernünftiges Gesundheitssystem auf den Weg gebracht haben. Ganz im Gegenteil: Was Sie hier machen, ist die Zerschlagung der letzten Reste des einstmals solidarischen Gesundheitswesens.

(Beifall bei der LINKEN - Jens Spahn (CDU/CSU): Mit Zerschlagung kennt ihr euch ja aus!)

Als Haushälter interessiert mich in erster Linie der sparsame und gerechte Umgang mit unseren Steuergeldern. Im Etat - Herr Kollege Schurer hat es schon beschrieben - sind 15,8 Milliarden Euro enthalten. Davon werden 15,3 Milliarden Euro an die Krankenkassen durchgereicht. Diese Zuschüsse brauchen Sie, weil Sie Ihren Job nicht gut gemacht haben und weil Sie keine solide Finanzierungsbasis auf die Beine gestellt haben. Zu Ihrer Ehrenrettung muss man - leider - Folgendes sagen: Sie haben ein Gesundheitssystem vorgefunden, dem man schon den Strick um den Hals gelegt hatte. Diesen Job hat damals die Große Koalition unter einer SPD-Gesundheitsministerin vollbracht. Damals wurden die Minikopfpauschale und der Gesundheitsfonds eingeführt. Aber Sie, Herr Rösler, haben die Schlinge letztendlich zugezogen, indem Sie die vollen Kopfpauschalen, die nach oben hin offen sind, einführen.

(Ulrike Flach (FDP): Gedeckelt!)

Frau Flach, Sie erklären beruhigend, es gebe einen Solidarausgleich, wenn die Kopfpauschale die Grenze von 2 Prozent des Bruttoeinkommens übersteigt. Dazu muss man Folgendes sagen - diesen Punkt verschweigen Sie letztendlich -: Es wird nicht in jedem Fall der gesamte Betrag, der über der 2-Prozent-Grenze liegt, erstattet. Nach den Berechnungsvorschriften gibt es nur einen Zuschuss. Das bedeutet aber, dass die Kopfpauschale sehr wohl auch über der Grenze von 2 Prozent des Bruttoeinkommens liegen kann.

(Ulrike Flach (FDP): Wie gehen Sie mit den Kosten des Gesundheitswesens um, Herr Leutert?)

- Dazu komme ich noch.

(Elke Ferner (SPD): Sie wollten doch gar keine Beitragserhöhungen machen, Frau Flach!)

Das Ergebnis, welches wir jetzt vorfinden, ist das Folgende: Die Arbeitgeberbeiträge werden eingefroren, und die Arbeitgeber zahlen nur noch einmal. Der einfache Arbeitnehmer bezahlt dafür in Zukunft viermal. Er bezahlt seinen Anteil am Beitrag für die Krankenkassen, er bezahlt die Kopfpauschale, er bezahlt die Zuzahlungen und die Praxisgebühr, und er bezahlt über seine Steuergelder, die er zu entrichten hat, auch den Steuerzuschuss. Das heißt letztendlich: Millionen von Menschen haben nächstes Jahr eben nicht mehr Netto vom Brutto, wie es Ihre Partei immer propagiert, sondern wesentlich weniger Geld in der Tasche. Das können Sie dann 2013 Ihren Wählerinnen und Wählern erklären.

(Beifall bei der LINKEN)

Das alles machen Sie, weil es eine Finanzierungslücke von ungefähr 10 Milliarden Euro im Gesundheitssystem gibt. Es stimmt, dass diese Lücke vorhanden ist. Was aber nicht stimmt, ist, dass Sie das Geld, welches Sie aufgrund der Kopfpauschale mehr einnehmen, zum Stopfen dieses Loches benutzen wollen. Ganz im Gegenteil: Wahr ist vielmehr, dass Sie auch im Gesundheitswesen die Umverteilung von unten nach oben kräftig betreiben. Das sieht man daran - vielleicht haben Sie dafür eine andere Erklärung -, dass erstmalig seit 1949 die Beitragsbemessungsgrenze, also die Höhe des Einkommens, ab der der Versicherte nicht mehr den prozentual vollen Beitrag zahlen muss, gesenkt wird. Warum senken Sie erstmalig seit 1949 die Versicherungspflichtgrenze, das heißt die Höhe des Einkommens, ab der man sich dann nicht mehr pflichtversichern muss, sondern in eine private Krankenkasse wechseln kann? Warum wird das gesenkt?


(Wolfgang Zöller (CDU/CSU): Das Gesetz gibt es seit Jahren!)
- Gesetze sind zum Ändern da, wie wir hier sehen.
(Heiterkeit bei der LINKEN)


Diese Grenzen sind eh unsolidarisch das erzählen wir Ihnen schon lange , weil sie nämlich die Finanzstärksten aus dem Solidarprinzip entlassen. Sie verzichten hier, indem Sie diese Grenzen senken, noch auf Extraeinnahmen. Ich dachte aber, es gibt hier eine Finanzierungslücke, und aus diesem Grund werde die Kopfpauschale erhoben.

(Zuruf von der FDP: Sie wissen nicht, wovon Sie sprechen!)


Sie können mir gern erklären, warum Sie auf die 30 Milliarden Euro Einnahmen der privaten Krankenversicherungen verzichten. Ich habe während der Haushaltsverhandlungen darum gebeten, einen Bericht mit Zahlen, Überlegungen, die im Ministerium angestellt worden sind, zu bekommen, welche Alternativen - mit Rechenbeispielen untersetzt - es zur Kopfpauschale gäbe. Ich habe lediglich eine DIN-A4-Seite bekommen, keine Zahl darin, aber zwei sehr bemerkenswerte Sätze. Der erste Satz lautet: "Die Bundesregierung hält eine Verbeitragung aller Einkünfte im Sinne einer Bürgerversicherung zur nachhaltigen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung nicht für zielführend." Da würde mich interessieren, was Ihr eigentliches Ziel ist, denn der Öffentlichkeit erzählen Sie ja immer, das Ziel dieser Reform sei das Schließen der Finanzierungslücke.


(Zuruf von der CDU: Ja! Das machen wir ja!)


Wahrscheinlich haben Sie aber ein anderes Ziel.
Der zweite bemerkenswerte Satz lautet: Die Bundesregierung ist … der Auffassung, dass sich das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung im Sinne eines freiheitlichen Gesundheitswesens bewährt hat." Ich frage mich, welches freiheitliche Gesundheitswesen Sie meinen.


(Wolfgang Zöller (CDU/CSU): Na, das Gegenteil der DDR!)


Ich befürchte, Sie meinen das freiheitliche Gesundheitswesen auf der Ausgabenseite, nämlich dort die Freiheit der Pharmaindustrie, uns ihre Preise zu diktieren.
(Beifall bei der LINKEN)
Arzneimittel sind der zweitgrößte Ausgabenposten im Gesundheitswesen, und zwar auch, weil sie in Deutschland zum Teil doppelt so teuer sind wie in anderen europäischen Ländern. Doch genau an diesem Punkt greifen Sie eben nicht ein, sondern machen genau wie bei der Atomenergie natürlich wieder Lobbypolitik, und zwar für die Pharmaindustrie, Stichwort Arzneimittelgesetz.
Unter dem Strich bleibt ob Ihnen das gefällt oder nicht : Sie zerschlagen das Solidarprinzip weiter. Zweitens. Otto Normalverbraucher zahlt kräftig drauf. Drittens. Der Haushalt, also der Steuerzahler, wird dadurch weiterhin belastet. Das lehnen wir Linken ab. Deshalb werden wir auch Ihren Haushalt ablehnen.

(Beifall bei der LINKEN)