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Zwischen Beruf und Familie passt kein „oder“

Nachricht von Klaus Ernst, Jörn Wunderlich,

Konferenz „Arbeit familienfreundlich gestalten“

Am 22. Oktober diskutierten Abgeordnete der Bundestagsfraktion DIE LINKE. gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Gewerkschaften und Verbänden über Wege zu mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Der stellvertretende Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE, Klaus Ernst, eröffnete die Veranstaltung mit dem Aufruf, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz oben auf die politische Tagesordnung zu setzen. „Wie sollen junge Menschen sich für Kinder entscheiden, wenn sie nicht wissen, ob sie nächste Woche noch einen Job haben?“, fragte er. Mit einem Maßnahmenpaket aus verbessertem Kündigungsschutz für Eltern, der Möglichkeit, Schichtarbeit oder Überstunden abzulehnen, und durch die Förderung von Berufsrückkehrerinnen nach der Elternzeit wolle DIE LINKE die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern.

Dr. Alexandra Scheele von der Universität Potsdam bezeichnete die derzeitige Vereinbarkeitspolitik als Drahtseilakt, der gerade von Frauen viele Kompromisse verlange. Es brauche eine neue gesellschaftliche Debatte über die Vereinbarkeitspolitik und die Einsicht, dass Vereinbarkeit nicht nur ein Thema für Frauen, sondern auch für Männer sei. Familienpolitik solle darauf achten, nicht nur Angebote für hochqualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu machen sondern alle in den Blick zu nehmen.

Professor Hildegard-Maria Nickel von der Berliner Humboldt-Universität bestätigte die Notwendigkeit eines Umdenkens. Der Wandel der Arbeitswelt enthalte Chancen und Risiken für Frauen. Während für einige wenige privilegierte Frauen der Zugang zu sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung bestehe, landeten viele auf dem Abstellgleis von Mini-Jobs und prekärer Beschäftigung. Das skandalöse Lohngefälle zwischen Frauen und Männern - Frauen verdienen bis zu 24 Prozent weniger als Männer - müsse dringend politisch thematisiert werden. Die Herstellung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei in starkem Maße Gegenstand individueller Verhandlungen und der Bereitschaft des Arbeitgebers, „entgegenzukommen“.

Stefan Reuyß, Soziologe vom Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer, warf die Frage auf, welche Anforderungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an einen familienfreundlichen Betrieb stellen. 32 Prozent der Beschäftigten mit Kindern sehen beim Thema „familienfreundliche Arbeitszeiten“ den größten Nachholbedarf, stellte Reuyß fest. Besondere Probleme bereiten unvorhersehbare Arbeitszeiten, eine starke Schwankung der Arbeitszeiten und die Samstagsarbeit im Alltag von Eltern. 90 Prozent der Eltern wünschen sich, dass sich Arbeitgeber und Unternehmen für eine gute Kinderbetreuung engagieren. Die Situation im eigenen Betrieb wird von vielen als verbesserungswürdig eingeschätzt: 31 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind der Ansicht, der eigene Betrieb verfüge nicht über familienfreundliche Arbeitsbedingungen. 24 Prozent stimmten der Aussage zu, im eigenen Betrieb gäbe es keine positive Einstellung gegenüber Beschäftigten mit Kindern. Reuyß sprach sich für einen neuen Arbeitszeitstandard der verkürzten Vollzeit aus. Solange der Arbeitnehmer ohne Sorgearbeitspflichten die Norm sei, könne Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Mütter und Väter nicht erreicht werden. Deshalb müsse die „Kultur der überlangen Arbeitszeiten“ zurückgedrängt und qualifizierte und substanzielle Teilzeitarbeit an jedem Arbeitsplatz ermöglicht werden.

In der folgenden Diskussion erklärte Anne Jenter vom GEW Hauptvorstand, ohne eine hochwertige Kinderbetreuungsinfrastruktur könne das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht gelöst werden. Nachdem die politische Debatte sich sehr lange auf den Krippenausbau konzentriert habe, müsse der Blick auch wieder auf den Ausbau der Ganztagsschulen gerichtet werden. Nötig sei außerdem ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft und die Umwandlung des Ehegattensplittings in eine Individualbesteuerung. Ute Brutzki von der ver.di Bundesverwaltung betonte, dass die eigenständige Existenzsicherung von Frauen stärker in den Blick genommen werden müsse. Mini-Jobs und prekäre Beschäftigung führten für Frauen in die Armutsfalle. Barbara König (Zukunftsforum Familie e.V.) wies auf Tücken beim Elterngeld hin. Gerade das Modell, bei dem sich Eltern die Kinderbetreuung und Berufstätigkeit partnerschaftlich teilen, werde im Gesetz bewusst benachteiligt. Bei gleichzeitigem Teilzeitelterngeldbezug beider Eltern ende die Zahlung des Elterngeldes bereits nach 7 Monaten. Wenn die Eltern nacheinander Elterngeld in Anspruch nehmen, erhalten sie stattdessen 14 Monate Elterngeld. Wer Gestaltungsspielraum für Familien und die Gleichstellung von Frauen und Männern fördern will, so König, muss das Modell der partnerschaftlichen Aufteilung von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung fördern und nicht finanziell schlechter stellen.

Am Nachmittag standen Beispiele aus der betrieblichen Praxis im Mittelpunkt. Astrid Knüttel vom Fachbereich Frauen- und Gleichstellungspolitik der IG Metall stellte klar, dass zwischen Beruf und Familie kein „oder“ passt. Seit der Reform des Betriebsverfassungsgesetzes im Jahre 2001 seien die Betriebsräte verstärkt in der Pflicht, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Als positive Beispiele nannte Knüttel Betriebsvereinbarungen zum häuslichen Krankenpflege, Teilzeit/Familienzeit und betrieblicher Kinderbetreuung bei Daimler Chrysler, zur Weiterbildung auch für Beschäftigte mit Familienaufgaben beim Nutzfahrzeugshersteller MAN und dass bei Airbus Deutschland zwischen 20 bis 40 Prozent der Telearbeit am häuslichen Arbeitsplatz erbracht werden kann.

Thomas Huber berichtete von den familienfreundlichen Maßnahmen der Gerhard Rösch GmbH in Tübingen. Das textilverarbeitende Unternehmen verfüge beispielsweise seit 1971 über eine betriebliche Kindertagesstätte für Kinder zwischen 2 und 6 Jahren. Darüber hinaus sei Familienfreundlichkeit in den Führungsgrundsätzen des Unternehmens verankert, eine Vielzahl von Arbeitszeitmodellen stehe den Beschäftigten zur Verfügung, um ihre Arbeitszeiten den individuellen Bedürfnissen anpassen zu können. Auf die Wünsche der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einzugehen, rechne sich auch betriebswirtschaftlich, argumentierte Huber. Der außergewöhnlich niedrige Krankenstand führe zu Ersparnissen, die die Kosten für die familienfreundlichen Maßnahmen deutlich übersteigen.

Die Betriebsratsvorsitzende der Bauer Verlagsgruppe, Kersten Artus, berichtete von Fällen, in denen der Einstieg nach Mutterschutz oder Elternzeit in den alten Job vom Arbeitgeber erschwert bzw. verhindert wird. Der Anspruch auf Teilzeitarbeit könne in vielen Fällen von den Arbeitnehmerinnen nicht durchgesetzt werden. Es gäbe sogar Fälle in denen während der Elternzeit gekündigt werde, obwohl dies nur mit Genehmigung der Landesbehörde für Arbeitsschutz möglich ist. Die Möglichkeiten der Betriebsräte, in diesen Fällen zu helfen, seien sehr eingeschränkt. Wichtig sei zunächst aber die umfassende Beratung der Betroffenen über ihre Rechte. Teilzeitarbeit sei aber kein Patentrezept. Sie führe unter den derzeitigen Bedingungen zu Arbeitsplatzabbau und Arbeitsverdichtung. Von vielen Teilzeitstellen könne außerdem niemand leben. Artus plädierte für eine Arbeitszeitreduzierung für alle bei vollem Lohnausgleich sowie gesetzliche oder tarifliche Begrenzung von Überstunden mit Kontrollmöglichkeiten und Sanktionen.

Der familienpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion DIE LINKE., Jörn Wunderlich, zog in seinem Schlusswort ein positives Fazit der Konferenz. Viele positive Beispiele belegten, dass die familienfreundliche Gestaltung der betrieblichen Praxis und wirtschaftlicher Erfolg kein Gegensatz sind. Klar sei aber auch, dass bei den meisten Arbeitgebern diese Einsicht noch nicht angekommen sei. Deshalb, so Jörn Wunderlich, muss der Gesetzgeber handeln und die Rechte von Eltern stärken. DIE LINKE. im Bundestag werde das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die parlamentarische Agenda setzen und von der Bundesregierung Verbesserungen einfordern.

Von Maria Wersig

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