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Wo bleibt das Stoppzeichen aus Deutschland?

Im Wortlaut von Sevim Dagdelen,

Sevim Dagdelen (Foto: mit Heike Hänsel (r.) am 15. Juni 2013 auf dem Gezi-Park in Istanbul) über Solidarität mit der türkischen Opposition

Der Gouverneur von Istanbul sagt, man habe »illegalen Gruppierungen« genügend Zeit zur Flucht gelassen. Wen meint er?

Sevim Dagdelen: Als ich im Gezi-Park war, sah ich Tausende Menschen, ältere, jüngere, Eltern kauften ihren Kindern Süßigkeiten. Es gab Musik, die Leute tanzten. Es war eine Feststimmung. Das Bild, das die Regierung zu zeichnen versucht, ist falsch. Und auch die Aussage, man habe den Leuten genügend Zeit zur Flucht gegeben, ist ein Märchen.

Laut Regierung gab es viele Gewaltbereite ...

Ich habe auf der Seite der Leute im Gezi-Park keinerlei Gewaltbereitschaft gespürt.

Die Opposition ist sehr weit gefächert. Was verbindet die Menschen, was eint sie im Protest?

Sie sind gegen die autoritäre AKP-Regierung. Sie protestieren gegen den Führungsstil von Erdogan. Auch ist die soziale Situation vieler Menschen trotz des Wirtschaftswachstums in der Türkei verzweifelt und verschärft sich weiter. Zudem einigt die Menschen eine Sehnsucht nach Frieden, sowohl innerhalb der Türkei wie nach außen. Sie wollen keinen Krieg gegen Syrien und erst recht keine Unterstützung islamistischer Rebellengruppen dort.

Wie groß ist die Solidarität mit den Menschen, die Erdogan die Stirn bieten?

Es gibt große Sympathien mit den Protestierenden. Wir haben vor dem Sturm der Polizei mit den Vertretern der Taksim-Solidarität gesprochen. Ich habe gefragt, wie wir helfen können. Man hat mir klar erklärt, dass man keine Geldspenden annehmen würde. Das Camp war sehr basisdemokratisch organisiert. Jeden Tag hat man Listen von Dingen angefertigt, die man braucht. Die werden im Internet veröffentlicht. Die Menschen aus der Gegend von Istanbul helfen, wo sie können. Egal ob es um Lebensmittel geht, um Medikamente oder Klamotten, Schuhe, Zelte, Decken ... Man hat also gar keinen Grund, von außen Hilfe zu erbitten.

Nun sagt aber die Regierung, der Protest sei vom Ausland gesteuert und wird auch von dort unterstützt.

Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Ich war vor zwei Wochen schon einmal hier, das war nach den ersten großen Polizeiangriffen. Auch damals gab es schon die Behauptung, alles sei vom Ausland in die Türkei getragen worden. Ich war die erste Parteipolitikerin, die auf dem Plenum der Taksim-Solidarität reden durfte. Schon daran lässt sich ablesen, dass die Behauptung, irgendwelche fremden Parteien würden alles steuern. Unsinn ist. Anders lautende Behauptungen sind Diffamierungs- und Kriminalisierungsversuche der türkischen Regierung. Man will Menschen, die die Freiheit lieben, die sich für Menschenrechte einsetzen, verunglimpfen.

Wie lange werden Sie noch in der Türkei bleiben?

Eigentlich wollte ich am Sonntag zurückfliegen. Doch jetzt bleibe ich. Gerade hat die Regierung damit begonnen, die öffentlichen Verkehrsmittel einzusetzen, um die Parteigänger der AKP zu einer Erdogan-Demonstration zu karren. Es gibt aber auch den Versuch der Opposition, heute massiv mit einer Million Menschen auf dem Taksim-Platz Flagge zu zeigen. Doch der Platz ist gesperrt. Die Gefahr ist sehr hoch, dass die Polizei alles weiter eskaliert. Es muss von Deutschland aus auch dringend ein Stoppzeichen wie die Aussetzung der Militärkooperation geben, sonst – befürchte ich – wird das in Ankara als grünes Licht für ein Verschärfung bis hin zum Bürgerkrieg verstanden.

Fragen: René Heilig

neues deutschland, 17. Juni 2013

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