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Artenschutz im Swimmingpool?

Rede von Eva Bulling-Schröter,

Tagesordnungspunkt 24:

Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (16. Ausschuss)

- zu dem Antrag der Abgeordneten Ingbert Liebing, Marie-Luise Dött, Peter Bleser, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Mechthild Rawert, Christoph Pries, Marco Bülow, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD

Delfinschutz voran bringen

- zu dem Antrag der Abgeordneten Undine Kurth (Quedlinburg), Bärbel Höhn, Ulrike Höfken, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Gefangenschaft von Delfinen unverzüglich beenden

Drucksachen 16/12868, 16/9102, 16/…

-zu Protokoll

Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE):
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen,
Delfine gibt es nicht mehr wie Sand am Meer. So viel vorweg.

Die Delfine die es noch gibt, leben meistens so: Sie leben in so genannten Schulen. Also in Gruppen von 20 bis 100 Tieren zusammen. Sie legen zum Teil hunderte von Kilometern am Tag zurück und ernähren sich von Fischen, die sie jagen. Delphine sind zudem sehr verspielt.

In Deutschland werden mehr als 1000 Kleinwale, überwiegend also Delfine, in Gefangenschaft gehalten oder zur Schau gestellt. Ihr Leben sieht deutlich anders aus: Zumeist in unstrukturierten, zu flachen und zu kleinen Betonbecken müssen sie Zuschauer mit ihren Kunststückchen begeistern. Als Belohnung gibt es toten Fisch. Allein oder in Kleinstgruppen ziehe sie ansonsten stupide im Kreis. Mit artgerechter Haltung hat dies alles überhaupt nichts zu tun.

Eines der häufigsten Argumente für eine Haltung von Delfinen in Gefangenschaft ist ihr vermeidlicher Nutzen in der so genannten Delfintherapie. Ein Nutzen, der bis heute durch nichts wissenschaftlich belegt, dafür aber widerlegt werden konnte.

Delfine leben in einem der gefährdetsten Lebensräume der Erde - im Meer.
Das Meer spielte in der Politik fast immer nur eine Rolle als unerschöpfliche Ressource für Lebensmittel. Erst jetzt, wo der Kollaps der meisten Meere bevorsteht, fällt auf, dass Meere hochkomplexe Ökosysteme sind, von denen wir Menschen abhängen. Die meisten Delfine sind inzwischen gefährdet. Auch die in den Flüssen, wie der Amazonas-Delfin. Manche stehen kurz vor der Ausrottung, etwa der Irawadi-Delfin.

Schuld daran ist nicht nur der irrsinnige Fischfang nach allen Regeln der Naturausbeutung. Dem Irawadi-Delfin- werden zum Beispiel Wasserstaudämme, Flussregulierungsmaßnahmen, illegale Fischfangmethoden und die Wasserverschmutzung zum Verhängnis.

Grundsätzliche Ursachen für die Gefährdung der Delfine sind die Lärmverschmutzung, der Nahrungsmangel durch Überfischung, der Lebendtierfang , der Tod durch Beifang und die Verschmutzung ihrer Lebensräume.

In den Gehirnen der Meeressäuger wurden mehr als 170 verschiedene chemische Substanzen gefunden. Darunter polychlorierte Biphenyle (die bekannten PCB´s), bromierte Flammschutzmittel und Pestizide wie DDT. Heutzutage ist lebensmüde, wer Walfleisch zu sich nimmt. Dort ist soviel Quecksilber drin, dass die eigene Gesundheit damit aufs Spiel gesetzt wird.

Wenn ein Ökosystem vor der Zerstörung steht, werden die Folgen erst spät, meistens zu spät sichtbar. Hier zeigen sich Abhängigkeiten in der Nahrungskette. Zur Verdeutlichung: Der Delphin frisst Heringe. Der Mensch tut das auch. Gibt es keine Heringe mehr, bekommen auch die Delfine Probleme. Wenngleich es beispielsweise dem Nordseehering inzwischen wieder besser geht, ist der Ostseehering weiterhin stark überfischt. Die meisten Menschen berührt der Verlust der Heringe weniger. Delfine hingegen wecken Emotionen. Wer würde schon eine Kampagne zum Erhalt der Heringe unterstützen? Aber Delfine haben eine Lobby - wenngleich noch immer eine zu kleine.

Was heißt das für die Politik, was heißt das für uns? Wenn wir uns für den Schutz der Delfine stark machen, müssen wir zwangsläufig ihren Lebensraum schützen. Der Schutz des Lebensraums bedeutet aber zugleich, dass wir all die anderen gefährdeten Meeresbewohner auch schützen. Artenschutz ist also immer auch Schutz des Lebensraumes - also in mehrfacher Hinsicht vernünftiges Handeln im Sinne der Umwelt.

Meine Damen und Herren: das Sterben der Delfine ist die Spitze eines Eisberges. Machen wir uns stark für den Erhalt dieser Tiere und wehren wir uns gegen ihren Missbrauch als Belustigungsobjekt oder angebliches Therapiewunder. Setzen wir uns dafür ein, den unwiederbringlichen Reichtum unserer Meere und Gewässer zu schützen. Setzen wir uns dafür ein, den Delfin als symbolträchtiges Tier für einen umfassenden Natur- und Artenschutz zu schützen. Überdenken wir die Folgen für Delfine beim Einsatz militärischer Sonare, beim Bau der Fehmarnbeltquerung, bei der Suche nach Erdgas auf der Doggerbank, bei der Müllentsorgung auf den Weltmeeren.

Unterstützen wir deshalb den Antrag der Grünen, und noch mehr - machen wir endlich Nägel mit Köpfen. Bevor es zu spät ist.