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»Zehn Konzerne entscheiden, wer verhungert«

Im Wortlaut,

Das nachfolgende Interview erscheint am 6. Dezember in der neuesten gedruckten Ausgabe der Fraktionszeitung klar.

© C. Bertelsmann Verlag

 

 

Der UN-Experte und Globalisierungskritiker Jean Ziegler prangert an, dass jedes Jahr Millionen Menschen an Hunger sterben. Im Exklusiv- Interview mit Klar spricht er über die Macht der Konzerne, Spekulationen mit Nahrungsmitteln und das Versagen der westlichen Regierungen.

Laut World Food Report der UNO könnte die Weltlandwirtschaft heute problemlos fast zwölf Milliarden Menschen ernähren. Trotzdem hungern noch immer viele Menschen.

Jean Ziegler: Das Problem ist nicht die Produktion, sondern der Zugang zu Nahrungsmitteln. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, 57 000 Menschen sterben an Hunger pro Tag. Doch zehn transkontinentale Konzerne beherrschen 85 Prozent des Welthandels mit Grundnahrungsmitteln. Sie sind die Täter, denn sie entscheiden jeden Tag durch Preispolitik, Transport und Silohaltung, wer isst und lebt oder hungert und stirbt. Wegen der Preisspekulationen auf Grundnahrungsmittel ist beispielsweise der Preis für Mais in den letzten fünf Monaten um 63 Prozent und für Reis um 31,8 Prozent gestiegen, der für die Tonne Weizen hat sich verdoppelt.

Sie sagen, in der Demokratie gäbe es keine Ohnmacht. Durch Wahlen, Diskussionen und auch Streik müsse der politische Wille verändert werden.

Wir können beispielsweise unsere Abgeordneten zwingen, das Börsengesetz zu revidieren. Spekulationen auf Grundnahrungsmittel, also auf Mais, Reis und Getreide werden verboten. Auch Agrartreibstoff wird verboten. Wir können den Agrarminister zwingen, in Brüssel sein Veto einzulegen gegen das Agrardoping: Auf jedem afrikanischen Markt können Sie heute Gemüse, Früchte und Geflügel aus Europa zur Hälfte oder zu einem Drittel des Preises gleichwertiger Produkte aus Afrika kaufen. Und ein paar Kilometer weiter steht der afrikanische Bauer mit seiner Familie, rackert sich stundenlang in der brennenden Sonne ab und hat nicht die geringste Chance. Der Zynismus der Kommissare in Brüssel ist abgrundtief, sie produzieren so den Hunger in Afrika, und dann werfen sie die Hungerflüchtlinge aus Afrika mit militärischen Mitteln zurück ins Meer.

Die deutsche Regierung konzentriert sich aktuell auf die Eurorettung und nicht  auf den Hunger in der Dritten Welt.

Frau Merkel ist gewählt worden, um die deutsche Wirtschaft in Gang zu halten, und nicht, um die hungernden Kinder zu retten. Es geht um die strukturelle Gewalt in dieser kannibalischen Weltordnung. Jean- Paul Sartre hat einmal gesagt: „Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt.“ Was und nicht den, der sie unterdrückt. Und es ist ganz gleichgültig, ob die deutsche Regierung mit netten Menschen besetzt ist oder mit zynischen Konzernlakaien, sondern es geht um die Macht dieser Weltdiktatur der Finanzoligarchie, die komplett frei ist von jeglicher staatlicher Kontrolle. Der kommende Bundestagswahlkampf bietet die Chance, den Kampf gegen den Hunger zum politischen Thema zu machen.

Zu Hungerkatastrophe und Bankenkrise kommt nun ein Demokratiedefizit. Welchen Ausweg sehen Sie?

Wir hätten mit dem Grundgesetz alle Waffen in der Hand für den demokratischen, legalen, friedlichen Aufstand, um Radikalreformen zu erreichen. Die Unterernährung schreitet auch in Deutschland voran. Grundschullehrerinnen in Berlin berichten von Kindern, die bleich und ohne Frühstück in die Schule kommen. Völlig absurd ist die herrschende Ideologie, die zu behaupten wagt, Hartz-IV-Empfänger vertränken das Geld, anstatt die Kinder zu ernähren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen in Spanien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, die so bedrängt werden und gleichzeitig die Ungleichheit der Verteilung der Güter erleben, das lange still hinnehmen werden.

Interview: Steffen Twardowski

 


Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern.
C. Bertelsmann Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro