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»Wir brauchen einen Paradigmenwechsel«

Interview der Woche von Nicole Gohlke,

Nicole Gohlke, Bildungsexpertin im Spitzenteam der LINKEN und hochschulpolitische Sprecherin der Fraktion, erläutert im Interview der Woche den Unterschied zwischen Ganztags- und Gemeinschaftsschule und kritisiert, dass die Ganztagsforderungen der CDU nicht über Wahlkampfgeklapper hinaus gehen.

 

Gerade erst ist der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz in Kraft getreten - und kann nicht erfüllt werden -, schon gibt es eine neue Rechtsanspruchsforderung: die nach einem Ganztagsschulplatz. Und diese Forderung kommt ausgerechnet von - der CDU. Sind Sie überrascht?

Nicole Gohlke: Nein, denn das ist die typische Wahlkampfmasche der CDU. Kurz vor den Wahlen werden ein paar Wohltaten versprochen, um die Menschen an die Wahlurnen zu locken. Ich erinnere an eines der letzten Wahlversprechen der CDU – die Rentenangleichung zwischen Ost und West. Das wurde sogar im Koalitionsvertrag vereinbart. Dieses Wahlversprechen wurde gebrochen. Wie soll man der CDU denn ausgerechnet jetzt abkaufen, einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz durchzusetzen? Ich frage mich auch, was die CSU davon hält. Deren prähistorisches Familienbild mit dem Betreuungsgeld beißt sich mit der Idee eines Rechtsanspruches für einen Ganztagsschulplatz.

Der CDU-Vize Thomas Strobel beruft sich bei seiner Forderung auf eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung, nach der 70 Prozent aller Eltern ihr Kind auf eine Ganztagsschule schicken wollen. Geht es bei dem Thema nur um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Ganztagsschulen sind aus drei Gründen wichtig: Sie sind erstens enorm wichtig für eine Gesellschaft, die die Vereinbarkeit von Familie, Leben und Beruf endlich Wirklichkeit werden lassen möchte. Noch immer sind es vor allem die Frauen, die wegen des Großteils der Kindererziehung auf ihre Karrierechancen verzichten. Ganztagsschulen können zweitens einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Immerhin ermöglicht es gerade Kindern aus bildungsfernen Haushalten, mehr Anreize auch im außerunterrichtlichen Bereich zu bekommen. Drittens ermöglichen Ganztagsschulen durch die Aufhebung des 45-Minuten-Rhythmus einen besseren Mix aus Lern- und Entspannungsphasen. Deshalb hat sich DIE LINKE schon immer für mehr Ganztagsschulen eingesetzt.

Sind Ganztagsschulen also der Schlüssel zu mehr Chancengleichheit?

Der Ganztagsbetrieb ist nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Das gemeinsame Lernen von Einschulung bis Schulabschluss mit individueller Förderung ist das Geheimnis. Dies kann nur an Gemeinschaftsschulen realisiert werden. Ein Ganztagsgymnasium bleibt genauso ein Gymnasium wie eine Ganztagshauptschule eine Hauptschule bleibt. Wir LINKE wollen aber das selektive Schulsystem endlich überwinden und wollen "Eine Schule für alle". Deshalb sagen wir im Unterschied zur SPD auch: Die Ganztagsschule allein wird die Abhängigkeit des Bildungserfolges vom Geldbeutel der Eltern nicht überwinden. Das schaffen nur Gemeinschaftsschulen, wie die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie über Gemeinschaftsschulen in Berlin zeigen.

Was macht die Besonderheit des Projekts "Gemeinschaftsschule"aus?

Die Gemeinschaftsschule hat gegenüber allen anderen Schulformen ein Alleinstellungsmerkmal: In ihr lernen die Schülerinnen und Schüler von der ersten Klasse bis zum Abitur gemeinsam und zugleich individuell – ohne Schulwechsel, ohne Selektion. Individuell ist überhaupt das entscheidende Stichwort: Im Gegensatz zum Regelschulsystem werden an Gemeinschaftsschulen die Kinder und Jugendlichen individuell gefördert. Und von dieser individuellen Förderung profitieren nicht nur die sogenannten leistungsschwachen, sondern auch die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler. Was mich aber ganz besonders freut: Gemeinschaftsschulen schaffen es, die Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Bildungschancen faktisch aufzuheben. Das belegt eine wissenschaftliche Studie, die die Berliner Gemeinschaftsschulen unter die Lupe genommen hat. Damit sind Gemeinschaftsschulen für uns LINKE die Schulen der Zukunft.

Ganztagsschule ist also nicht gleich Gemeinschaftsschule. Worauf kommt es aus Ihrer Sicht an?

Entscheidend ist, dass die Kinder und Jugendlichen nicht nach vermeintlichen Begabungen auf verschiedene Schulformen sortiert werden, sondern gemeinsam lernen und individuell gefördert werden. Das gelingt an Gemeinschaftsschulen. Gemeinschaftsschulen sind auch von ihrem pädagogischen Verständnis her inklusive Schulen. Sie leisten somit einen echten Beitrag zur Chancengleichheit. Wer von Chancengleichheit spricht und aus dem gegliederten Schulsystem ein gegliedertes Ganztagsschulsystem machen will, meint es nicht ernst. Ganztagsschulen allein reichen nicht aus. Wir brauchen vielmehr einen Paradigmenwechsel: längeres gemeinsames Lernen, individuelle Förderung, kein Sitzenbleiben, inklusive Pädagogik und natürlich auch den Ganztagsbetrieb. Aber er ist eben nur eine von vielen Bedingungen für ein gutes Schulsystem.

Schulpolitik ist Ländersache. Bleibt Ihnen auf Bundesebene überhaupt Spielraum für Ausbau und Veränderungen?

Es gibt jede Menge Spielräume. Das zeigt doch schon das Beispiel des Ganztagsschulprogrammes der Schröder-Regierung. Hätte der Bund damals die Länder nicht mit viel Geld gelockt, wären Ganztagsschulen in vielen Bundesländern noch Mangelware. Das ist jetzt leider nicht mehr möglich, weil ausgerechnet CDU und SPD das Grundgesetz geändert und dem Bund damit verboten haben, Bildung zu finanzieren. Wir LINKE haben damals dagegen gestimmt und mehrfach beantragt, diesen Fehler und das unsägliche Kooperationsverbot rückgängig zu machen. Bis jetzt leider erfolglos. Wir werden aber nicht locker lassen und den Finger so lange in die Wunde legen, bis wir erfolgreich sind. Die jetzige Situation ist nicht hinnehmbar. Bildung ist für uns LINKE ein Menschenrecht. Deshalb müssen wir deutlich mehr in Bildung investieren. Der Bund darf die Länder nicht bei der Bildungsfinanzierung allein lassen.

 

linksfraktion.de, 12. August 2013